Von der DDR über Peru in die Bundesrepublik

Erinnerung an eine deutsch-deutsche Wanderungsgeschichte zum 25. Tag der Deutschen Einheit

Reisefreiheit ist ein Bestandteil der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, dennoch war es Bürgern der DDR fast unmöglich das Land zu verlassen. Auch wenn die Ausreise nicht gänzlich verboten war, so war sie durch die DDR-Behörden an unzählige Hindernisse gebunden. Die Regierung tat viel, um die Ausreise in den Westen zu unterbinden. Eine Frau, die es trotzdem geschafft hat, das Land zu verlassen, war Saskia von Brockdorff. 1970 wanderte sie zunächst von Ost-Berlin nach Peru aus und kehrte schon 1973 wieder zurück nach Deutschland – allerdings in die Bundesrepublik nach Coesfeld in Nordrhein-Westfalen. Ihre Lebensgeschichte hat Saskia von Brockdorff dem Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven zur Verfügung gestellt.

Brockdorff Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Ausschnitt eines Briefes von Saskia von Brockdorff, in dem sie über den Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren, schreibt. 1972.
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Am 28. Oktober 1937 wird Saskia von Brockdorff in Ost-Berlin geboren. Sie ist die Tochter von Erika von Brockdorff, einer Widerstandkämpferin der „Roten Kapelle“. „Meine Mutter wurde 1943 von den Nazis hingerichtet“, erzählt Saskia von Brockdorff. „Nach ihrem Tod brachte sie meinem Vater und mir noch viele Vorteile, denn Mitglieder der Roten Kapelle wurden in der DDR als antifaschistische Helden angesehen.“

1969 heiratet Saskia den Peruaner Luis Núñez, der mithilfe eines Stipendiums Architektur in der DDR studierte. „Wahrscheinlich hätte ich die Genehmigung für die Hochzeit ohne das hohe Ansehen meiner Mutter nie bekommen. Das ist also einer der Vorteile, den ich durch sie hatte“, sagt Saskia von Brockdorff. Nach dem Abschluss des Studiums muss Luis zurück in sein Heimatland, Saskia begleitet ihn. „Und obwohl ich durch die Heirat die peruanische Staatsbürgerschaft hatte, wollte die DDR von mir ein Visum für die Auswanderung nach Peru. Das war völliger Nonsens“, berichtet sie. „Ich reiste also nach Prag zur peruanischen Botschaft und selbst der Botschafter konnte nicht nachvollziehen, was die DDR verlangte.“ Nachdem sie mit den Papieren zurück in Berlin bei ihrem Mann war, fliegen sie 1970 gemeinsam in die peruanische Hauptstadt Lima. Nach einiger Zeit findet Saskia bei dem westdeutschen Unternehmen Bayer eine Anstellung als Chefsekretärin. „Die Erfahrungen bei Bayer waren unterschiedlich, aber ich konnte mich schnell an die neue Situation anpassen und durch meine Position als Sekretärin des Betriebsleiters hatte ich eine etwas privilegierte Stellung in der Firma.“

Unternehmen durften in Peru Anfang der 1970er-Jahre nur wenige ausländische Arbeiter beschäftigen. So verhalfen ihr die deutsche Muttersprache, die bei Bayer gewünscht war, und ihre peruanische Staatsbürgerschaft zu dieser Anstellung. Durch deutsche Zeitungen erfährt sie, dass 1973 in Westdeutschland Architekten gesucht werden. Sie beginnt Bewerbungen für ihren Mann zu schreiben, der daraufhin mehrere Angebote erhält. Für eine Stelle im nordrhein-westfälischen Coesfeld gibt er seine Arbeit in Lima auf. Saskia folgt ihrem Mann, geht aber 1979 nach ihrer Trennung nach Münster und kehrt 2001 zurück nach Berlin: „Eine Rückkehr in die DDR war für mich ausgeschlossen, seitdem ich mitbekommen hatte, wie man Rückkehrer dort behandelte“, erklärt sie den Umzug nach West-Berlin. Luis Nuñez kehrt 1987 zurück nach Peru, wo er 2011 verstarb.

„Die Geschichte von Saskia von Brockdorff ist für das Deutsche Auswandererhaus eine ganz besondere, denn als DDR-Bürgerin ist sie einmal nach Peru ausgewandert und dann in die Bundesrepublik eingewandert. Damit ist ihr Lebensweg auch ein Beispiel für die deutsch-deutsche Wanderung“, erklärt Dr. Simone Eick, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses.

Das preisgekrönte Erlebnismuseum in Bremerhaven zeigt seit 2012 neben den Geschichten von Auswanderern nach Übersee auch 300 Jahre Einwanderungsgeschichte nach Deutschland. Vorgestellt werden insgesamt 15 Einwanderergruppen, die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts nach Deutschland gekommen sind und deren Traditionen auch die deutsche Kultur mit geprägt haben. Zu sehen sind einzigartige Fotos, Dokumente und persönliche Gegenstände der Einwanderer.

Neben ihrer Lebensgeschichte hat Saskia von Brockdorff dem Museum auch einige persönliche Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt. Darunter vor allem Unterlagen und Dokumente aus ihrer Zeit in Peru sowie ein Foto von Luis Nuñez und Briefe, die sie aus Peru geschrieben hat. „Es sind die persönlichen, bewegenden Schicksale, die den Kern des Museums ausmachen. Wir sind immer wieder dankbar, wenn Menschen wie Saskia von Brockdorff uns ihre eigenen Geschichten oder aber die ihrer Vorfahren anvertrauen“, sagt Simone Eick. „Nach einem Besuch des Deutschen Auswandererhauses habe ich den Kontakt gesucht, denn ich bin ja nun gewissermaßen zweimal ausgewandert und ich wollte meine Geschichte dem Museum erzählen“, berichtet Saskia von Brockdorff, die heute über eine Zeitzeugenbörse in Schulen geht, um die Lebensgeschichte ihrer Mutter zu erzählen. An die Widerstandskämpferin erinnert heute der Erika-Gräfin-von-Brockdorff-Platz in Berlin-Schöneberg.

Brockdorff Deutsches Auswandererhaus

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus