Fahne symbolisiert deutsch-amerikanischen Brückenschlag

Dem Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven wurde am heutigen Mittwoch (10. Oktober 2018) die Jubiläumsfahne des Vereins „Amt Hagener Society, Inc.“ überreicht, der 1869 von Hagener Auswanderern in New York gegründet wurde. Im Herbst 2017 war das „Denkmal in Weiß mit goldenen Fransen und Schriftzügen“ in die alte Heimat der Vereinsgründer zurückgekehrt.

Die Historikerin Tanja Fittkau (li.) freut sich über die Schenkung von Nancy und Franky Steklar (beide re.). Den Kontakt zum Deutschen Auswandererhaus hatte Hansdieter Kurth (li.) hergestellt. Foto: Deutsches Auswandererhaus

Deutsches Auswandererhaus erhält Jubiläumsfahne des von Auswanderern gegründeten Vereins „Amt Hagener Society, Inc.“

Sie trugen Namen wie Cordes, Heesemann, Kobbenring, Mensing, Otten oder Pape. Sie alle stammten aus dem alten Amt Hagen und waren um 1850 über Bremerhaven in die USA, hauptsächlich nach New York, ausgewandert. Dort gründeten einige der Auswanderer 1869 den „Amt Hagener Club“, der sich 1936 mit dem 1884 gegründeten „Amt Hagener Verein“ zur „Amt Hagener Society, Inc.“ zusammenschloss. Eine aufwändig gestickte Flagge, die 1969 anlässlich des 100-jährigen Bestehens von dessen „Damen-Zirkel“ angefertigt wurde, erinnert an diesen Verein. Im Herbst 2017 ist das „Denkmal in Weiß mit goldenen Fransen und Schriftzügen“, wie der ehemalige Redakteur der Hagener Heimatzeitung „Unter der Staleke“, Hansdieter Kurth, die Jubiläumsfahne beschreibt, selbst ausgewandert – und zwar in die alte Heimat der Hagener Vereinsgründer. Am Mittwoch, 10. Oktober 2018, haben die Geschwister Nancy und Franky Steklar dem Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven die Fahne als bewegendes Zeugnis einer regionalen Auswanderungsgeschichte für seine Museumssammlung überreicht.

Nancy und Franky Steklar, die in Hagen-Offenwarden den „Café-Salon 1900“ in der von ihnen liebevoll restaurierten Villa Offenwarden betreiben, waren ganz zufällig in den Besitz der Fahne gelangt: „Wir bekamen eines Tages eine E-Mail von Ruth Wedelich, die in Princeton wohnt und die Fahne von ihren Eltern, die wohl in dem Verein aktiv gewesen waren, geerbt hatte. Sie wollte, dass die Fahne nach Deutschland zurückkommt und auf der Suche nach einem geeigneten Ort war sie auf unseren Cafe-Salon gestoßen und hat uns kontaktiert“, erzählt Nancy Steklar. Sie und ihr Bruder bekamen die Fahne letztes Jahr überreicht, als Frau Wedelich wieder einmal auf Heimaturlaub war. „Wir versprachen ihr, dass wir uns um einen angemessenen Ort kümmern würden, in dem diese historische Fahne gut aufgehoben sei, und haben sofort an das Deutsche Auswandererhaus gedacht.“

Das Bremerhavener Museum, das anhand von realen Familiengeschichten und inszenierten Ausstellungsräumen 300 Jahre deutscher Aus- und europäischer Einwanderungsgeschichte präsentiert, verfügt über eine einzigartige Sammlung. „Wir sammeln zum einen die Lebensgeschichten von Migranten oder deren Nachfahren, gekoppelt mit Fotografien, Dokumenten und ganz persönlichen Erinnerungsstücken, die die individuellen Lebensgeschichten dokumentieren“, erklärt Tanja Fittkau, die die Sammlung des Deutschen Auswandererhauses betreut. „Gleichzeitig sammeln wir aber auch Dokumente und Objekte zur Landes- und Reisekunde sowie zu Migration und Integration im Allgemeinen.“ Ziel sei es zum einen, die deutsche Migrationsgeschichte und ihre Objekte als Kulturgut zu bewahren, zum anderen, die Lebensgeschichten von Migranten lebendig zu halten. „Und so ist die Fahne der Hagener Society eine ganz wunderbare Ergänzung, weil sie für so vieles steht: für die Auswanderung zahlreicher Hagener, für die Verbundenheit der Auswanderer mit ihrer alten Heimat – und nicht zuletzt für den Zusammenhalt in der neuen Heimat“, freut sich die Historikerin.

Gegründet wurde die Amt Hagener Society ursprünglich als gemeinnütziger Verein zur Selbsthilfe, Kranken- und Altenpflege anlässlich einer Brandkatastrophe, die am 5. September 1869 in Kassebruch – seit 1974 der Samtgemeinde Hagen zugehörig – ausgebrochen war. Nachdem innerhalb kürzester Zeit 60 Wohn- und Nebengebäude zerstört worden waren, hatte die Katastrophe eine große Hilfsbereitschaft unter den ausgewanderten Althagenern ausgelöst. „Die Vereinsmitglieder in New York setzten sich aber auch für andere Neuankömmlinge aus ihrer deutsche Heimatgemeinde ein und ließen ihnen zum Beispiel Starthilfe zukommen, damit sie sich in ihrer neuen Umgebung einleben und integrieren konnten“, weiß Hansdieter Kurth. Er berichtet auch von verschiedenen Gründen, die die Hagener im 19. Jahrhundert auswandern ließen: dass sich zum Beispiel ab 1866, als das Königreich Hannover Preußische Provinz wurde, immer mehr junge Männer dem zu erwartenden harten preußischen Militärdienst durch Auswanderung entzogen – 1867/68 war es etwa ein Viertel der Wehrpflichtigen. Hinzu kam die Änderung im Erbfolgegesetz, welches besagte, dass Bauernhöfe an den erstgeborenen Sohn vererbt wurden. So mussten die leer ausgegangenen jüngeren Brüder als Knechte bei ihrem älteren Bruder arbeiten – oder sie wanderten aus und bauten sich andernorts, meist in den USA, unter schweren Bedingungen ein neues Leben auf.

Der Verein „Amt Hagener Society, Inc.“ war nicht der einzige seiner Art, den Auswanderer in ihrer neuen Heimat gründeten. Nach den Recherchen von Hansdieter Kurth gab es aus der Region 35 Männer- und zwölf Frauenvereine, darunter etwa der „Amt Lilienthaler Verein“ (gegründet 1869), der „Amt Verdener Verein“ (1870), der „Amt Osterholzer Verein“ (1873) sowie Vereine von Ritterhudern, von Hambergern und von Gnarrenburgern.

Haben auch Sie Zeugnisse einer Aus- oder Einwanderungsgeschichte, die Sie dem preisgekrönten Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung überlassen möchten? Dann kontaktieren Sie uns unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder informieren Sie sich hier auf unserer Sammlungsseite.