„… GOOD MUSIC …”

Sonderausstellung bis 31. Januar 2018

Einblicke in die Sonderausstellung.

„… GOOD MUSIC …” Zwei deutsche Musiker in Amerika 1880 – 1939

„Einige Deutsche (...) haben gute Musik und Literatur in die Stadt gebracht”, schreibt die amerikanische Schriftstellerin Martha Lamb 1876 im „Harper’s Magazine” über die boomende Stadt Newark in New Jersey. Und zu dieser „good music” zählten auch Marsch und Polka als Unterhaltungsmusik, die man an der ganzen amerikanischen Ostküste Ende des 19. Jahrhunderts in Ausflugs- und Tanzlokalen oder in den Musikpavillons im quirligen Badeort „Asbury Park” hörte. Gespielt eben auch von eingewanderten deutschen Berufsmusikern. Dieses bisher unbekannte Kapitel in der deutsch-amerikanischen Geschichte präsentiert die neue Sonderausstellung „... GOOD MUSIC ...” Zwei deutsche Musiker in Amerika 1880 – 1939, die das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven vom 7. August 2017 bis zum 31. Januar 2018 zeigt.

Vom Hochtaunus nach New Jersey

Nach Newark und in ein Leben als Berufsmusiker zieht es 1880 Louis Schütz aus dem Dorf Westerfeld im Hochtaunus. Gelernt hat er sein Handwerk in einer Mainzer Militärkapelle, wo er fünf Jahre dient. In seinem Heimatdorf besitzt seine Familie seit Jahrhunderten einen Bauernhof. Louis Schütz jedoch wandert nach Amerika aus – „denn um das Loos in Deutschland als armer Mann ist Niemand zu beneiden“, wie er am 12. Juli 1883 nach Hause schreibt. Im selben Jahr holt er seinen jüngeren Bruder Fritz nach. Beide spielen als Blasmusiker erfolgreich über Jahrzehnte in „Voss’ First Regiment Band”, die aus einer Militärkapelle des amerikanischen Bürgerkrieges hervorgegangen ist. Gemeinsam erleben sie die Revolutionierung der Musikbranche: Die Live-Auftritte in Sälen und auf Plätzen rücken zugunsten der Tonaufnahmen im Studio zunehmend in den Hintergrund. Die Schützbrüder bezeichnen es bereits in den 1890er Jahren als ihr „Hauptgeschäft“, für den Phonographen Musik aufzunehmen. Louis Schütz begleitet in den 1920er Jahren Stummfilme musikalisch.

„Als junge, gut qualifizierte Männer gehören Louis und Fritz Schütz zum klassischen Typ des deutschen Auswanderers in den 1880er Jahren. Besonders ist allerdings ihre Qualifikation als Musiker – es sind in dieser Zeit ja sonst vor allem Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner nach Übersee gegangen“, erklärt die Direktorin des Deutschen Auswandererhauses Dr. Simone Eick. Einzigartig wird diese musikalische Auswanderungsgeschichte auch durch die erhaltenen Briefe der beiden Brüder und ihrer Kinder, die sie an die Verwandten in Deutschland schicken: Über 130 Briefe kommen in Westerfeld im Taunus aus den USA an. Sie umfassen einen Zeitraum von mehr als 80 Jahren: 1880 schreibt Louis Schütz seinen ersten Brief aus Newark, 1939 seinen letzten kurz vor seinem Tod; der allerletzte Brief aus Amerika erreicht 1963 die Enkelin von Louis’ und Fritzens Bruder Heinrich und teilt mit, dass die Tochter von Fritz und letzte Briefschreiberin gestorben sei. Danach bricht der Kontakt ab.

Dieses einzigartige Konvolut fand der Bremer Historiker Dr. Diethelm Knauf bei einem Nachfahren der Familie Schütz, Bernd Höser, in Neu-Anspach/Westerfeld. Unter Mitwirkung von Wissenschaftlern des Deutschen Auswandererhauses kuratierte Diethelm Knauf die Ausstellung. „In ihren Briefen berichten Louis und Fritz Schütz von privaten familiären Ereignissen, aus ihrem Musiker-Leben und über ganz alltägliche Belange. Mitteilenswert ist für sie beispielsweise, wie viel Fleisch in Amerika gegessen wird – und wie frei man sich dort im Vergleich zu Deutschland fühlen könne”, sagt Diethelm Knauf. Die Briefe wurden für die Ausstellung digital aufbereitet, so dass die Besucher zahlreiche Facetten des Lebens in der deutsch-amerikanischen Community in Newark und an der gesamten Ostküste der USA zwischen 1880 und 1939 erkunden können. Ein Aspekt dabei ist die musikalische Entwicklung in diesem Zeitraum: In den 1920er Jahren sind Marschmusik und Polka nicht mehr gefragt, vielmehr sind Swing und Jazz angesagt. Zahlreiche Hörbeispiele machen diese Entwicklung – auch für Nichtmusiker – eindrucksvoll nachvollziehbar.

„Anders als vor 140 Jahren verbinden Viele heute mit Marschmusik weniger Unterhaltung oder Tanzvergnügen als vielmehr Krieg und Gewalt, Nationalsozialismus und Neo-Nazis”, erklärt Simone Eick. Und so beschäftigt sich das Begleitprogramm zur Sonderausstellung neben den musikhistorischen Themen auch mit der Frage, inwieweit deutschnationales und rechtes Gedankengut in den deutsch-amerikanischen Gemeinden in New Jersey und New York zwischen 1900 und 1945 verbreitet war.

Informationen

Die Sonderausstellung „... GOOD MUSIC ...” Zwei deutsche Musiker in Amerika 1880 – 1939 ist bis zum 31. Januar 2018 im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven zu sehen.

Unter dem selben Titel ist ein von Simone Blaschka-Eick und Christoph Bongert herausgegebener Katalog in der edition DAH (ISBN 978-3-981-786132) erschienen. Das Buch kostet 11,80 Euro und ist im Museumsshop oder gegen Rechnung zzgl. Portogebühren unter der E-Mail info@dah-bremerhaven.de erhältlich. Weitere Informationen zu dem Begleitband finden Sie hier.

Zu der Sonderausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit (Kuratoren-)Führungen, Vorträgen, Filmvorführungen, Konzerten, Tanzworkshops für Erwachsene und  Musikworkshops für Kinder. Die Termine finden Sie hier.