Heimweh – „ein bisschen wie Liebeskummer“

Was ist Heimweh? Dieser Frage widmet sich das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven in einer umfangreichen Studie: 24 Studierende aus Bremen, Bremerhaven, Elsfleth, Oldenburg und Osnabrück erzählten in persönlichen Interviews von ihren Erfahrungen, fern der Heimat zu studieren. Zudem nahmen über 1000 Besucher an einer anonymen Multiple Choice-Umfrage teil. Nun liegen erste Ergebnisse beider Studienteile vor, die zeigen: Heimweh ist vielfältig, vielschichtig und ein „gutes Problem“.

„Heimweh und Migration gehören eng zusammen“, erklärt Dr. Simone Eick, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses, den Hintergrund der Studie. In der Sammlung des preisgekrönten Erlebnismuseums erzählen über 3.000 Familienkonvolute die Lebensgeschichten von Aus- sowie Einwanderern und manchmal auch von deren Sehnsucht nach der Heimat. „Oral History-Interviews, die Aufzeichnung der Erinnerungen von Zeitzeugen, sind wichtig, wenn wir Gefühle erforschen, für die es kaum textliche Belege gibt“, so Simone Eick zu der Entscheidung, das direkte Gespräch mit „Betroffenen“ zu suchen. Die Interviews mit den Studierenden ergaben über elf Stunden Audio- und Video-Rohmaterial.

„Die erste Analyse zeigt, dass Heimweh ein vielschichtiger Begriff ist. Die Situationen, in denen die Befragten Heimweh erlebten, schwanken zwischen kurzen Momenten und mehreren Monaten. Am häufigsten damit verbunden ist die Sehnsucht nach Orten und Personen, die im Leben der Studierenden eine wichtige Rolle spielen. Daneben dominieren Gefühle wie Traurigkeit und Einsamkeit“, so Teresa Grunwald. Die Kulturhistorikerin ist am Deutschen Auswandererhaus als Volontärin für Presse und Marketing tätig; die Durchführung der Studie und der damit verbundenen Öffentlichkeitsarbeit stellen ihr Abschlussprojekt dar. Wissenschaftlich unterstützt wurde sie von Katie Heidsiek, Sozialwissenschaftlerin am Deutschen Auswandererhaus. Als Auslöser für Heimweh identifiziert Teresa Grunwald eine angespannte private Lage sowie die räumliche und, im Fall von Auslandsaufenthalten in unterschiedlichen Zeitzonen, auch „zeitliche Entfernung“ von der Heimat. Für den 23-jährigen Antonio Basilicata, der in Bremen studiert und auch dort geboren ist, bedeutet Heimweh, „dass ich einen Bezugspunkt oder Ort habe, mit dem ich mich sehr verbunden fühle, an dem ich aber aus irgendeinem Grund nicht sein kann“. Für das Studium aus Kempten nach Bremerhaven gezogen ist Emily Piccon, 21 Jahre alt. „Heimweh ist das Gefühl, wieder zu den Personen zurückkehren zu wollen, die in der Heimat sind“, meint sie. Florence Poniewas ergänzt: „Heimweh ist ein bisschen wie Liebeskummer.“ Aktuell wohnt die 25-Jährige in Bremen und studiert in Oldenburg. Für ihr Bachelor-Studium hat sie einige Zeit in Osnabrück verbracht.

Eine Zwiegespaltenheit mit Blick auf die Sehnsucht nach der Heimat zeigt sich in der quantitativen, anonymen Besucherbefragung: 30 Prozent der Gäste des Deutschen Auswandererhauses bewerteten Heimweh gleichermaßen als „gut“ und „problematisch“. Hieraus ergibt sich eine spannende Frage für die weitere Analyse: „Ist Heimweh ein gutes Problem?“. Ein tieferer Blick in die Daten macht zudem deutlich, dass beispielsweise das Alter Auswirkungen auf das Empfinden von Heimweh hat. Woran dies liegt, wird nun weiter erforscht.

Das Deutsche Auswandererhaus entschied sich bewusst für die parallele Durchführung von qualitativen, persönlichen Interviews mit einer kleinen Teilnehmergruppe sowie einer breitangelegten, quantitativen Befragung von Besuchern: „Die Aussagen der Studierenden gewährten detaillierte Informationen zu ihren persönlichen Erlebnissen, wohingegen die Besucherumfrage einen breiten Überblick  über die Meinung vieler Leute ermöglicht“, so Katie Heidsiek. „Studierende migrieren über kürzere oder längere Zeiten und Entfernungen und kommen so verstärkt mit Heimweh in Berührung“, erläutert sie weiter die Wahl der Zielgruppe für die persönlichen Interviews. Denn: Migration ist nicht nur die Auswanderung auf Dauer, sondern auch der temporäre Umzug innerhalb eines kleinen geographischen Raums.

Besucherbefragungen sind schon lange Teil des Konzepts des Deutschen Auswandererhauses. Seit der Eröffnung im Jahr 2005 partizipierten über 22.000 Museumsgäste. Die Ergebnisse fließen immer wieder in die Dauerausstellungen und in Sonderausstellungen ein.

Antonio Basilicata und Emily Piccon (m.) besprechen mit Teresa Grunwald vom Deutschen Auswandererhaus (r.), die die Studie "Heimweh" durchführte, die ersten Ergebnisse.

Antonio Basilicata, 23, ist geboren und aufgewachsen in Bremen. In der Hansestadt absolviert er auch sein Studium, in dessen Rahmen er ein fünfmonatiges Auslandssemester in Mailand verbrachte.

Kathrin Müller, 24, stammt aus Regensburg, Bayern. Für ihr Studium zog sie nach Osnabrück. Praktika führten sie in dieser Zeit nach Barcelona und Lissabon.

Emily Piccon, 21, ist für das Studium aus Kempten, Bayern, nach Bremerhaven gezogen.

Florence Poniewas, 25, wohnt aktuell in Bremen und studiert in Oldenburg. Für ihr Bachelor-Studium hat sie einige Zeit in Osnabrück verbracht.

Unser Blogbeitrag im Logbuch Bremerhaven