Geschichte

Der Neue Hafen in Bremerhaven um 1888. An der Stelle des Lagerschuppens in der Bildmitte befindet sich heute das Deutsche Auswandererhaus. © Deutsches Schifffahrtsmuseum

Das Deutsche Auswandererhaus am Neuen Hafen von Bremerhaven. Seit der Erweiterung 2012 Deutschlands einziges Migrationsmuseum, das die Aus- und die Einwanderungsgeschichte dieses Landes präsentiert. Foto: Kay Riechers

Authentischer Standort

Das Deutsche Auswandererhaus steht an einem historischen Standort. Es liegt direkt am Neuen Hafen in Bremerhaven, der 1852 eröffnet wurde und von dem bis 1890 knapp 1,2 Millionen Menschen in die Neue Welt aufbrachen. Neben dem Neuen Hafen waren der Alte Hafen, die Kaiserhäfen und die Columbuskaje Abfahrtsorte für die insgesamt 7,2 Millionen Auswanderer, die von Bremerhaven aus in die Neue Welt zogen.

Eröffnet wurde das Deutsche Auswandererhaus am 8. August 2005. Über zwanzig Jahre lang hatten sich in Bremerhaven Menschen aus Kultur, Politik und Wirtschaft dafür eingesetzt, dass am größten deutschen Auswandererhafen ein Museum zum Thema Auswanderung errichtet wird. Besonders der 1985 gegründete „Förderverein Deutsches Auswanderermuseum“ und der 1998 gegründete ,,Initiativkreis Erlebniswelt Auswanderung“ engagierten sich sehr für die Errichtung eines solchen Hauses. Aus ihnen sind mittlerweile der „Freundeskreis Deutsches Auswandererhaus“ und der „Initiativkreis Deutsches Auswandererhaus“ hervorgegangen. Dank ihrer Bemühungen konnte schließlich der Bau des europaweit einzigartigen Erlebnismuseums zur deutschen und europäischen Auswanderungsgeschichte in Bremerhaven realisiert werden.

Am 22. April 2012 eröffnete das Deutsche Auswandererhaus einen Erweiterungsbau, in dem über 300 Jahre Einwanderungsgeschichte nach Deutschland präsentiert werden. Auch die erste Ausstellungsteil - der Auswanderungskomplex - wurde in diesem Zusammenhang um das Thema der deutschen Einwanderung in die USA seit 1683 erweitert.

Durch die Verbindung von historischer sowie aktueller Aus- und Einwanderung hat sich das Deutsche Auswandererhaus zum bundesweit ersten Migrationsmuseum entwickelt. Im Jahr 2007 wurde das Deutsche Auswandererhaus vom Europäischen Museumsforum EMF für sein innovatives Ausstellungskonzept mit dem bedeutenden European Museum of the Year Award als bestes Museum in Europa ausgezeichnet.

Wie fühlt es sich an, auszuwandern und die alte Heimat für immer hinter sich zu lassen? An der Kaje – der detailgenauen Rekonstruktion einer Kaianlage um 1880 – lässt sich der schwierige Moment des Abschieds erahnen. Unter der meterhohen Bordwand des Schnelldampfers „Lahn“ sind Reisende aus unterschiedlichen Epochen versammelt. Sie alle verbindet der Aufbruch in ein fremdes Land. Werden sie jemals zurückkehren? Gibt es ein Wiedersehen mit der Familie?

Im Erweiterungsbau zur Einwanderungsgeschichte nach Deutschland wirbt das Kaufhaus in seinem Schaufenster für Kleidung, Elektro- und Haushaltwaren. Die Schaufensterpuppen tragen modische Kleidung und Textilien von Einwanderern. So findet sich etwa das von einer vietnamesischen Vertragsarbeiterin in der DDR genähte Imitat einer West-Jeans neben der Armeemütze eines serbischen Bürgerkriegsflüchtlings. Inmitten eines Campinggeschirrs von 1973 steht die Trinkflasche eines polnischen Bergarbeiters aus dem Ruhrgebiet.

Authentische Biographien

Anhand 34 realer Familiengeschichten werden in dem Bremerhavener Erlebnismuseum 300 Jahre deutsche Migrationsgeschichte ebenso emotional wie informativ vermittelt. Während ihres Rundgangs begleiten die Museumsgäste die Lebensgeschichte jeweils eines Aus- und eines Einwanderers und lernen auf diese Weise die unterschiedlichen Gründe kennen, die Menschen dazu bewogen haben – und noch immer bewegen – ihre Heimat zu verlassen, um in der Ferne ein vermeintlich besseres Leben zu führen.

Authentische Inszenierungen

Die Besucher des Migrationsmuseums begeben sich auf eine historische Zeitreise und tauchen inmitten detailgetreuer Rekonstruktionen originaler Orte und Schauplätze in die Welt der Aus- und Einwanderung ein.

Die konzeptionelle und architektonische Gestaltung des Hauses wurde von dem Hamburger Studio Andreas Heller Architects & Designers entworfen. Das Deutsche Auswandererhaus ist als Private Public Partnership-Projekt konzipiert. Die Finanzierung des Haupthauses erfolgte durch Mittel des Landes Bremen und der Stadt Bremerhaven. Seit der Eröffnung 2005 wird das Museum von der Betreibergesellschaft „Paysage House 1 – Gesellschaft für Kultur und Freizeit mbH & Co. KG“ rein privatwirtschaftlich betrieben. Mit dieser Struktur nimmt das Deutsche Auswandererhaus eine Sonderstellung unter den kulturhistorischen Museen in Deutschland ein. Die finanziellen Mittel für den Erweiterungsbau und den teilweisen Umbau des Haupthauses wurden vom Bund, dem Land Bremen mit Unterstützung des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie von der privaten Betreibergesellschaft aufgebracht. Die Stadt Bremerhaven stellte das Grundstück zur Verfügung.

Museumstechnologie

RFID-Ticket

Im Deutschen Auswandererhaus kommt modernste Museumstechnologie zum Einsatz. Sie steckt auch in der Eintrittskarte, der iCard, und macht diese zum Schlüssel, der die Welt des preisgekrönten Migrationsmuseums erschließt.

Die Handhabung ist ganz leicht: Wird die iCard - ob bei Computer- oder Hörstationen - gegen eine markierte Stelle gehalten, erhält man während seiner Zeitreise Zugang zu Informationen ganz unterschiedlicher Art. So erfährt man nicht nur die Familiengeschichten der einzelnen Aus- und Einwanderer, die man während des Museumsrundgangs begleitet, sondern auch die entsprechenden historischen Hintergrundinformationen, um das einzelne Familienschicksal in die Geschehnisse der jeweiligen Epoche einordnen zu können. Und wer möchte, kann sich während des Rundgangs durch das Erlebnismuseum an einer Fotostation fotografieren lassen. Das Bild wird auf der iCard gespeichert und kann gegen ein Entgeld im Museumsshop ausgedruckt werden - eine schöne Erinnerung an den Ausflug ins Deutsche Auswandererhaus.

Möglich macht dies alles die so genannte Radio Frequency Identity-Technologie (RFID). Sie funktioniert im Verborgenen und wird von speziellen Lesegeräten und Servern gesteuert.

Deutsches Auswandererhaus

In der "Galerie der 7 Millionen" erfahren die Besucher, weshalb die Auswanderer in die Neue Welt emigrierten - wie hier Martha Hüner, die als 17-Jährige 1923 nach New York zog.

Film & Kino

Das „Roxy“-Kino begrüßt die Museumsbesucher mit dem Charme eines Lichtspieltheaters der 1950er Jahre. In Anlehnung an die charakteristische Linienführung der Nachkriegsarchitektur ersteht vor ihren Augen ein typisches Kino aus den Zeiten des Wirtschaftswunders. Im Vorraum werden klassische Szenen der bundesrepublikanischen Einwanderungsgeschichte gezeigt und Hörstationen informieren über die Einflüsse der Einwanderung auf Literatur, Film und Popkultur. Weit entfernt von Wirtschaftswunder-Nostalgie sind jedoch die vier Kurzfilme, die in dem Kino zu sehen sind - allesamt Produktionen des Deutschen Auswandererhauses.

Grimme-Preisträger Ciro Cappellari drehte zwei von ihnen exklusiv für das Museum: „Welcome Home“ (2005) und „24h Buenos Aires“ (2007). Im Jahr 2013 kam der dritte Film hinzu: „DOWN UNDER“. Verdichtet in eindrucksvollen Bildern stellen diese drei Kurzdokumentationen deutsche Einwanderer und ihre Nachfahren in den USA, in Argentiniens Hauptstadt und in Australien vor. Ihre unterschiedlichen Erwartungen, Träume, Erfahrungen und Erlebnisse werden zu bewegenden persönlichen Erzählungen verbunden.

Dass Liebe keine Grenzen kennt, zeigt der vierte Kurzfilm „Deutsch-Türkische LIEBE“ (2015), der wie ein klassisches Roadmovie aufgebaut ist: Fünf deutsch-türkische Paare erzählen ebenso ernsthaft wie humorvoll von ihren interkulturellen Liebesbeziehungen und dem Umgang mit der anfänglich „fremden“ Kultur der Partnerin bzw. des Partners.

Trailer zu diesen (und anderen) Filmen finden Sie hier.

Deutsches Auswandererhaus

Foyer des Roxy-Kinos.

Architektur

Ein- und Auswanderung braucht beides: Zuversicht und den Mut zur Entbehrung. Diese Eigenschaften spiegelt auch die Architektur des Deutschen Auswandererhauses wieder. In die weiche, ovale Grundform aus Sichtbeton schiebt sich im Haupthaus das holzbeplankte Obergeschoss als kantiger Block. Beide Elemente erscheinen als Gegenpole und sind doch untrennbar miteinander verbunden. Auch die aufragenden Betonschwingen betonen die gegensätzlichen Facetten von Migration. Sie stilisieren ein winkendes Tuch, das ein zentrales Symbol des Abschieds und zugleich der Hoffnung auf ein Wiedersehen ist.

Der würfelförmige Erweiterungsbau - eine hölzerne „Box“, ein Aufbewahrungsgebäude - beherbergt diejwnigwn Biographien, anhand derer das Migrationsmuseum die Einwanderungsgeschichte nach Deutschland von 1685 bis heute erzählt.

Eine Brücke verbindet beide Gebäudekomplexe: die deutsche Auswanderungsgeschichte und die deutsche Einwanderungsgeschichte. Symbolhaft wird hiermit gezeigt, dass die Unterscheidung von Aus- und Einwanderung in erster Linie eine Frage der Perspektive ist.

Freunde & Förderer

Die Stiftung Deutsches Auswandererhaus

Die Stiftung Deutsches Auswandererhaus wurde am 17. Januar 2006 von mehreren Freunden und Förderern des Museums gegründet: dem Initiativkreis Deutsches Auswandererhaus e.V., der Stadt Bremerhaven sowie der privaten Betreibergesellschaft des Deutschen Auswandererhauses paysage house 1 – Gesellschaft für Kultur und Freizeit mbH. Ziel der gemeinnützigen Stiftung ist es, das Deutsche Auswandererhaus bei seinen Forschungs- und Ausstellungsprojekten zur internationalen Migrationsgeschichte zu unterstützen und diese einer breiten Öffentlichkeit im In- und Ausland zu vermitteln. In diesem Rahmen fördert die Stiftung den Ausbau der Sammlung und der Archivbibliothek des Deutschen Auswandererhauses.

Für die Dauerausstellung erwarb die Stiftung mit einer Spende des „Initiativkreises“ Felix Schlesingers Gemälde In der Pass- und Polizeistube vor der Emigration aus dem Jahr 1859. Es zeigt einen der zentralen Momente im Leben eines Auswanderers: die Ausstellung des Passes. Erst dieses Dokument ermöglichte die legale Ausreise in ein anderes Land. Das Deutsche Auswandererhaus präsentierte das Werk vom 2. Oktober 2006 bis zum 28. Januar 2007 in einer eigenen Sonderausstellung, die wichtige Dokumente der Auswanderung in Bezug zu Schlesingers Bild setzte. Seitdem ist es in dem Ausstellungsraum „Wartehalle“ für alle Besucher des Migrationsmuseums zu sehen.

Am 7. August 2015, zum zehnjährigen Bestehen des Deutschen Auswandererhauses, hat die Stiftung Deutsches Auswandererhaus gemeinsam mit dem Museum erstmalig den Kalliope-Preis für praxisnahe Migrationsforschung verliehen. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und dient der Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten und Universitätsprojekten zur Einwanderung nach Deutschland oder zur deutschen Auswanderungsgeschichte. Ausgezeichnet wurde ein Projekt der Freien Universität Berlin.
 

Felix Schlesinger, „In der Pass- und Polizeistube vor der Emigration“, Öl auf Leinwand, 1859. (c) Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Kalliope-Preis für praxisnahe Migrationsforschung Stiftung Deutsches Auswandererhaus

Kalliope: Ausschnitt aus einem Bilderbogen. Cesare Ripa, Paris, 1677.

2006 - 2016: Die Stiftung feiert ihr zehnjähriges Bestehen.

Der „Initiativkreis Deutsches Auswandererhaus e.V.“ und der „Freundeskreis Deutsches Auswandererhaus e.V.“

Das Deutsche Auswandererhaus kann auf ein breites Netzwerk aktiver Förderer zählen, die das Museum in unterschiedlichsten Bereichen unterstützen. Das Engagement von Unternehmern und Privatpersonen ist prägend für die Geschichte des Hauses. Bereits 1985 schlossen sich interessierte Bremerhavener Bürger zum „Förderverein Deutsches Auswanderermuseum“ zusammen, um die Einrichtung eines Museums zur Auswanderungsgeschichte anzuregen. 

Der 1998 von lokalen Unternehmern gegründete „Initiativkreis Erlebniswelt Auswanderung“ – heute „Initiativkreis Deutsches Auswandererhaus e.V.“ – verlieh diesem Ziel besonders in der Politik verstärkten Nachdruck.

Auch nach der erfolgreichen Eröffnung des Deutschen Auswandererhauses setzen sich beide Vereine weiterhin für das Museum ein. Der nun in Freundeskreis Deutsches Auswandererhaus umbenannte ehemalige „Förderverein“ übergab dem Haus eine Bibliothek mit mehr als 2.500 Titeln sowie eine bedeutende Kollektion von Graphiken und historischen Dokumenten. Die regelmäßige Ausrichtung sonntäglicher Matineen mit einem breit gefächerten Vortragsprogramm in den Räumen des Migrationsmuseums ist ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil seiner Tätigkeit.

Der „Initiativkreis“ unterstützt Vorhaben der „Stiftung Deutsches Auswandererhaus“ sowie museumspädagogische Programme für Bremerhavener Schulen.
  

Freudneskreis Deutsches Auswandererhaus

Das Modell der 1864 vom Stapel gelaufenen Auswanderer-Bark „Theone“ ist ein Geschenk des Freundeskreises Deutsches Auswandererhaus e.V. an das Museum anlässlich seines 25-jährigen Vereinsjubiläums im Jahr 2010. Es ist für Gäste des Museums und des Restaurants im Foyer zu sehen.

Auszeichnungen

In seiner noch jungen Geschichte kann das Deutsche Auswandererhaus auf Erfolge zurückblicken, die über hohe Besucherzahlen hinausreichen.

Bestes Museum Europas: Im Jahr 2007 gewann das Erlebnismuseum den „European Museum of the Year Award“, der damit nach 15 Jahren erstmals wieder an ein deutsches Museum vergeben wurde. Insbesondere das innovative Ausstellungskonzept und die emotionale Annäherung an das Thema Auswanderung überzeugten die Jury des Europäischen Museumsforums EMF. Das Deutsche Auswandererhaus befindet sich damit in einem Kreis international renommierter Häuser wie beispielsweise dem Guggenheim Museum in Bilbao oder dem Victoria and Albert Museum in London.

Im folgenden Jahr (2008) wurde das Deutsche Auswandererhaus mit dem „The Best in Heritage Award“ der gleichnamigen europäischen Exzellenzinitiative ausgezeichnet.

Die Preise unterstreichen die Bedeutung des Museums als außergewöhnliche Institution für die Beschäftigung mit der deutschen Migrationsgeschichte bei gleichzeitigem Blick auf zeitgenössische Entwicklungen.