Objekt des Monats: Koffer, um 1955

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Objektbezeichnung

Lederkoffer, um 1955
    

Material:
braunes Leder

Maße:
42 x 79 x 22 cm

Schenkerin:
Ute Andohr-Keller
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

   

  
   

Kurzbiographie des Objektes

Im April 2016 stiftete Ute Andohr-Keller dem Deutschen Auswandererhaus unter anderem einen Koffer ihres Vaters August Lohsen. Der Schenkung fügte sie die folgende, von ihr selbst verfasste „Autobiographie“ des Koffers bei:

„Ich bin ein stattlicher brauner Lederkoffer [...]. Für seine Rückkehr zur Seefahrt als Schiffsingenieur im März 1957 wurde ich von August Lohsen aus Bremerhaven für gut befunden und gekauft.
Das erste Schiff war die AURIGA der Argo Reederei, und unsere erste Reise führte uns über Rotterdam ins Mittelmeer. Außer Kleidung und den üblichen Reiseutensilien musste ich viele Bücher transportieren. Noch heute frage ich mich, wie es dieser kleine Mann schaffte (er maß nur 1,60m und war schmächtig gebaut), mich so voll beladen an Bord zu tragen.
In den kommenden Jahren folgten diverse Reisen ins Mittelmeer. Eine große Ausnahme war mein Ausflug nach New York. Während eines Heimaturlaubes meines Eigentümers wurde ich von ihm an seinen Neffen Georg Meier ausgeliehen, der mit der BERLIN nach New York reiste um auszuwandern und dort seinen Vater wiederzutreffen, der bereits einige Jahre zuvor ausgewandert war. Da ich ja nur eine Leihgabe war, nahm mich der Schwager meines Eigentümers, Lüder Wehrs, der zu gleichen Zeit als Bordmusiker auf der BERLIN fuhr, wieder mit zurück nach Bremerhaven.
Danach ging es für mich zurück auf die AURIGA. Meine Mittelmeereisen fanden jedoch im Februar 1960 ein jähes Ende: August Lohsen verstarb unerwartet am 21. Februar auf See vor Cherbourg an einem Herzinfarkt.
Die nächsten Jahre fristete ich auf dem Dachboden ein tristes Dasein, das nur durch einige Reisen nach Österreich mit meiner neuen Eigentümerin Marie Lohsen unterbrochen wurde.
Meine letzte große Reise machte ich 1977. [...] Seit meiner Rückkehr nach Deutschland lebe ich wieder nutzlos auf verschiedenen Dachböden. Aber ich war immer ein Erinnerungsstück an meinen ersten Eigentümer, August Lohsen, von dem sich meine jetzige Besitzerin nicht gänzlich trennen wollte. Eine Ausnahme würde sie gern für das Auswandererhaus machen, wo ich in Würde mein Altenteil verbringen könnte.“
  

Bedeutung des Objektes

Wer im Museum einen Koffer betrachtet, wird nur selten etwas Besonderes daran finden – handelt es sich doch um eine „stinknormale“ Massenware. Gleichwohl verknüpfen sich mit dem Koffer oft gerade die persönlichsten und emotionalsten Erinnerungen seiner Besitzer. Wie kein anderes Objekt bedeutet er ihnen jenen Übergang vom alten in das neue Leben: In ihn packten sie, sorgfältig ausgewählt zumeist, ihre Habseligkeiten, ihn hüteten sie auf der Reise wie ihren Augapfel, mit ihm betraten sie die „Neue Welt“, aus ihm nahmen sie die Lebensgegenstände im ersten Zimmer in der Fremde ... Nichts zeigt so wie ein Koffer, wie viel Erleben und Erleiden hinter dem Unscheinbarsten stecken kann.

Damit ist der Koffer so besonders reizvoll für ein Museum. Er ist in gewisser Weise das Gegenstück zu den Vitrinen des Museums: Anstatt seine Inhalte einsichtig auszustellen, überlässt es der geschlossene Koffer der Phantasie des Museumsbesuchers, seinen Inhalt auszumalen. Und stellt ihm unausgesprochen die Frage: Was würdest du mitnehmen auf diese Reise?
    

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.
    

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