Objekt des Monats: Kamera, um 1955

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objektbezeichnung

Fotokamera Kodak Retina IIc.

Historische Einordnung

Das Modell Retina IIc brachte Kodak zwischen 1954 und 1957 auf den Markt. Die Kameras dieser Serie waren qualitativ hochwertig und zu einem erschwinglichen Preis zu haben. Mit ihnen sollten vor allem die Bedürfnisse von Amateurfotografen befriedigt werden.

Material:
Metall, Kunststoff, Glas

Maße:
11 x 14 x 4,5 cm

Schenkung: 
Peter und Matthew Tesch
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Kurzbiographie der Auswanderin Ilse Prechtel

Ilse Prechtel wird am 29. März 1928 in Weiden in der Oberpfalz, Bayern geboren. Im Deutschland der Nachkriegsjahre fühlt sich die junge, lebenslustige Ilse eingeengt. Sie lernt den Kriegsflüchtling Vladas Sakauskas kennen; die beiden heiraten. Ein Leben in Deutschland kommt für das Paar nicht in Frage. Die Flüchtlingsorganisation IRO vermittelt die beiden nach Australien. Die nachreisende Ilse verlässt Deutschland im August 1948.

In Australien findet Ilse zunächst Arbeit in Darwin, wo sie insgesamt acht Jahre bleibt. Währenddessen trennt sie sich von ihrem Mann Vladas. Wann immer sie neben ihrer Arbeit die Zeit dazu findet, bereist sie den Fünften Kontinent – jagt zum Beispiel Krokodile auf dem Wasser und Büffel aus der Luft. Eine Kamera ist ihr steter Begleiter. 1958 zieht sie nach Brisbane, wo sie den Architekten Colin Tesch heiratet. Einer ihrer beiden Söhne, Peter, wird 2009, ein Jahr vor Ilses Tod, australischer Botschafter in Deutschland.

Bedeutung des Objektes

Ilse Teschs Kamera ist ein handelsübliches Serienprodukt. Viele Museumsbesucher mögen das gleiche Modell oder eine andere Kamera bei sich zuhause haben und sich, im Museum vor der Vitrine stehend, fragen: „Was macht dieses Stück im Migrationsmuseum?“

Es handelt sich bei Ilse Teschs Kamera um ein Beispiel für ein Alltagsding, das zum migrationsgeschichtlichen Museumsobjekt erst nachträglich wird: Die Auswanderin Ilse bewahrte die in Australien erworbene Kamera zusammen mit den Fotos auf, die sie auf ihren Reisen in (und von) der neuen Heimat machte; ihre beiden Söhne bewahrten Kamera und Fotos mitsamt den Erzählungen von Auswanderung und Einleben auf, die sie von ihrer Mutter hörten; und nun bewahrt das Deutsche Auswandererhaus die Kamera mit einigen Fotos und den Erzählungen auf, die Peter und Matthew Tesch dem Museum als die Geschichte einer Auswanderung weitergegeben haben.

Diese Erzählungen verleihen der Kamera Bedeutung, indem sie den Besucher vorstellen lassen, was nicht zu sehen ist: Durch diese Linse sah das Auge der Auswanderin die neue Heimat. Diesen Auslöser betätigte der Finger von Ilse Tesch, als ihr in Queensland Erinnerungswürdiges auffiel. Wenn sie diese Kamera sehen, denken die beiden australischen Kinder an ihre in Deutschland geborene Mutter.

Es ist keine Geschichte ohne solche durch Erzählungen angeregte historische Phantasie.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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