Objekt des Monats: Flöte, um 1960

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Vom 16. bis zum 18. Juni wird im gesamten Bundesgebiet der „Tag der Musik“ gefeiert. Alle Musizierenden sind an diesem Wochenende dazu aufgerufen, „gemeinsam ein Zeichen für den Schutz und die Förderung der Kulturellen Vielfalt in Deutschland zu setzen“.

Objektbezeichnung

Blockflöte, um 1960

Historische Einordnung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sucht Australien für die heimische Wirtschaft Arbeitskräfte. Die Regierung schließt zahlreiche Abkommen mit verschiedenen europäischen Ländern, 1952 auch mit der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen 1945 und 1960 wandern insgesamt 1,6 Millionen Menschen nach Australien ein, unter ihnen 80.500 Deutsche. Australien ist damit das einzige Land, mit dem die Bundesrepublik ein Abkommen zur Auswanderung deutscher Staatsbürger nach Übersee abschließt.

Material:
Holz

Maße:
32 x 3 x 3 cm

Schenkerin:
Anita Zeman, geb. Oberlaender
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Kurzbiographie der Schenkerin

Anita Oberlaender geht in Stuttgart-Rohracker in die dritte Schulklasse, als ihre Eltern beschließen, den großen Schritt zu wagen und im Rahmen des Anwerbeabkommens nach Australien zu gehen. Im Oktober 1960 besteigt die Familie – bestehend aus dem Uhrmacher Paul Werner Oberlaender, seiner Frau Maria Martha sowie den beiden Kindern Anita und Helmut – die „Castle Felice“ in Bremerhaven. Die Überfahrt dauert mehr als zwei Monate: einen Tag vor Weihnachten langt das Schiff in Melbourne an. Rund 50 Jahre später erinnert sich Anita Zeman, wie sie heute heißt, an die vielen, langen Wochen der Überfahrt: daran, wie es sich für sie als Kind anfühlte, „ein großes Abenteuer zu erleben“; an den Zwischenaufenthalt in Port Said, wo sie zum ersten Mal Palmen sah und wo die Menschen gekleidet waren „als wenn sie in ihren Nachtgewändern herumwanderten“; an die Wellen „so groß wie fünfstöckige Häuser“; an die „Zauberei und Festlichkeiten“ anlässlich der Äquatorüberquerung... In Australien angekommen, zieht die Familie nach Oak Flats in New South Wales, wo der Vater zunächst im Stahlwerk arbeitet, da es für ihn als Uhrmacher keine Arbeit gibt. Zehn Jahre nach Ankunft der Familie in Australien ist es dann soweit und Vater Oberlaender eröffnet sein eigenes Uhrmachergeschäft in Oak Flats.

Seine Tochter Anita studiert mit Hilfe eines Stipendiums Medizin und wird promovierte Ärztin. Im Unter­schied zu ihrem Bruder, der nach Deutschland zurückgegangen ist, heiratet sie in Australien, wo sie heute noch lebt.

Bedeutung des Objektes

Für die musikalische Familie ist es ein Glücksfall, dass sie auf das Containerschiff viel Gepäck mitnehmen durfte. So kann Vater Oberlaender nicht nur seine Drehbank einschiffen, sondern auch die Musikinstrumente der Familie: er selber sein Akkordeon und seine Ziehharmonika, Helmut seine Mundharmonika, Anita ihre Zitter und – die Blockflöte. In Deutschland hat sie Flöte gelernt seit dem Beginn ihrer Schulzeit in Stuttgart. Auch die selbstgestickte Flötentasche nimmt Anita selbstverständlich mit. In der Fremde bedeutet die Möglichkeit, auf gewohnte Weise im Familienkreise Musik zu machen, ein Stück Heimat. So besteht etwas von der musikalischen kulturellen Vielfalt, die in diesen Tagen in Deutschland gefeiert wird, auch im fernen „Down Under“ fort.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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