Objekt des Monats: Arbeitserlaubnis, 1969

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objektbezeichnung

Verlängerung der Arbeitserlaubnis, 1969

Historische Einordnung

Am 30. Oktober 1961 schließt die Bundesregierung in Bad Godesberg ein Anwerbeabkommen mit der Türkei ab. Dieses Abkommen regelt die Entsendung von Arbeitskräften nach Deutschland. Nach den Abkommen mit Italien (1955), Spanien (1960) und Griechenland (1960) können sich nun ebenfalls türkische Arbeitnehmer für eine Arbeitsstelle in Deutschland bewerben.

Die türkische Regierung will mit dem Anwerbeabkommen mit der Bundesrepublik ihre desolate Wirtschaftslage beseitigen. Die „Gurbetçiler“ (wtl.: „Fremdländer“ und überwiegend auf Türken bezogen, die sich nach Deutschland aufmachen), sollen in Deutschland das notwendige Know-How für den Aufbau der türkischen Industrie erwerben, den türkischen Arbeitsmarkt entlasten und Devisen ins Land holen. Bis zum Anwerbestopp 1973 kommen 900.000 türkische Arbeitsmigranten nach Deutschland, 400.000 kehren im gleichen Zeitraum wieder in die Türkei zurück.

Material:
Papier

Maße:
15,2 x 20,8 cm

Schenkung:
Jutta und Serdar Bozkurt
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Kurzbiographie des Einwanderers Serdar Bozkurt

Aus einer Zeitung erfährt Serdar Bozkurt 1962 in der Türkei, dass die deutsche Firma Mannesmann Kfz-Schlosser sucht. Gegen den Willen des Vaters bewirbt sich der 20-Jährige und erhält wenig später eine Arbeitserlaubnis für die BRD.

Eigentlich will Serdar Bozkurt nur drei Jahre in Deutschland bleiben, doch dann lernt er seine zukünftige Frau Jutta kennen. Die beiden heiraten 1965 und bekommen zwei Söhne. Anfang der 1970er-Jahre arbeitet Serdar Bozkurt als Dolmetscher bei der Deutschen Vermittlungsstelle in Istanbul, um weitere „Gastarbeiter“ für Mannesmann anzuwerben. In Duisburg bemühen sich die Eheleute um die Integration der türkischen „Gastarbeiter“ und ihrer Familien. Auf Initiative von Serdar Bozkurt wird dort 1975 der erste Ausländerbeirat eingerichtet. Im September 2015 bekam Serdar Bozkurt für sein Engagement den NRW-Verdienstorden verliehen.

Bedeutung des Objekts

Dieses Dokument zeigt die jahrzehntelange Wahrnehmung der Türken als Gäste, die nach einer bestimmten Zeit wieder zurückkehren sollen: Serdar Bozkurt muss in den 1960er-Jahren immer wieder seine Arbeitserlaubnis erneuern, obwohl ihm schon aufgrund seiner Heirat mit einer Deutschen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zugeteilt wurde.

Wie der Begriff „Gastarbeiter“ impliziert, waren die im Ausland angeworbenen Arbeitskräfte nur für eine temporäre Beschäftigung in deutschen Betrieben eingeplant und ihr Aufenthalt in Deutschland somit zeitlich begrenzt. Ausländerpolitik war damals in erster Linie Arbeitsmarktpolitik und aus diesem Grund hatte die deutsche Wirtschaft großes Mitspracherecht: Falls die Auftragslage zurückgehen sollte, wollte man sich der „Gastarbeitern“ schnell wieder entledigen können. Die Unternehmer sahen in den Arbeitsmigranten eine Art „Mobilitätsreserve“ oder „Konjunkturpuffer“. Dennoch zeichnet sich bald ab, dass dieses Modell nicht rentabel ist. Die Industrie verbuchte durch das stetige Neuanlernen von neuen Arbeitnehmern hohe Verluste. Folglich wurde ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre das Anwerbeabkommen mit der Türkei überarbeitet und die festgeschriebene Aufenthaltsdauer von maximal zwei Jahren gelockert und auf drei Jahre erweitert. Diese gesetzliche Änderung ist auch bei Serdar Bozkurts „Antrag auf Verlängerung der Arbeitserlaubnis“ zu sehen. Das Arbeitsamt verlängerte damals seine Erlaubnis vom 24. Juni 1969 bis zum 23. Juni 1972. Zu sehen ist auch, dass der Titel des Dokuments „Verlängerung einer Arbeitserlaubnis“ in fast allen Sprachen der „Gastarbeiter“ abgedruckt ist: Italienisch, Spanisch, Türkisch und Griechisch.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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