Objekt des Monats: Hirschgeweih, 1933

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Objektbezeichnung

Hirschgeweih
   

Material:
Knochen, Holz, Farbe

Maße:
Platte 32 x 21, Geweih 68 x 62 x 46  

Schenkung:
Familie Japp
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Historische Einordnung

„Schneeberg, 27. August 1933“: An diesem Tag erlegte Karl Tischer, Förster schon in der 5. Generation, einen Hirsch, dessen Geweih er präparieren ließ. Das Dorf Schneeberg liegt im Elbsandsteingebirge. Im Jahr 1933 gehörte es seit 14 Jahren zur Tschechoslowakei. 20 Jahre früher war es Teil von Österreich-Ungarn gewesen, und 1938 wurde es unter der Parole „Heim ins Reich“ Teil des nationalsozialistischen Deutschlands". Dies blieb Schneeberg nicht ganz sieben Jahre, bis es nach Ende des Zweiten Weltkriegs als „Sněžník“ wieder tschechisch wurde – und gemacht wurde: Aus dem Gebiet, das als „Sudetenland“ bekannt ist und in dem auch Schneeberg liegt, wurde die dort ansässige deutsche Bevölkerung nach 1945 unter Androhung und Ausübung von Gewalt vertrieben – vor allem, weil die meisten die nationalsozialistische Terrorherrschaft unterstützt oder geduldet hatten. Insgesamt rund 3 Millionen Menschen, die ihr Haus und ihre Heimat verlassen mussten und als Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Kurzbiographie

Unter jenen Vertriebenen befand sich auch jener Schneeberger Förster Tischer mit seiner Frau und den beiden Töchtern Franzi und Paula. Nach Schneeberg waren die Tischers 1929 aus einem Nachbarort gezogen. Im Sommer 1946 wurden die Tischers in einem Güterwagen nach Mecklenburg zwangsum­gesiedelt, wo sie gemeinsam mit anderen Familien zunächst in einem ehemaligen Lager sowjetischer Soldaten untergebracht wurden.

Die Schwestern fanden Arbeit in der Landwirtschaft, ab 1947  arbeitete Paula Tischer dann als Lehrerin in einer Grundschule. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1949 verließ Karl Tischer in Begleitung seiner Tochter Franzi Mecklenburg, um in Nordrhein-Westfalen eine Stelle als Oberförster anzutreten. Paula Tischer blieb in Mecklen­burg. Doch 1955 hielt sie die Trennung von Vater und Schwester nicht mehr aus und ging ebenfalls in den Westen. 1972 besuchten die Schwestern Paula und Franzi erstmals die Heimat ihrer Kindertage, verschiedene Treffen ehemaliger Dorfbewohner aus Schneeberg und Umgebung folgten. Bis zu ihrer Pensionierung 1986 arbeitete Paula als Lehrerin an verschiedenen Grundschulen. Heute lebt sie mit ihrem Mann im Sauerland.

Bedeutung des Objektes

Als die Tischers 1946 aus Schneeberg zwangsumgesiedelt wurden, nahm Karl Tischer auch das Hirschgeweih mit. Hirschgeweihe sind nicht nur schwer, sondern auch sperrig. Allein daraus lässt sich entnehmen, welche Bedeutung der Förster diesem Gegenstand seines Haushaltes beigemessen haben muss, als er ihn auf den Güterwagen packte. Eine Bedeutung, die ebenso für seine Tochter Paula bestand, welche trotz erklärter Abneigung gegen Geweihe doch dieses aufbewahrte und mit ihm die Heimat ihrer Kindheit und Jugend verband. Aus einer Trophäe, die der Jagd und ihrer Beute gedenkt, wird so ein Erinnerungs­objekt, das einen Sommertag an einem Ort namens „Schneeberg“ festhält und darin etwas, das sich nicht ver- oder austreiben lässt: ein Heimatgefühl jenseits der staatlich-politischen Grenzziehungen.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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