Objekt des Monats: Kennkarte, 1938

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objekt des Monats November zum Gedenktag an die Reichspogromnacht

Kennkarte, 1938
  

Material:
Papier

Maße:
15,00 x 10,50 cm

Schenkung:
Renate Gabcke
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Historische Einordnung

Am 9. November findet wie jedes Jahr der Gedenktag an die Reichspogromnacht statt. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 steckten Angehörige der SS und der SA landesweit Synagogen in Brand und demolierten jüdischer Geschäfte und Wohnungen. Die Bilanz des Terrors: 91 Tote, 267 zerstörte Gottes- und Gemeindehäuser sowie 7500 verwüstete Geschäfte. Rund 30.000 jüdische Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt.

Als Vorwand für den angeblich spontanen Akt des „Volkszorns“, der sich gegen die jüdische Bevölkerung richtete, wurde das Attentat auf den Legationssekretär Ernst vom Rath an der deutschen Botschaft in Paris genommen. Dieser wurde von dem 17-jährigen Herschel Grynszpan erschossen, der damit vermutlich auf die Abschiebung polnischer Juden nach Polen, zu denen auch seine Eltern zählten, aufmerksam machen wollte. Dieses Ereignis wurde von Goebels’schen Propaganda sofort als Anschlag des internationalen Judentums hochstilisiert.

Für die entstandenen Schäden musste die jüdische Bevölkerung selbst aufkommen und wurde zu einer Sühneleistung von einer Milliarde Reichsmark verpflichtet.

Kurzbiographie

Am 15. August 1858 wird Sandel Moses Kirchheimer als Sohn jüdischer Eltern in Nieheim geboren. Er folgt dem Beruf seines Vaters und wird Kaufmann. 1888 heiratet er seine Frau Caroline, mit der er acht Kinder haben sollte. Ein Mädchen wird allerdings tot geboren und auch drei Söhne, Karl, Ludwig und Felix, versterben in früh. Das Paar zieht 1895 nach Bremerhaven und Moses taucht als stimmberechtigtes Mitglied in den Gemeindeprotokollen der Synagogengemeinde Lehe-Geestemünde auf.

Bereits um 1900 eröffnet er eine Buch- und Briefmarkenhandlung. Dieses Geschäft führt er über 30 Jahre bis ihn die antijüdische Gesetzgebung der Nationalsozialisten zur Aufgabe zwingt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei seiner Söhne in die USA ausgewandert und drängten den Vater und ihre verbliebenen Geschwister, Nazi-Deutschland zu verlassen. Die Mutter war 1931 gestorben. Trotz des Drängens seiner Söhne will Moses Kirchheimer seine Heimat nicht verlassen. Später erinnert sich Sohn Siegfried: „Mein Vater, der seinen vier Söhnen, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe im August 1939 folgte, war echter Bremerhavener geworden, obwohl Westfale von Geburt wie alle unsere Vorfahren bis ins 17. Jahrhundert (...). Er musste noch erleben, wie in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 die Synagoge in Flammen aufging, jene alte aus dem Jahre 1879 stammende Synagoge.“

Schließlich entscheidet Moses sich doch zur Auswanderung. Am 5. Juli 1939 erhält er vom Generalkonsulat der USA in Hamburg sein Visum. Dieses kam gerade noch rechtzeitig, denn der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 hätte seine Auswanderung unmöglich gemacht. Die Kosten für die Reise und die nötigen Formalitäten zahlen seine Söhne aus Amerika. Er verbringt seine letzten Tage in Freiheit und dem Kreis seiner Familie und verstirbt am 1. März 1942 in den USA.
  

Bedeutung des Objekts

In Deutschland begann die Flucht und Vertreibung der deutschen Juden mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Von da an wurde eine Politik betrieben, die auf die rasche Ausgrenzung der Juden aus allen Gesellschafts- und Lebensbereichen im Deutschen Reich zielte – eine Politik, die den Antisemitismus verstaatlichte und am Ende mit massenmörderischer Konsequenz umsetzte.

Die Reichspogromnacht im Jahr 1938 war bis dahin der Höhepunkt eines staatlichen Antisemitismus und zeigte der jüdischen Bevölkerung deutlich, dass ihr Leben in Deutschland gefährdet ist.

Auch Moses Kirchheimer spürte die antijüdische Politik am eigenen Leib, die ihn zwang sein Geschäft zu schließen, die seine Familie auseinanderriss und ihn zwang eine Kennkarte, die mit einem „J“ für „Jude“ versehen war, zu tragen. Diese Kennkarten waren ab 1938 verpflichtend für die jüdische Bevölkerung. Die von der Stadt Bremerhaven am 27. Dezember 1938 ausgestellte Kennkarte für Moses Kirchheimer enthält ein Foto und die Fingerabdrücke.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

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