Objekt des Monats: Foto, 1958

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Vor 60 Jahren: Der „King“ kommt ins „Städtele“

Das Foto ist im Original bis Ende 2018 im Deutschen Auswandererhaus zu sehen. © Deutsches Auswandererhaus

Objektbezeichnung

Photographie (s/w), 1958

Material:
Abzug auf Baryt-Papier

Maße:
29,7 x 39,7 cm

Schenkung:
Andreas Heller

Historische Einordnung

Nachdem der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 geendet hatte, teilten die alliierten Siegermächte Großbritannien, Frankreich, die USA und die Sowjetunion das Gebiet unter sich auf. Obwohl Bremen und Bremerhaven – bzw. „Weser­münde“, wie Bremerhaven bis März 1947 hieß – mitten in der britischen Besatzungszone lagen, waren die Städte von den Amerikanern besetzt und wurden 1947 endgültig dem amerikanischen Verwaltungsapparat zugeordnet. Die von der Bombardierung ausgesparten Hafenanlagen Wesermündes dienten den Amerikanern bereits seit Juni 1945 als Nachschubbasis („Port of Embarkation“). Die USA entsandten über Wesermünde/Bremerhaven Tausende von Soldaten, sogenannte „G.I.s“, in die insgesamt vier Länder ihrer Besatzungszone. Tausende, von denen die meisten nur einige Jahre in Deutschland blieben und dann zurückkehrten, andere wenige, die auf Dauer blieben, sich eine Existenz zum Beispiel in Bremerhaven aufbauten und Familien gründeten. Und einer, der im kollektiven Gedächtnis der Stadt blieb, obwohl er sie nur für etwa eine halbe Stunde betrat: Elvis Presley.

Teilbiographie

Elvis Presley, der am 1. Oktober 1958 vom Truppentransporter „General G.M. Randall“ als Gefreiter Nr. 101 in Bremerhaven an Land ging, war am 8. Januar 1935 in Tupelo, Mississippi, zur Welt gekommen. Als er kurz vor seinem 23. Geburtstag zum Militärdienst einberufen wurde, hatte er bereits Hunderttausende Platten verkauft, war Fernseh- und Filmstar sowie von der Presse gekrönter „King of Rock’n Roll“. Seine Dienstzeit nach der Grundausbildung hatte Presley im deutschen Friedberg zu absolvieren. Im März 1960 kehrte er in die USA zurück, um sich weiter seiner Karriere zu widmen. Die führte ihn aber bereits einen Monat später erneut nach Deutschland, zum Dreh des Films „G.I. Blues“, der in den deutschen Kinos als „Café Europa“ zu sehen war. In dem Film geht es um die Probleme einer Liebesbeziehung, die durch das Leben als G.I. entstehen. Presley fand selbst in Deutschland sein späteres Liebesglück: Er hatte in Friedberg die 14-jährige Priscilla kennen gelernt, die er acht Jahre später zur Frau nahm. Und es war noch etwas, das er aus Deutschland mit- und in diesen Film einbrachte: das Abschieds- und Auswanderungslied „Muss i denn zum Städtele hinaus“, das er als „Wooden Heart“ auf Englisch mit deutschsprachigen Passagen einsang. Er hätte es auch zum ersten Mal in Bremerhaven hören können, an jenem 1. Oktober 1958; denn in Bremerhaven wurde das Lied zu dieser Zeit beim Ablegen von den Schiffskapellen gerne gespielt.

Bedeutung des Objektes

Das Foto hält einen Moment im doppelten Sinn des Wortes bildlich fest: einen flüchtigen Augenblick und einen geschichtlichen Abschnitt. Einen Augenblick nämlich der Bremerhavener Stadtgeschichte, von dem diejenigen, die ihn erlebt haben, bis heute erzählen. 700 Mädchen und Jungen standen an dem vernebelten Morgen des 1. Oktober 1958 an der Columbuskaje, um ihr Idol willkommen zu heißen. Einer von ihnen, Helge Rothenberg, kletterte waghalsig die Gangway herauf und streckte Elvis einen Stift entgegen. Alles, was er wollte, war ein Autogramm. Leider fiel dem „King of Rock’n’Roll“ jedoch der Kugelschreiber herunter und die Chance war vertan. Statt des Auto­gramms aber blieb dem Jungen – das Foto von ihm und dem „King“. Das Foto, das auch einen ganzen geschichtlichen Abschnitt festhält, indem es ihm „ein Gesicht verleiht“: die Zeit der amerikanischen Besatzung. Wie Elvis Presley unter den 1.300 G.I.s, so kam unter ihr eben auch etwas vom amerikanischen Lebensstil nach Deutschland – und Bremerhaven fungierte als dessen Avantgarde. Welche Mode auch immer – bevor sie den Rest von Deutschland erreichte, war sie in Bremerhaven bereits verbreitet. Bremerhaven war die Stadt der Hamburger, von Coca Cola und Ice Cream. Migrationsgeschichte hat Bremerhaven nicht nur als zeitweise größter Auswanderungshafen Europas geschrieben – sondern auch, sozusagen, als „Port of Enculturation“, als wichtigster Einfuhrhafen amerikanischer Kultur nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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