Objekt des Monats: Ferdinand Freiligraths „Sämmtliche Werke“, 1858 – 59

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Literatur für politische Flüchtlinge

Sammlung Deutsches Auswandererhaus
Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objektbezeichnung

Freiligrath, Ferdinand:
Sämmtliche Werke. Vollständige Original-Ausgabe
6 in 3 Bänden
New York: Friedrich Gerhard, 1858 – 1859

Material:
Halblederbände mit goldgeprägten Rückentiteln:
Papier, Pappe, Leder, Blattgold.

Maße:
18,5 x 11,5 cm

Ankauf:
Anlässlich der Sonderausstellung „Von der Lutherbibel zur Gaunergeschichte: Bücher für deutschsprachige Einwanderer in Nordamerika 1728 – 1946“ kaufte das Deutsche Auswandererhaus im Jahr 2014 mehrere Bücher zur Ergänzung seiner Sammlung an.

Fotos: © Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Historische Einordnung

Von 1728 bis 1830 gingen auf dem nordamerikanischen Kontinent mehr als 3.100 deutschsprachige Titel in den Druck. Das Zentrum der deutschsprachigen Buchproduktion verlagerte sich ab den 1830er-Jahren von den ländlichen Druckereien Pennsylvanias nach New York. Im Zuge der zeitgleich einsetzenden deutschen Masseneinwanderung waren es die Neuankömmlinge, welche die Nachfrage nach deutschsprachigen Büchern bestimmten.

Erst als Mitte der 1890er-Jahre die Einwanderung stark abnahm, mussten sich die Verleger auf ein Lesepublikum einstellen, das selber nicht mehr in Deutschland aufgewachsen war. Während des Ersten Weltkrieges ging die Nachfrage nach Büchern in der Feindessprache zurück. Die zeitweilige Wiederbelebung der Produktion für selbst Eingewanderte durch die deutschen Exilverlage während des Nationalsozialismus blieb ein Zwischenspiel.

Kurzbiographie des Autors

Ferdinand Freiligrath, der 1810 in Detmold geborene Lyriker, besang mit 22 Jahren die „Auswanderer“ in die USA, tat es ihnen aber nie gleich. Auch als er im Verlaufe der 1848er Revolution wegen seiner politischen Gedichte in Preußen polizeilich gesucht wurde, ging er nicht weiter als bis nach London ins Exil. Als „Dichter von 48“ reichte sein Ruhm gleichwohl in die „Neue Welt“.

Transportiert wurde er insbesondere von den politischen Flüchtlingen, die in den USA nach dem Scheitern der Revolution der Verfolgung entgehen wollten. Die „48er“ stellten zwar zahlenmäßig nur eine kleine Gruppe dar, übten aber nichtsdestoweniger großen Einfluss aus: Gebildet und engagiert, besetzten sie Lehrstühle an Universitäten, unterrichteten an Schulen, füllten öffentliche Ämter aus, gründeten Zeitungen und gelehrte Gesellschaften oder führten soziale Einrichtungen.

Ferdinand Freiligrath konnte zwanzig Jahre nach Beginn der Revolution aus seinem Londoner Exil nach Deutschland zurückkehren. Ein Revolutionär war er da nicht mehr. Das Deutsche Kaiserreich von 1871 begrüßte er mit stürmischen „Hurra, Germania“-Gesängen. Als er 1876 in Bad Canstatt bei Stuttgart starb – Preußen hatte er gemieden –, wurde ihm „vom deutschen Volke“ mit einer Kolossalbüste ein entsprechendes Grabdenkmal verehrt.

Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Bedeutung des Objektes

Auch wer mit leeren Händen auswandert, nimmt etwas mit: seine Sprache. Und wer in ihr zu lesen gelernt hat, den verlangt es nicht allein nach dem vertrauten Sprachklang, sondern auch nach dem gewohnten Schriftbild. Vielen deutschen Auswanderern nach Nordamerika ging es nicht anders. Vom beginnenden 18. bis in die Mitte des 20. Jahrhundert gab es kaum einen Titel, der nicht für sie oder ihre Nachfahren verlegt worden wäre: von der Bibel bis zum „Kommunistischen Manifest“, von Goethes „Faust“ bis zum „Trompeter von Säckingen“.

Seit den 1830er-Jahren hatte sich in den USA die Praxis etabliert, Bücher deutsch-kontinentaler Verleger billig nachzudrucken. Das US-amerikanische Urheberrecht begünstigte diesen Nachdruck, zum Ärger von Verlegern und Schriftstellern in der „Alten Welt“. Als zu Beginn der 1850er-Jahre die Einwanderung der „48er“ begann, hatte der Nachdruck ganzer Werkausgaben in der „Neuen Welt“ gerade seinen Höhepunkt erreicht.

Auch der deutschstämmige Verleger Friedrich (Frederick) Gerhard beteiligte sich an diesem Geschäft. Im Vertrauen auf eine große Nachfrage brachte er im Jahre 1858 eine Ausgabe der sämtlichen Werke Ferdinand Freiligraths heraus. Und vermerkte sogar ausdrücklich die Genehmigung des Autors. Aber – wie ein Zeitgenosse berichtete, war der „Freiligrath“ „zu theuer (7 ½ Dollars), als daß er seiner großen Popularität entsprechend verkauft worden wäre“.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

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