Objekt des Monats: Notensatz, 1965

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Material:
Papier

Maße:
28 x 21,6 cm

Schenkerin:
Rita Bendler
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objekt des Monats September zum Tag der deutschen Sprache (9. September)

Notensatz für den „Marsch der ‚Berliner Bären’“, 1965
   

Historische Einordnung

Die „Berliner Bären“ sind ein deutscher Verein in Chicago, wie es ihrer viele in den USA gegeben hat und zum Teil noch gibt. Die Blütezeit des von deutschen Einwanderern betriebenen Vereinswesens ist freilich das 19. Jahrhundert. Den fremden Neuankömmlingen bieten die Vereine ein soziales Netzwerk – das als Jobbörse, Heiratsmarkt und Umschlagplatz für Informationen ebenso genutzt wird wie als Rückzugsraum aus der amerikanischen Arbeitswelt.

Im Verein wird Deutsch nicht nur gesprochen – man pflegt dort auch das deutsche Liedgut. Die nach heimatlichem Vorbild gegründeten Gesangsvereine sind schon bald über ganz Amerika verbreitet. Bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es so viele, dass in den 1850ern zwei Dachorganisationen geschaffen werden: im Westen der „Nord-Amerikanische Sängerbund“, im Osten der „Allgemeine Deutsche Sängerbund von Nordamerika“. Ihre Hauptaufgabe ist die Organisation der „Sängerfeste“, den mehrere Tage währenden Preissingen mit Volksfestcharakter, die in zunächst jährlichen, später unregelmäßigen Abständen in verschiedenen Städten des Landes stattfinden. Gesungen wird nicht nur klassische Chormusik, auch Volkslieder und – tänze stehen auf dem Programm – und Märsche.

Der Marsch ist ein Musikstück, das durch gleichmäßige Akzente im geraden Takt das Gehen oder Marschie­ren im Gleichschritt erleichtern soll. Neben seiner militärischen Verwendung erreicht er insbesondere im 19. Jahrhundert sowohl in der Kunst- als auch in der Unterhaltungsmusik große Popularität. Und dies international: Marschmelodien wandern zwischen den Nationen hin und her.

Der heutige Marsch besteht in der Regel aus zwei Teilen von je 8 bis 16 Takten in Liedform. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird ein ebenso gebautes sogenanntes „Trio“ – wie bei der vorliegenden Komposition – als Mittelteil ergänzt.
   

Kurzbiographie der Schenkerin

Rita Bendler wird 1957 als einziges Kind von Ursula und Günter Matschke in Berlin geboren. Als die Auftragslage für Vater Günter, einen Werkzeugmacher, schlecht bleibt und die Berliner Mauer gebaut wird, entschließen sich die Eltern, es einer Verwandten nachzutun und in die USA auszuwandern. 1962 reist Familie Matschke mit der „Bremen“ von Bremerhaven nach New York. Endziel: Chicago.

Die vierjährige Rita lebt sich schnell in der „Neuen Welt“ ein und findet im Kindergarten neue Freunde. Auch ihr Vater Günter kommt mit seinen Kenntnissen bei verschiedenen Firmen unter. Nur Mutter Ursula, gewohnt im Büro zu arbeiten, muss wegen mangelnder Englischkenntnisse einen ungeliebten Job als Verkäuferin annehmen. Zum Ausgleich engagiert sie sich in ihrer Freizeit für den in Chicago ansässigen deutschen Verein „Berliner Bären“. Sie ediert die Vereinszeitung, organisiert Feste und Veranstaltungen, lernt neue Bekannte kennen – und fühlt sich doch immer unwohl in Amerika.

Als ihr Vater in Deutschland an Lungenkrebs erkrankt, kehrt die Familie 1966 zurück. Für die neunjährige Rita eine folgenreiche Entscheidung: Sie muss ihre Freunde in Chicago zurücklassen und in dem kleinen Dorf in der Nähe von Braunschweig, in das ihre Eltern mit ihr ziehen, lebt sie sich nur schwer ein. Nach der Schulzeit studiert sie in Göttingen Kunstgeschichte, lernt dort ihren Mann Thilo kennen, der ebenfalls einige Zeit in den USA gelebt hat. Heute pendeln Rita und ihr Mann „zwischen den Welten“ – herzliche Bindungen ziehen das Ehepaar alle sechs Monate zurück in die USA.
   

Bedeutung des Objekts

Eine Sprache lebt nicht nur als gesprochene, geschweige denn als gelesene. Sie hat ihr Leben auch im Singen, in den „Volks-“ und „Kunstliedern“. Für viele Menschen ist das Singen in der eigenen Sprache eine Möglichkeit, mehr auszudrücken, als die bloßen Worte sagen. Gemeinsam gesungene Lieder erzeugen ein Gemeinschaftsgefühl und drücken Zugehörigkeit, Verbundenheit aus – gerade für Ausgewanderte ein oft genutztes Mittel, sich in der Fremde der eigenen Herkunft zu vergewissern. Neukompositionen können diesen Effekt gezielt nutzen. So zielt der „Marsch der ‚Berliner Bären’“ darauf ab, die gemeinsame Herkunft aus Berlin zu „beschwoern“: „Wir lieben die Welt doch bleiben stets der Heimat treu“. Die Marschform ist sicher auch nicht zufällig gewählt, ist sie in Deutschland doch auch nach 1945 noch beliebt und bedeutet den „Baeren von der Spree“ im fernen Amerika eine Erinnerung an die Berliner Luft.
  

Haben auch Sie …

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