„PLÖTZLICH DA. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961”

Die Sonderausstellung wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Wirtschaftsförderung Bremen

7. Dezember 2015 - 31. Mai 2016

„Was sollen wir mit ihnen tun?”, fragte der britische Schriftsteller Daniel Defoe, als 1709 über 10.000 Deutsche plötzlich nach London kamen, im Glauben, dass Queen Anne ihnen Land in ihren neuen amerikanischen Kolonien schenken würde. „Was sollen wir mit ihnen tun?”, fragten sich ab 1973 deutsche Politiker, als hunderttausende türkische Gastarbeiter plötzlich ihre Familien nachholten und begannen, ihr Leben in der Bundesrepublik einzurichten. Gewollt hatten die Regierungen beider Länder Arbeitskräfte; die eine für ihre neuen Kolonien in Übersee, die andere für ihr westdeutsches Wirtschaftswunder. Gerechnet hatte die deutsche Politik nicht mit den Folgen des Anwerbeabkommens von 1961, die britische Regierung und die Großgrundbesitzer nicht mit dem durchschlagenden Erfolg der Werbeschriften, die sie seit den 1680er-Jahren in deutschen Ländern verbreiten ließen. Plötzlich – war es wirklich so „plötzlich”? Plötzlich waren sie da ... so viele Männer, Frauen und Kinder. „Was sollen wir mit ihnen tun?”

Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Unterbringung und Verpflegung der „Poor Palatines“ in einem Zeltlager in Blackheath bei London, Sommer 1709.
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Gastarbeiter Sammlung Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Zwei deutsch-türkische Pärchen in Stuttgart, Silvester 1959.
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Einwanderung und Miteinander

Die Ausstellung zeigt anhand von zwei sehr unterschiedlichen Beispielen, wie das Zusammenleben in einer Einwanderungsgesellschaft aussieht, wenn Migration als reines Instrument wirtschaftspolitischer Maßnahmen behandelt wird. In beiden Fällen überkreuzen sich die Wünsche und Bedürfnisse der Immigranten mit denen der Regierungen: Die Deutschen in Nordamerika wollten keine Arbeiter, sondern Landbesitzer sein. Die Folge waren Allianzen mit den Irokesen, langjährige Rechtsstreitigkeiten mit den Briten.

Türkische Männer und Frauen wollten nicht jahrelang alleine und nur für die Arbeit in der Bundesrepublik leben, sondern gemeinsam mit ihren Kindern und Ehepartnern, die in der Türkei geblieben waren. Sie holten sie nach. Mit ihnen kam viel Fremdes: eine unbekannte Religion, eine neue Sprache und andere Traditionen. Und es begann eine Integrationsdebatte, die bis heute anhält. In beiden Fällen reagiert die Mehrheitsgesellschaft ablehnend, sobald sie das Gefühl hat, selbst etwas für die Immigranten aufgeben zu müssen. In Deutschland kommt es zu massiver Fremdenfeindlichkeit, die bis hin zu Mord reicht: Die Anschläge von Mölln und Solingen richten sich ebenso gegen türkische Familien wie die Morde der NSU.

Die Ausstellung zeigt die Folgen dieser ökonomischen Migrationspolitik auf die gesamte Gesellschaft und nimmt unterschiedliche Perspektiven ein: die Haltung der Immigranten, der Regierungen und der Mehrheitsgesellschaft. Und immer wieder fragt sie den Ausstellungsbesucher: Was denken Sie?

Dokumente und Dokumentationen

Das Zusammenleben der Irokesen mit den Deutschen und anderen europäischen Siedlern im Hudson Valley nördlich von New York dokumentieren in der Ausstellung einzigartige Alltagsobjekte aus dem New York State Museum in Albany: holländische Teetassen, aus denen Irokesen und Deutsche tranken; Perlen, mit denen die Europäer den Irokesen die Biberfelle „abkauften”, darunter auch Fälschungen, mit denen die Europäer betrogen; Glasflaschen, die den für die Indianer so gefährlichen Schnaps enthielten. Wenig ist 300 Jahre später noch ganz erhalten, die vielen Scherben und verbogenen Metallstücke setzen sich wie ein Puzzle zum Alltag der damaligen Zeit zusammen. Ein Alltag, der bereits vieles mischte, was zuvor getrennt war: europäisches und indianisches Know-how. Gut erhalten sind noch zahlreiche Dokumente in deutschen, britischen und amerikanischen Archiven, die als Originale in der Ausstellung zu sehen sind: Zeitgenössische Briefe, Petitionen und Bücher, lassen die Wünsche der deutschen Emigranten ebenso wieder lebendig werden wie ihre Enttäuschung darüber, dass man ihnen, den fremden Bittstellern, die Erfüllung ihrer Wünsche oft versagte.

Die Achterbahnfahrt der deutschen Migrationspolitik wird in der Ausstellung durch verschiedenen Ereignisse dokumentiert: So folgen beispielsweise dem „Kühn-Memorandum” von 1979, in dem zum ersten Mal Deutschland als Einwanderungsland behandelt wird, nur vier Jahre später die Rückkehrprämien, die Türken zur Rückkehr in die Türkei animieren sollen. Die Wirkung dieser planlosen Politik auf die Türken und Deutsch-Türken wird durch Interviews dokumentiert, die in zehn deutschen Städten geführt und von einem Filmteam begleitet worden sind. Die Gleichzeitigkeit von Normalität und Sich-Unwillkommen-Fühlen ist dabei besonders eindringlich: Während die eigenen Kinder den deutschen Fasching feiern oder deutsche Universitäten besuchen, muss man selbst alle paar Monate seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Für die Ausstellung ist aus diesen Interviews ein eigener Dokumentarfilm produziert worden. Den Trailer zu "Deutsch-Türkische LIEBE" finden Sie hier. Ende Januar 2016 erscheint das Begleitbuch zur Ausstellung.

Neue Ausstellungsreihe „deutsch und fremd?”

Die Sonderausstellung ist der erste Teil einer dreiteiligen Reihe „deutsch und fremd?”, in der sich das Deutsche Auswandererhaus damit beschäftigt, wie man in der Bundesrepublik Einwanderer zu Fremden „macht“ und warum sich Einwanderer hier oft zugleich deutsch und fremd fühlen.

Mit freundlicher Unterstützung von:

Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Bremerhaven
 

Medienpartner:

GEO Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven
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