Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961

Seit dem letzten Sommer redet Deutschland wieder vermehrt über die Fremden, die aus verschiedenen Ländern kommen, die „plötzlich da“ sind. Doch diese Debatte ist nicht neu: Wie sehr sie seit jeher die Menschen beschäftigt, zeigt das Buch „Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“, das neu in der „edition dah“ des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven erschienen ist.

Anhand zweier historischer Beispiele thematisiert die Publikation den Umgang mit Fremden und Fremdem aus verschiedenen Blickwinkeln. Zwei gänzlich unterschiedliche Wanderungsgeschichten stehen hier nebeneinander: die Pfälzer Auswanderer von 1709 und die türkischen Einwanderer seit 1961. Als Fremde galten sie beide, sowohl „die Deutschen“ in Großbritannien zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als auch „die Türken“, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Bundesrepublik kamen. Waren „die Türken“ über Jahrzehnte in der Bundesrepublik das Paradigma der Fremdheit, machten die Deutschen bereits 1709 in Großbritannien Erfahrungen, die auch Geflüchteten aus der heutigen Zeit nicht fremd sind. Worauf sich solche Fremd-Wahrnehmungen jeweils bezogen, welche Sprache für sie gefunden wurde und in welchen historischen Kontext sie eingebettet waren, davon handelt dieses Buch.
Die Blickwinkel, aus denen die Geschichten der deutschen Bittsteller und der türkischen Nachbarn betrachtet werden, sind vielseitig: Namhafte internationale Wissenschaftler, Politiker und Interessenvertreter stellten Beiträge zu dem Buch zur Verfügung, darunter die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Aydan Özoğuz sowie der Jurist Mehmet Daimagüler, Anwalt von NSU-Opfern, und der US-amerikanische Historiker Philip Otterness. Offizielle Dokumente, Briefe und Fotos, aber auch Interviews und Kurzessays veranschaulichen den Umgang mit dem Fremden und zeigen unübersehbare Gemeinsamkeiten auf. „Von der Willkommenskultur zu gewalttätigen Übergriffen – Einwanderungsgeschichten zeigen bedenkenswerte Parallelen, über die man diskutieren sollte“, sagt Dr. Simone Eick, Herausgeberin des Buches und Direktorin des Deutschen Auswandererhauses.

Das Buch „Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“ entstand im Rahmen der gleichnamigen Sonderausstellung, die die erste Ausstellung aus der Reihe „deutsch und fremd?“ ist. In der Reihe beschäftigt sich das Deutsche Auswandererhaus damit, wie Deutsche mit dem Fremden umgehen, das durch Migration in ihr Leben tritt – sei es durch die eigene Auswanderung oder aber durch Einwanderer in der Bundesrepublik. „Die Publikation greift die Thematik der Sonderausstellung auf, erweitert und vertieft sie“, erklärt der Herausgeber und Kurator der Sonderausstellung Christoph Bongert. „Wir sind immer schnell dabei, ‚wir’ und ,die Fremden’ zu sagen. Aber haben wir eigentlich eine genauere Vorstellung, was wir mit dem einen oder dem anderen meinen? Das ist die Frage, die uns das Buch stellt.“

Buch zur Sonderausstellung
„Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“
Hg. von Simone Blaschka-Eick und Christoph Bongert in der edition dah (Bremerhaven, 2016)
ISBN: 978-3-9817861-0-1
16,80 EUR