Zwei „Macher“ von Masseneinwanderungen: Queen Anne & Ludwig Erhard

PERSONENVERZEICHNIS ZUR SONDERAUSSTELLUNG „PLÖTZLICH DA ...“

Migrationsgeschichte wird von Menschen geschrieben – von Menschen, die wandern, und von Menschen, die Wanderungen verursachen oder ermöglichen. Solche Personen stellen wir Ihnen in den folgenden Wochen und Monaten in dieser Rubrik vor. Sie haben mit der ersten deutschen Massenauswanderung 1709/10 und mit der türkischen Einwanderung ab 1945 zu tun und werden Ihnen – mal mehr, mal weniger – in unserer Sonderausstellung „Plötzlich da ... Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“ begegnen. Weitere Akteure werden Sie dann in der Sonderausstellung kennen lernen, die das Deutsche Auswandererhaus vom 7. Dezember 2015 bis zum 31. Mai 2016 zeigt.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch im Deutschen Auswandererhaus!

Queen Anne, Gemälde von John Closterman.
Foto: Wikipedia

QUEEN ANNE (1665 – 1714)

Queen Anne – wer war diese Monarchin, die den 13.000 Pfälzer Amerikaauswanderern im Jahr 1709 „Asyl“ in ihrem Königreich gewährte und etwa 3.000 von ihnen 1710 eine Überfahrt in den britischen Kolonien Nordamerikas ermöglichte? Beides Entscheidungen, die die britische Regierung vor eine große Herausforderung stellten und die eine innenpolitische Debatte und Regierungskrise hervorriefen.

Die letzte britische Monarchin des Hauses Stuart hatte einige persönliche Schicksalsschläge zu verkraften. Am 6. Februar 1665 geboren, musste Anne im Kindesalter neben zahlreichen Krankheiten den Tod von fünf Geschwistern, ihrer Mutter, Tante und Großmutter überwinden. Als 18-jährige Prinzessin, die in der Thronfolge weit hinten rangierte, heiratete sie 1683 Prinz Georg von Dänemark, mit dem sie glückliche Jahre verbrachte und von dem sie bis zum Jahr 1700 mindestens 18 Mal schwanger war. Trotzdem blieb die Ehe kinderlos: 13 Fehl- oder Totgeburten überschatteten ihre Liebe und von den fünf Kindern, die sie zur Welt brachte, überlebte am Ende keines; sie starben noch im Kindesalter.

Nachdem im Zuge der „Glorreichen Revolution“ Annes Vater, der zum Katholizismus konvertierte König Jakob II., 1688 entmachtet worden und geflohen war, folgten ihm Annes ältere, protestantische Schwester Maria und ihr Gatte Wilhelm von Oranien 1689 auf dem Thron. Beide akzeptierten die „Bill of Rights“ und die künftige konstitutionelle Monarchie. Mit dem Act of Settlement (dt. „Gesetz zur Regelung“) schuf das englische Parlament schließlich 1701 die neue Grundlage der protestantischen Thronfolge im englischen Königreich.

Da auch die Ehe von Queen Mary II. und King William III. kinderlos blieb und somit kein Thronfolger geboren worden war, kam Prinzessin Anne zum Zuge: Als letztem Mitglied der protestantischen Stuart-Linie wurde ihr 1702 die englische Krone übertragen – und damit eine Verantwortung, die in ihrer Erziehung und Ausbildung noch keine Rolle gespielt hatte.

So turbulent wie ihre Kindheit und frühen Erwachsenenjahre verlief auch Annes Regierungszeit, innen- wie außenpolitisch. Sie scheute sich nicht, auch schwierige Entscheidungen zu treffen. Queen Annes Regentschaft, die bis zu ihrem Tod 1714 währte, war geprägt von der Union mit Schottland (1707), dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701 – 1714), dem Frieden von Utrecht, der 1713 den langen Krieg gegen Frankreich und Spanien siegreich beendete, einem drohenden Bürgerkrieg und heftigen Auseinandersetzungen zwischen den konservativen, katholischen Tories und den eher liberal ausgerichteten, protestantischen Whigs. Queen Annes ausgleichende Politik – oder die ihres Staatsapparates – gilt als Wegbereiter für die imperiale Zukunft Großbritanniens.

Wie sehr erinnern die politischen Kontroversen hinsichtlich der Einwanderer der „Palatines“ an heutige Debatten?

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard.
Foto: Promo

LUDWIG ERHARD (1897 – 1977)

Er gilt als „Vater der sozialen Marktwirtschaft“, als „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ – und wenn man so möchte als „Vater des bundesrepublikanischen Gastarbeiterlandes“: Ludwig Erhard.

Am 4. Februar 1897 in ein katholisch-evangelisches Elternhaus hineingeboren, wurde Ludwig Erhard evangelisch getauft und erzogen. Nach einer Lehre als Einzelhandelskaufmann nahm er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil, schied schwer verwundet jedoch 1919 aus dem Militärdienst aus. Aufgrund der körperlichen Verwundungen war es ihm nicht weiter möglich, seiner Einzelhandelstätigkeit nachzukommen, weshalb er kurzerhand ein Studium in Nürnberg aufnahm und dieses als Diplom-Kaufmann abschloss. Ein zweites Studium der Betriebswirtschaftslehre und Soziologie führte ihn nach Frankfurt/Main, wo er 1925 promovierte und eine wissenschaftliche Laufbahn einschlug – doch die Habilitation blieb ihm verwehrt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte Erhard in die Politik. Als parteiloser Experte bekleidete er hohe wirtschaftspolitische Ämter: 1947 etwa übernahm er die Leitung der Expertenkommission „Sonderstelle Geld und Kredit“ bei der Verwaltung der Finanzen in der britisch-amerikanischen Besatzungszone und bereitete die Währungsunion vor. 1948 wurde er auf Vorschlag der FDP zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes gewählt und war in dieser Position für die Wirtschaftspolitik in den westlichen Besatzungszonen verantwortlich. 1949 schließlich zog Ludwig Erhard ins Parlament. Im September wurde er unter Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Bundeswirtschaftsminister ernannt und hatte dieses Amt bis 1963 inne.

Der stets rauchende Politiker erfreute sich beim Volk großer Beliebtheit. Dem schnellen Wachstum der bundesrepublikanischen Wirtschaft verlieh er eine soziale Komponente, indem er etwa 1957 die Renten an die Entwicklung der Reallöhne anpasste oder 1962 die Sozialhilfe einführte. „Gerechtigkeit für alle“ lautete seine Devise.

So erfolgreich wie Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister war, stand allgemein fest: Er würde Adenauer als Bundeskanzler folgen. Tatsächlich wurde der einst parteilose Franke im Oktober 1963 nach Adenauers Rücktritt zum neuen Kanzler gewählt. Doch der Aufschwung hielt nicht an – weder der wirtschaftliche noch der politische. Zwar gewann Erhard grandios die Bundestagswahlen 1965 für die CDU, aber er riskierte durch die politische Nähe zu den USA eine Abkühlung des deutsch-französischen Verhältnisses und eine Rückkehr zu autoritären Denkmustern der Vergangenheit. Hinzu kam die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mit einer Rezession und steigenden Arbeitslosenzahlen. Die Folge: Am 1. Dezember 1966 musste Ludwig Erhard zurücktreten.

In die „Wirtschaftswunder-Ära“ unter Ludwig Erhard fielen die Anwerbeabkommen mit zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern, um dem Mangel an Arbeitskräften entgegenzuwirken: 1955 mit Italien, 1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal und 1965 mit Tunesien. Zwischen 1955 und 1973, dem Jahr des Anwerbestopps ausländischer Arbeitskräfte, kamen insgesamt 14 Millionen Arbeitswanderer nach Deutschland; fast zwölf Millionen kehrten in ihre Heimatländer zurück. Hätte das deutsche Wirtschaftswunder ohne die zahlreichen „Gastarbeiter“ stattgefunden?