Der Arbeitsvertrag – Eine Basis in der Fremde

Einer der häufigsten Gründe, die Heimat zu verlassen, ist die Suche nach Arbeit. Oft ist ein Arbeitsvertrag mehreres zugleich: sei es „Fahrkarte“ in die und „Aufenthaltserlaubnis“ in der Fremde, sei es „Legitimationsausweis“ oder „Integrationsabsichtsbekundung“ gegenüber den Einheimischen.
Arbeitsverträge spielen auch in der ersten deutschen Massenauswanderung 1709/10 und in der türkischen Einwanderung ab 1945 eine Rolle. In unserer Sonderausstellung „Plötzlich da ... Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“, die das Deutsche Auswandererhaus vom 7. Dezember 2015 bis zum 31. Mai 2016 zeigt, werden Sie mehr über ihre Bedeutung erfahren.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch im Deutschen Auswandererhaus!

Ausschnitt aus einer vertraglichen Vereinbarung über die Beschäftigung und Unterbringung der „Palatines“ in New York.
Dokument: © The National Archives, Kew (CO 5/1049: S. 144i) / Foto aus der Ausstellung: Deutsches Auswandererhaus

Vertrag über die Unterkunft und Beschäftigung der Palatines in New York

Mit dem Ziel Amerika sind sie 1709 aus ihrer Heimat in Südwestdeutschland aufgebrochen – und bis nach London gekommen. Die Hoffnung, Amerika zu erreichen, wird für die „Palatines“ allerdings mit jedem Tag, den sie in den provisorischen und elenden Unterkünften der britischen Hauptstadt zubringen, geringer. Hat ihnen Königin Anne wirklich Land in ihren Kolonien in Nordamerika versprochen? Monate sind bereits vergangen seit dem Aufbruch der deutschen Auswanderer – seit Monaten wohnen sie bedrückt in Elendsquartieren innerhalb oder in Zeltlagern außerhalb Londons. Schon werden die ersten abgeschoben. Und andere tragen sich mit dem Gedanken, freiwillig in die alte Heimat zurückzukehren.

Da bietet sich einigen von ihnen auf einmal eine Gelegenheit. Vielleicht war doch nicht alles umsonst. New Yorks neuer Gouverneur Robert Hunter will sie in die Neue Welt bringen. Dort sollen sie, die Landwirte und Weinbauern, in der Pech- und Teerproduktion arbeiten, um die Kosten für ihre Versorgung und Überfahrt zu begleichen. Pech und Teer? Beides benötigt die britische Flotte zum Abdichten der Schiffsplanken. Da das britische Königreich bisher auf beider Import angewiesen ist, kann es kaum verwundern, dass Queen Anne das lukrative Unternehmen billigt.

Für 2.800 Südwestdeutsche bedeutet dies, London Ende Dezember verlassen zu können – in Richtung Amerika! Und nach einer bestimmten Zeitspanne in der Pech- und Teerproduktion soll jeder Familie ein Stück Land in New York zugeteilt werden.

So steht es jedenfalls in dem „Vertrag über die Unterkunft und Beschäftigung der Palatines in New York“ („Covenants for the Palatines Residence and Imployment in New York“), den Hunter noch vor der Abfahrt aus London aufsetzen lässt. Aber – diesen Vertrag hat kein Deutscher je unterzeichnet. Die „Palatines“ wissen von keiner anderen Vereinbarung als einer mündlichen – und die habe ganz anders gelautet: Gutes, für die Landwirtschaft geeignetes Land sei ihnen von Anfang an, nicht erst nach der Tätigkeit in der Schiffsindustrie zugesichert worden ...

Die deutschen Fremden in der Neuen Welt stehen so von Beginn an in Konflikt mit der Obrigkeit: Sie wollen Land und Hof, diese will Pech und Teer. Wie wird sich der Konflikt entscheiden?

Das erfahren Sie bei Ihrem Besuch in der Sonderausstellung ...

Ausschnitt aus dem Arbeitsvertrag von Ilhami Aksen.
Dokument: Leihgabe Sefika und Ilhami Aksen

Der Arbeitsvertrag von Ilhami Aksen

Mit dem Ziel „Almanya“ sind sie in den 1960er-Jahren aus ihrer Heimat in der Türkei aufgebrochen, eine tagelange Zugreise von Istanbul nach München haben sie hinter sich. Dann trennen sich die Wege der türkischen Staatsangehörigen: Vom Münchener Hauptbahnhof aus muss ein jeder an den jeweiligen Standort seines zukünftigen Arbeitsplatzes kommen. So verteilen sie sich über die ganze Bundesrepublik hinweg.

Das erste, was sie noch vor ihren Arbeitsstätten zu sehen bekommen, sind die Quartiere, die ihnen ihre deutschen Arbeitgeber zugedacht haben. Manch einem kommt angesichts dieser Unterbringung der Zweifel, ob Deutschland wirklich das Land ist, wo das Geld auf der Straße liegt. So hatte man jedenfalls vom Wirtschaftswunderland sprechen hören...

Sie sind seinem Ruf gefolgt: Die BRD hat angesichts des vorausgesagten Arbeitskräftemangels am 30. Oktober 1961 ein Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen. Deutsche offizielle Stellen wollen arbeitende Gäste: „Gastarbeiter“. Daher sind die unterschriebenen Verträge, die die türkischen Staatsangehörigen in der Tasche haben, alle befristet und ihre erlaubte Aufenthaltsdauer auf zwei Jahre begrenzt. Dies kommt den Arbeitswanderern durchaus entgegen: Die Arbeit in Deutschland verschafft ihnen höhere Verdienste als in der Türkei und eignet sich dazu, die daheim gebliebene Familie zu unterstützen.

Nach dem Stopp der Anwerbung 1973 zeichnet sich aber ab, dass viele der türkischen Arbeit­nehmer ihre Arbeitsplätze in der BRD nicht einfach aufgeben wollen. Sie beginnen, ihre Familien aus der Türkei nachzuholen. Damit entsteht ein Konflikt, der vereinzelt zwar früh erkannt, aber politisch lange unter den Teppich gekehrt wurde: Mit der mindestens mittelfristigen Orientierung auf ein Leben in Deutschland hin sind aus den „Gästen“ Einwanderer geworden. Doch die deutsche Politik leugnet das Bestehen einer Einwanderungssituation bis in die 1990er-Jahre hinein, als die Kinder jener ersten „Gastarbeiter“ längst deutsche Schulen absolviert und einen Arbeitsplatz in Deutschland gefunden haben. Welche Folgen hat dieser Konflikt bis heute?

Das erfahren Sie in der Sonderausstellung „Plötzlich da.“