Deutschland: ein Aus-, aber kein Einwanderungsland?

„Deutschland ist nun ein Ein- und Auswanderungsland zugleich, obwohl unzweifelhaft ein großer Teil der Zuwanderer, z.B. aus Italien, nicht das Recht hat, auf Dauer im Land zu bleiben.“*

Entgegen dieser Feststellung eines Mitarbeiters des kanadischen Department of Citizenship and Immigration im Jahr 1957 war es in der Bundesrepublik Deutschland noch bis Ende der 1990er-Jahre Teil des offiziellen Selbstverständnisses, kein Einwanderungsland zu sein. Kein Einwanderungsland?

Deutsches Auswandererhaus

Der Festakt am 21. Oktober 1948 anlässlich der Abfahrt der „General Wm. M. Black“ – des ersten DP-Transportes von Bremerhaven nach New York. Die Verschiffung der Displaced Persons erfolgt fast ausschließlich über die Stadt an der Wesermündung. Mehr als 550.000 Displaced Persons verlassen bis 1951 von hier aus Deutschland. Die Stadt erhält schnell den Beinamen „port of embarkation“ – Hafen der Einschiffung.
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Abschied von den (Abitur-)Kameraden am Bahnhof Sirkeci in Istanbul: Freunde beneiden Salih Ucar (vorne re.) darum, dass er nach Deutschland fahren durfte, 1957.
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Bereits die Jahre zwischen dem Kriegsende im Mai 1945 und …

... der Ankunft der türkischen „Gastarbeiter“ ab Oktober 1961 sind geprägt von mehreren (Zwangs-)Wanderungen nach und aus Deutschland – ein paar Beispiele:

>>> Im Jahr 1945 befinden sich 4,5 Millionen Displaced Persons – zumeist ehemalige Zwangsarbeiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und nur ein paar hunderttausend jüdische Überlebende – in den drei westlichen Besatzungszonen. Der Großteil von ihnen wird repatriiert, in ihre Heimatländer zurückgeführt. Von den verbleibenden 1,7 Millionen Displaced Persons wandern bis 1951 etwa 712.000 im Rahmen des Resettlement-Programms der Internationalen Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen IRO aus. Hauptzielländer sind die USA, Australien und Israel.

>>> Rund 8,1 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene werden bis Ende 1950 in der Bundesrepublik gezählt. Sie stammen aus ehemaligen deutschen Gebieten – vor allem dem heutigen Polen –, oder sind deutschstämmige Tschechen, Russen und Rumänen.

>>> Mindestens 2,7 Millionen Menschen aus der DDR finden zwischen September 1949 und dem Mauerbau im August 1961 Notaufnahme in Westdeutschland.

>>> Fast zeitgleich werden die höchsten Auswanderungszahlen aus Deutschland im Jahrhundert erreicht: 779.700 Deutsche ziehen zwischen 1946 und 1961 nach Übersee.

Die BRD ist also von ihrer Gründung 1949 an ebenso ein Land der Einwanderung wie der Auswanderung. Dies zeigt auch die deutsche Politik der 1950er-Jahre, die versucht, die Auswanderung von Deutschen sowie die Zuwanderung von Ausländern unter arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten zu kontrollieren. 1952 beschließt die BRD das erste Anwerbeabkommen – oder eigentlich „Abwerbeabkommen“, da es sich hierbei um die „bezahlte Passage“ von eigenen Arbeitskräften nach Australien handelt. Drei Jahre später schließt die BRD vor dem Hintergrund eines prognostizierten Arbeitskräftemangels im Dezember 1955 mit Italien das erste Abkommen zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte ab. 1960 folgen Spanien und Griechenland. Im Oktober 1961 steht das vierte Abkommen fest: die „Vermittlung türkischer Arbeitnehmer nach der Bundesrepublik Deutschland“.

Welche gesellschaftlichen und politischen Debatten die Anwerbeabkommen in den 1950er/1960er-Jahren auslösten und wie sich das Bewusstsein der Deutschen als Einwanderungsgesellschaft bis heute verhält, das erfahren Sie in der Sonderausstellung „Plötzlich da. Deutsche Bittsteller 1709, türkische Nachbarn 1961“

*  Quelle: D. M. Sloan (Chief, Administration Division, Immigration Branch), Background of ICEM issues and instructions to Canadian Representatives attending discussions of the Working Group established by ICEM, 6.12.1957, National Archives of Canada (Ottawa) RG26108/3-24-6, Pt. 10.