Wie das Eis nach Deutschland kam …

Eiszeit in den Sommermonaten

Damit ist nicht das Bremerhavener Wetter gemeint, es geht vielmehr um die Hochsaison für Speiseeis. Doch wie kam die italienische Köstlichkeit nach Deutschland? Und wieso hat der scheinbar italienischste aller Eisbecher seinen Ursprung in der Bundesrepublik? Im Deutschen Auswandererhaus erfahren die Besucher mehr über italienische Gelatiere und andere Einwanderer der vergangenen 300 Jahre sowie über die sieben Millionen Auswanderer, die über Bremerhaven in die Neue Welt auswanderten.

Von Eiszubereitung und Eisenverarbeitung

Über die Dolomiten kam italienisches Speiseeis im 19. Jahrhundert nach Europa. Der Ursprung der italienischen Eismacher liegt in den zwei kleinen Tälern Zoldo und Cadore. Seit über einhundert Jahren macht sich ein Großteil der Bewohner im Frühjahr auf den Weg in den Norden, um in Deutschland, den Niederlanden, Österreich oder anderen europäischen Staaten als Eismacher zu arbeiten. Jahrzehnte bevor die ersten Eismacher Ende des 19. Jahrhunderts mit ihren Eiskarren in den Norden zogen, verkauften die Männer der Region in den Wintermonaten Maronen oder heiße Birnen in den umliegenden Städten Norditaliens. In den Sommermonaten arbeiten sie in der Landwirtschaft, der Holz- oder Eisenverarbeitung. Damit hat die Saisonarbeit in den Dolomiten eine lange Tradition.

Die genauen Ursprünge der Eismachertradition in den Tälern Zoldo und Cadore sind nicht bekannt, dafür aber die Beweggründe, in das europäische Ausland zu wandern, um dort Eis zu verkaufen. „Zoldo war bekannt für die Herstellung von Schlössern und Nägeln. Als jedoch Ende des 19. Jahrhunderts der Absatzmarkt für Nägel einbrach, zog es die Talbewohner nach Norden. Mit Wien als Ausgangspunkt schwärmten sie seit 1880 über Zentral- und Mitteleuropa aus und verkauften aus einem Wagen heraus Eis“, erklärt Dr. Simone Eick, Migrationsforscherin und Direktorin des Deutschen Auswandererhauses. Beide Täler gehörten bis 1866 zum Königreich Lombardo-Venetien und damit in den Einflussbereich der Habsburger Monarchie. So zogen die ersten Eismacher Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst in die Regionen der Donau-Monarchie, Österreich und Ungarn. Um die Jahrhundertwende erreichten die Gelatiere auch das Ruhrgebiet, wo zahlreiche Italiener bereits als Saisonarbeiter im Straßen-, Brücken- oder Bergbau tätig waren. Die Familien der Eismacher blieben in der Regel in Italien zurück, während die Männer von Juni bis September in den Norden zogen. Den Rest des Jahres verbrachten sie in Italien als Wanderarbeiter im Umland oder als Handwerker und Arbeiter in den Betrieben der heimischen Dörfer.

Vom Eiskarren zur Eisdiele

Zu Beginn funktionierte das Eisgeschäft wie folgt: Das Eis wurde an einem bestimmten Ort in der Stadt produziert und auf verschiedene Eiswagen verteilt, mit welchen die Eisverkäufer durch die Straßen zogen und ihr Eis anboten. Die Eismacher mussten weite Strecken zurücklegen, um die süße Ware an ihre Kundschaft zu bringen. Der Erste Weltkrieg hatte dem italienischen Eisverkauf in Deutschland ein vorläufiges Ende gesetzt. Erst Ende der 1920er Jahre kehrten die italienischen Eismacher wieder zurück. Inzwischen war der Eisverkauf in mobilen Eiskarren jedoch durch Verordnungen eingeschränkt, sodass die Eiskonditoren gezwungen waren, ein eigenes Lokal zu eröffnen. Da sich die meisten Eisproduzenten ein solches allerdings nicht leisten konnten, fanden sie eine andere pragmatische Lösung: Sie meldeten kurzerhand Eisgeschäfte in ihren eigenen Wohnungen an. Dabei verkauften sie das Eis aus einem Fenster im Erdgeschoss und befestigten Holzdielen unterhalb des Fensters: Der Name „Eisdiele“ war geboren.

Primo Olivier mit seinem Eiswagen in Süddeutschland, um 1909. Foto: Nino Olivier

Eisboom in Deutschland

„In den 1930er Jahren setzte dann ein regelrechter Boom ein. Getrieben von der wirtschaftlichen Not in den Heimattälern und der Hoffnung auf gute Geschäfte in Deutschland entschlossen sich mehr und mehr Familien zur Saisonwanderung. Die politische Nähe zwischen den faschistischen Regimes in Italien und Deutschland begünstigte die Zuwanderung zusätzlich“, sagt Simone Eick. Waren es bis dahin meist nur die Männer, die in den Norden zogen, gingen nun auch die Frauen vermehrt in den Sommermonaten in die Fremde. Da sich der Verkauf des Eises zunehmend vom Straßengeschäft in feste Eisdielen verlagerte, halfen die Frauen nun bei der Bewirtschaftung und Bedienung in den Eisdielen. Die Kinder blieben in der Regel bei den Großeltern. Mit den festen Eisdielen wurde das Eisgeschäft weniger abhängig von der Witterung. So konnte die Saison für den Eisverkauf um einige Wochen verlängert werden.

Nach dem Sturz der Mussolinis und dem Zerbrechen der deutsch-italienischen Koalition war die Hochphase der Eismacher in Deutschland 1943 beendet. Viele Gelatieri verkauften ihre Eisdielen und zogen zurück nach Italien. Bereits wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten die italienischen Eismacher aber nach Deutschland zurück. Die ersten Eisdielen entstanden meist in provisorischen Baracken. Aufgrund der Lebensmittelknappheit hatten viele Eisdielen zunächst nur wenige Stunden am Tag geöffnet und schlossen, sobald das letzte Eis verkauft war.

Die 1950er und 1960er Jahre entwickelten sich zu einer erneuten Hochphase der italienischen Eisdielen in Deutschland. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder kurbelten die Nachfrage an. Viele Eisdielen wurden mit modernster Ausstattung neu eröffnet. Mit der Verbindung von italienischem Flair und modernen Design entsprachen sie dem Zeitgeist und wurden vor allem bei Jugendlichen zu gesuchten Treffpunkten.

Mit der Anwerbung von italienischen Arbeitern durch die deutsche Regierung kamen ab 1955 rund zwei Millionen Italiener aus allen Regionen des Landes nach Deutschland. Viele von ihnen arbeiteten zunächst in den Zechen und Industriebetrieben des Ruhrgebiets. Einigen von ihnen gelang es, in das Eismacherhandwerk zu wechseln. Im Gegensatz zu den traditionellen Eismachern aus Zoldo und Caldore pflegten viele dieser neuen Eismacher nicht die Tradition der Saisonarbeit und Pendelmigration zwischen Deutschland und Italien, sondern verstanden Deutschland als neuen Lebensmittelpunkt.

Eine italienische Spezialität – geboren in Mannheim

Während des ersten Booms des Eisverkaufs in den 1930er Jahren kam auch Mario Fontanella nach Deutschland. Es war sein Sohn Dario, der 1969 das Spaghetti-Eis erfand. Der Eisbecher in der Optik der landestypischen Pastagerichte scheint die perfekte Kombination aus dem besten, was die italienische Kulinarie zu bieten hat. Kaum jemand würde den Geburtsort dieses Dessertschlagers daher ausgerechnet in der Rhein-Neckar-Metropole Mannheim vermuten. Doch genau dort kam Dario Fontanella 1969 die Idee, Vanilleeis durch eine Spätzlepresse zu drücken und mit pürierten Erdbeeren und geraspelter weißer Schokolade zu garnieren. Eigentlich hatte der Eismacher und gebürtige Mannheimer das gepresste Eis in den Farben der italienischen Flagge anbieten wollen. Erst sein Vater wies ihn darauf hin, dass das Erzeugnis an Italiens beliebteste Nudelsorte erinnerte – das Spaghetti-Eis war geboren. Und Vater Mario verstand das Handwerk: Bereits in den 1930er Jahren war er aus dem italienischen Conegliano nach Mannheim gekommen, um den Deutschen die Speiseeis-Kunst näher zu bringen. Sein innovativer Sohn Dario führt heute das Erbe fort. Reich ist er mit seiner Spaghetti-Eis-Erfindung allerdings nicht geworden, denn ein Patent hat er nie angemeldet.

Spaghetti-Eis – der von Dario Fontanella erfundene Dessertschlager.

Familie Olivier in ihrer Eisdiele im sächsischen Werdau, um 1950. Foto: Nino Olivier