Fassadenporträt: Ludmilla Baumann

Wer in letzter Zeit am Deutschen Auswandererhaus vorbei gekommen ist, der wird sie vielleicht schon erkannt haben - die Porträts von 30 Einwander*innen oder deren Nachfahr*innen, die reliefartig die Außenwand des zweiten Erweiterungsbaus zieren und je nach Lichteinfall mal mehr, mal weniger zu sehen sind. Unser Museum bekommt somit nicht nur ein neues Gesicht, sondern viele. Wer diese Menschen sind oder waren? Für einen Teil ihres Lebens ganz normale Bremerhavener*innen. Nach ihrer Migration nach Deutschland wurde die Seestadt ihr erstes neues Zuhause in einem neuen Land. In den nächsten Wochen werden wir Ihnen die Menschen hinter den 30 verschiedenen Porträts vorstellen. Auf unserer Website genauso wie auf Instagram unter #havenmenschenmitprofil.

Chemikerin zwischen Wüste und Ozean: Ludmilla Baumann

Ludmila Baumann, geb. Moskalenko, Tochter von deportierten Wolgadeutschen, wurde in Südkasachstan in der Stadt Schymkent geboren und lebte dort fast 40 Jahre lang. Schymkent wurde als Handelsstadt an der Seidenstraße gegründet und ist heute ein bedeutendes Industrie- und Wirtschaftszentrum Kasachstans.

Von Kindheit an hatte Ludmila Baumann den Traum, Lehrerin zu werden. Mit ihren Cousinen spielte sie am liebsten „Schule“. Aus dem Traum wurde Realität: Sie war als Chemielehrerin an einem Gymnasium tätig und stieg in der multiethnischen Millionenstadt Tschimkent zur stellvertretenden Schuldirektorin auf. Mit vielen ihrer ehemaligen Schüler*innen aus ihrer Lieblingsklasse hat sie auch heute, 30 Jahre später, noch Kontakt. Dennoch stand 1994 ihr Beschluss fest, mit ihrer Familie nach Deutschland auszureisen, wo seit 1988 bereits mehrere Verwandte lebten. Bei ihnen wollte ihr Ehemann unbedingt sein. Zudem verschlechterten sich die Umstände in Tschimkent rapide. Noch vor dem Zerfall der Sowjetunion konnten sie die Schwiegereltern in der Bundesrepublik Deutschland besuchen und sich in dem Land genau umschauen.

Große Veränderungen

Ludmila Baumann war sprachlos, als sie zum ersten Mal einen Supermarkt betrat, während in den letzten Jahren der 1991 zerfallenden Sowjetunion Warendefizite und Schlange stehen den Alltag bestimmten. „Um acht Uhr musste ich in der Schule sein, um neun öffneten die Läden und die Lebensmittel, vor allem Brot, waren binnen kürzester Zeit ausverkauft“, erinnert sie sich heute.

Auf die Knappheit folgten die ersten Jahre der kasachischen Unabhängigkeit. In den russischsprachigen Schulen, die auch andere Minderheiten Kasachstans – Deutsche, Griechen, Tschetschenen, Koreaner – besuchten, hatte es nur zwei Stunden Kasachisch pro Woche gegeben. Nun mussten die Lehrer*innen ihre Kenntnisse der neuen Staatssprache unter Beweis stellen und sämtliche Korrespondenz auf Kasachisch führen.

Von Schymkent, wie ihre Heimatstadt Tschimkent inzwischen heißt, begab sich Familie Baumann im Herbst 1994 nach Aqmola (heutige Hauptstadt Nur-Sultan), von dort per Flugzeug nach Hamburg und schließlich in das Aufnahmelager im niedersächsischen Bramsche. Nach einer weiteren Zwischenstation bei den Schwiegereltern in Sellstedt erreichte Familie Baumann Bremerhaven. Dass sie in der Seestadt wohnen wollen würde, das wusste Ludmila Baumann bereits vor ihrer Einreise nach Deutschland: Die Stadt an der Wesermündung gefiel ihr bereits bei ihrem ersten Besuch 1990 aufgrund der Nähe zum Meer.

Ludmilas Leben begann in der Wüste von Kasachstan, wo es alles gab: die Wüsten Karakum („Schwarzer Sand“) und Kysylkum („Roter Sand“), Flüsse, Gebirge und Steppen – aber kaum Wasser. Wasser war ein Schatz. Bis heute ist sie beunruhig, wenn irgendwo Wasser grundlos läuft. Und in Bremerhaven darf sie am Wasser leben.

Anfängliche Missverständisse

Obwohl ihre beiden Diplome als CTA und Chemieingenieurin aus der Sowjetunion voll anerkannt wurden, gestalteten sich Baumanns ersten Jahre in Deutschland schwierig. Deutsch kannte Ludmila bisher nur von ihrer Großmutter – wie viele sowjetische Deutsche war diese russischsprachig aufgewachsen. Deshalb musste sie schnell Deutsch lernen, wenn sie wieder in „ihrer“ Chemie arbeiten wollte. Das machte sie und eignete sich darüber hinaus Englisch- und EDV-Kenntnisse an.

„Manchmal bin ich in komische Situationen geraten“, erzählt sie. „Einmal hat mich eine Nachbarin besucht und im Gespräch gesagt: ,Hast du nicht alle Tassen im Schrank?’ Ich drehte mich zum Schrank um und antwortete: ,Ja, natürlich, mein Kaffeeservice ist komplett.’ Sie ist fast vom Stuhl gefallen vor Lachen. Ein anderes Mal hat die Nachbarin zu mir gesagt: ,Erzähle das deinem Friseur!’ Ich habe sehr ernst gefragt: ,Warum muss ich einer fremden Person meine Geschichte erzählen?’ Später habe ich meine Deutschlehrerin nach ähnlichen Redensarten gefragt und sie gebeten, mir diese zu erklären.“

Die Weite des Meeres

Nach dem Deutschsprachkurs erhielt Ludmila eine Stelle an der Wattenmeer-Station des Alfred-Wegener-Institutes in List auf Sylt. Nach zwei Jahren bewarb sie sich auf eine Stelle im AWI Bremerhaven und zog in die Seestadt. Ihr „interessanter und vielseitiger“ Job in der Sektion Geochemie ließ Ludmila Baumann an mehrwöchigen Polar- und Meeresexpeditionen unter anderem auf der „Polarstern“ und der „Meteor“ teilnehmen. Bei mehr als 25 Expeditionen in verschiedenen Ozeanen und Meeren war sie dabei: mehrmals in der Arktis und Antarktis und an so unterschiedlichen Orten wie Südafrika, Norwegen, Japan, Südkorea, Mexiko, Tahiti, Dubai, Oman. Immer, wenn sie auf ihrer Forschungsreisen Arbeitspausen hatte, stand sie an Deck und ließ ihre Blicke über die unendliche Weite des Meeres schweifen.

Ludmila Baumann ist glücklich und dankbar, dass sie ihr Lebensweg nach Bremerhaven führte. Durch viele Freundschaften ist die Seestadt zu ihrer zweiten Heimat geworden.

Die Porträtserie

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Mehr zu den Porträtgeschichten erfahren Sie auch in der Nordsee-Zeitung sowie auf der Homepage und dem IGTV von NordErlesen.

Geburt: 1956 in Tschimkent (heute Schymkent), damals Kasachische Sowjetische Sozialistische Republik, UdSSR (heute Kasachstan)
Einwanderung nach Bremerhaven: 1994

Ludmilla Baumann, kurz vor der Abreise nach Deutschland 1994. © Privat

Das Porträt von Ludmilla Baumann an der Fassade des Deutschen Auswandererhauses. © Deutsches Auswandererhaus

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