Fassadenporträt: Lule Duriqi

Wer in letzter Zeit am Deutschen Auswandererhaus vorbei gekommen ist, der wird sie vielleicht schon erkannt haben - die Porträts von 30 Einwander*innen oder deren Nachfahr*innen, die reliefartig die Außenwand des zweiten Erweiterungsbaus zieren und je nach Lichteinfall mal mehr, mal weniger zu sehen sind. Unser Museum bekommt somit nicht nur ein neues Gesicht, sondern viele. Wer diese Menschen sind oder waren? Für einen Teil ihres Lebens ganz normale Bremerhavener*innen. Nach ihrer Migration nach Deutschland wurde die Seestadt ihr erstes neues Zuhause in einem neuen Land. In den nächsten Wochen werden wir Ihnen die Menschen hinter den 30 verschiedenen Porträts vorstellen. Auf unserer Website genauso wie auf Instagram unter #havenmenschenmitprofil.

Flucht in eine Zeit der Unsicherheit: Lule Duriqi

Lule Duriqi wurde 1977 in Pristina, der heutigen Hauptstadt des Kosovos, geboren. Sie wuchs dort mit fünf Geschwistern auf. Der Krieg in Jugoslawien gehört zu ihren Kindheits- und Jugenderinnerungen: „Es war üblich, dass man immer Angst hatte und aufpassen musste. Und dann gab es die Demonstrationen“, erzählt sie. „Heute denke ich: Man hatte zwar Angst, aber man war auch sehr mutig. Man ist trotzdem immer in diese Demos gegangen, obwohl man nicht wusste, ob man zurückkommt. Man ist aber einfach mitgegangen und hat für seine Werte gekämpft.“

Innerhalb kürzester Zeit entschied sich die Familie 1993 schließlich zur Flucht. Die damals 16-Jährige wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Schnell wurden Reisepässe für die Reise besorgt. Schweren Herzens musste Lule Duriqis großer Bruder zunächst zurückgelassen werden; er war volljährig und wehrpflichtig. Das Beantragen des Passes hätte für ihn bedeuten können, in den Krieg ziehen zu müssen. Mit einer Gruppe an Fluchthelfern erreichte die Familie nach langer Reise Deutschland. Obwohl mit den Fluchthelfern als Ziel Langenhagen vereinbart worden war – dort hatte Familie Duriqi Angehörige – wurden sie mitten in der Nacht in Düsseldorf ausgesetzt. „Hinter einem riesigen Werbeschild wurden wir rausgelassen. Da steht man dann einfach. Mit Sack und Pack und Kindern. Mein Vater hat dann versucht, zu verhandeln. Der Fluchthelfer sagte aber zu uns: Entweder geht ihr jetzt oder ich rufe die Polizei.“

“Man sieht sich immer wieder selbst in den Anderen”

Mit dem Taxi fuhr die Familie weiter zu den Angehörigen in die Nähe von Hannover. Ein paar Tage später meldeten sie sich bei den Behörden und kamen schließlich in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Bremerhaven unter. Über zwei Jahre blieb die Familie im Asylverfahren und dort wohnen. „Ich habe während dieser Zeit in Bremerhaven auch zwei Mal einen Abschiebebescheid bekommen. In dem Moment reißt dir jemand den Boden unter den Füßen weg, man fällt ins nirgendwo. Wird es weitergehen für mich? Ich habe beide Male einen Anwalt zur Hilfe geholt und schließlich einen Aufenthaltstitel bekommen.“

Kurz danach begann Lule Duriqi Deutsch zu lernen und ihre Abschlüsse nachzuholen. Im Jahr 2000 begann sie eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel und blieb in diesem Beruf viele Jahre in Bremerhaven tätig. 2013 wechselte sie schließlich in den Bildungsbereich, in dem sie bis heute arbeitet. „Ich habe bei meiner Arbeit auch viel mit Geflüchteten zu tun“, erzählt sie. „2015 war für mich besonders eindrücklich. Man sieht sich immer wieder selbst in den Anderen und deren Geschichten. Das hat mir auch geholfen, meine eigenen Erfahrungen aufzuarbeiten.“

Die Porträtserie

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Mehr zu den Porträtgeschichten erfahren Sie auch in der Nordsee-Zeitung sowie auf der Homepage und dem IGTV von NordErlesen.

Geburt: 1977 in Pristina, Jugoslawien
Einwanderung nach Bremerhaven: 1993

Lule Duriqi, 2020. © Lule Duriqi

Das Porträt von Lule Duriqi an der Fassade des Deutschen Auswandererhauses. © Deutsches Auswandererhaus

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