Fassadenporträt: Francesco Antonio Sangiorgi

Wer in letzter Zeit am Deutschen Auswandererhaus vorbei gekommen ist, der wird sie vielleicht schon erkannt haben - die Porträts von 30 Einwander*innen oder deren Nachfahr*innen, die reliefartig die Außenwand des zweiten Erweiterungsbaus zieren und je nach Lichteinfall mal mehr, mal weniger zu sehen sind. Unser Museum bekommt somit nicht nur ein neues Gesicht, sondern viele. Wer diese Menschen sind oder waren? Für einen Teil ihres Lebens ganz normale Bremerhavener*innen. Nach ihrer Migration nach Deutschland wurde die Seestadt ihr erstes neues Zuhause in einem neuen Land. In den nächsten Wochen werden wir Ihnen die Menschen hinter den 30 verschiedenen Porträts vorstellen. Auf unserer Website genauso wie auf Instagram unter #havenmenschenmitprofil.

Kochen für die weite Welt: Francesco Antonio Sangiorgi

Francesco Sangiorgi erinnert sich gerne an seine Kindheit auf dem Bauernhof seiner Eltern auf Sizilien. Als er jedoch
15 wird, stehen er und seine Familie vor der Frage, wie es mit seinem Lebensweg weitergehen solle. Viele Perspektiven bietet die Region für die Heranwachsenden nicht. Seine Mutter möchte, dass er Priester wird, aber Francesco merkt schon früh, dass es keine anstrebenswerte Karriere für ihn sei. Stattdessen geht er in die Toscana, wo seine Tante und sein Onkel ein Restaurant in der Stadt Marina di Cecina betreiben. Der Kontrast zur Südtalien ist so stark, dass Francesco Sangiorgi heute sagt: „Es war für mich damals wie Amerika!“ Im Untereschied zu Sizilien können junge Männer und Frauen sich in der Öffentlichkeit treffen und unterhalten – in seinem Heimatort wäre das undenkbar gewesen.

Der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen

Erst hilft Francesco im Restaurant aus, dann absolviert er eine Lehre als Hotelfachmann. Während seines einjährigen Militärdienstes im touristisch geprägten Rom wächst bei ihm der Wunsch die Welt zu sehen. Er sucht sich einen Job im Ausland, zunächst in England, aber dort kennt er niemanden, also fällt seine Wahl auf die Bundesrepublik, wo Familienfreunde ihm eine Unterkunft verschaffen. Mit einem Zug kommt er 1978 in Hagen in Westfalen an – damals eine Stadt mit großer italienischer Diaspora, zwischen 17.000 und 20.000, wie sich Francesco Sangiorgi erinnert. Nach
14 Monaten, in denen er dort in verschieden Jobs arbeitet, wird es ihm zu viel. „Ich lebe in Deutschland, aber ich lebe wie in Italien“, denkt er sich und zieht nach Bremerhaven, wo sein Cousin lebt. In der Seestadt zählt die italienische Community gerade einmal 150 Personen.

Erst hier beginnt Francesco Sangiorgi intensiv Deutsch zu lernen. Hier möchte er sich den Traum vom eigenen Restaurant erfüllen. 1983 kauft er sich die passende Immobilie. Am 15. August 1984 ist es soweit: Das Restaurant „Italia“ eröffnet. Später kommt noch eine Filiale hinzu. Aufgrund der zahlreichen US-Truppen boomt in Bremerhaven die Gastronomie. Die GIs hinterlassen gutes Trinkgeld, manchmal kommen auch Italoamerikaner vorbei, aber die Kommunikation mit ihnen auf Italienisch fällt wegen der vielen regionalen Dialekte schwer.

Auch seine zukünftige Ehefrau, die aus L’Aquila, der Hauptstadt der Abruzzen, stammt, lernte Francesco Sangiorgi in Norddeutschland kennen – hier verweilte sie gerade im Urlaub. Zwei Kinder hat das Ehepaar inzwischen. Mit Bremerhaven verbindet ihm außerdem Familiengeschichte – bereits sein Großvater war 1899 in der Stadt bevor er in die USA auswanderte. 1908 kehrte er jedoch wieder nach Italien zurück.

Von der Küche auf die Bühne

Besonders stolz ist Francesco Sangiorgi auf seine Bühnenerfahrung: Der bekannte Regisseur Johannes Felsenstein
(1944 – 2017), damals Oberspielleiter und Chefregisseur für Musiktheater in Bremerhaven und einer seiner Stammgäste, ließ ihn 1990 auf der Bühne kochen – ein Novum im deutschen Theaterbetrieb. Bei insgesamt acht ausverkauften Aufführungen spielt Francesco Sangiorgi einen Wirt in Ermanno Wolf-Ferraris „Il Campiello“ und bereitet echte Speisen vor, die die Schauspieler*innen auf der Bühne verzehren. Das Publikum und die Darsteller*innen waren begeistert, nur das Orchester beschwerte sich – weil der Duft des Festschmauses die Musiker*innen ablenkte.

Die Porträtserie

Folgen Sie auch dem Instagramkanal des Deutschen Auswandererhauses und dem #havenmenschenmitprofil, um keine Porträtvorstellung zu verpassen!

Mehr zu den Porträtgeschichten erfahren Sie auch in der Nordsee-Zeitung sowie auf der Homepage und dem IGTV von NordErlesen.

Geburt:1957 in Valledolmo auf Sizilien, Italien
Einwanderung nach Bremerhaven: 1979

Francesco Sangiorgio,2019 .© Cariuo

Das Porträt von Francesco Sangiorgio an der Fassade des Deutschen Auswandererhauses. © Deutsches Auswandererhaus

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