Fassadenporträt: Helga Siegmund

Wer in letzter Zeit am Deutschen Auswandererhaus vorbei gekommen ist, der wird sie vielleicht schon erkannt haben - die Porträts von 30 Einwander*innen oder deren Nachfahr*innen, die reliefartig die Außenwand des zweiten Erweiterungsbaus zieren und je nach Lichteinfall mal mehr, mal weniger zu sehen sind. Unser Museum bekommt somit nicht nur ein neues Gesicht, sondern viele. Wer diese Menschen sind oder waren? Für einen Teil ihres Lebens ganz normale Bremerhavener*innen. Nach ihrer Migration nach Deutschland wurde die Seestadt ihr erstes neues Zuhause in einem neuen Land. In den nächsten Wochen werden wir Ihnen die Menschen hinter den 30 verschiedenen Porträts vorstellen. Auf unserer Website genauso wie auf Instagram unter #havenmenschenmitprofil.

Flucht als kleines Mädchen im Zug: Helga Siegmund

„Meine Eltern sagten, wir wären die ersten Flüchtlinge in Bremerhaven gewesen“, erinnert sich Helga Siegmund, die als fünfjähriges Kind gemeinsam mit ihrer Mutter und jüngeren Schwester aus Stettin, der ehemaligen Hauptstadt Pommerns, 1945 nach Bremerhaven flieht.

Als während des Zweiten Weltkrieges 1944 die Angriffe auf die Hafenstadt Stettin zunehmen, entschließt sich die Helga Siegmunds Mutter zur Flucht mit ihren beiden Töchtern. Zunächst geht es zur Verwandtschaft in das kleine nahegelegene Dorf Siegelkow, ehe auch dort das Kriegsgeschehen zunimmt und sie abermals fliehen müssen. Eigentlich wollte Helga Siegmunds Mutter Pommern mit der „Wilhelm Gustloff“ verlassen, bekommt aber keine Passage mehr – das Schiff wird später versenkt. „Mein Opa war Eisenbahner und hat dafür gesorgt, dass wir noch mit dem Zug flüchten konnten“ – in Richtung Westen, mit dem Ziel Bremerhaven, wo Helgas Vater bei der Marine stationiert ist. „Ich weiß nicht wie lange wir unterwegs waren, nur, dass es sehr kalt war. Wir mussten nämlich in einem Güterwaggon reisen.“

Ein Garten in Spaden

Am 19. Februar 1945 kommt Helga Siegmund schließlich in Bremerhaven an. Ihr Vater, ein Leutnant, bringt die Familie zunächst in seinem Zimmer in der Kaserne unter, „aber das war ja kein Dauerzustand“ und „da aber auch Bremerhaven stark zerstört war, suchte mein Vater uns eine Unterkunft in Spaden“. Bis heute lebt Helga Siegmund gemeinsam mit ihrem Mann in Spaden. Kennen gelernt haben sich die beiden auf der Arbeit beim Magistrat Bremerhaven, wo Helga Siegmund als 18-Jährige ihrer Tätigkeit als Stadtangestellte nachgeht – dort „habe ich in dem gleichen Gebäude, in dem wir in Bremerhaven zuerst untergekommen waren, gearbeitet“. Später arbeitet sie 21 Jahre bei der Lebenshilfe Wesermünde. „Als begeisterte Hobbygärtner haben mein Mann und ich mit dem Kakteenverein von Bremerhaven aus viele schöne Gärtnereien und Parks besucht, auch in England“. Jetzt lässt Helga Siegmund es aber ruhiger angehen: „Wir sind inzwischen über 80 Jahre alt und gärteln nur noch in unserem schönen Garten“.

Bremerhaven und Stettin sind inzwischen seit 30 Jahren Partnerstädte. Doch Helga Siegmund war nie wieder in ihrer Geburtsstadt, sagt aber: „Ich frage mich manchmal, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn wir dort hätten bleiben können“.

Die Porträtserie

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Mehr zu den Porträtgeschichten erfahren Sie auch in der Nordsee-Zeitung sowie auf der Homepage und dem IGTV von NordErlesen.

Geburt: 1940 in Stettin/Pommern (heute: Polen)
Einwanderung nach Bremerhaven: 1945

Helga Siegmund, den Kinderschuhen entwachsen . © Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Das Porträt von Helga Siegmund an der Fassade des Deutschen Auswandererhauses. © Deutsches Auswandererhaus

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