Fassadenporträt: Franjo Spahic

Wer in letzter Zeit am Deutschen Auswandererhaus vorbei gekommen ist, der wird sie vielleicht schon erkannt haben - die Porträts von 30 Einwander*innen oder deren Nachfahr*innen, die reliefartig die Außenwand des zweiten Erweiterungsbaus zieren und je nach Lichteinfall mal mehr, mal weniger zu sehen sind. Unser Museum bekommt somit nicht nur ein neues Gesicht, sondern viele. Wer diese Menschen sind oder waren? Für einen Teil ihres Lebens ganz normale Bremerhavener*innen. Nach ihrer Migration nach Deutschland wurde die Seestadt ihr erstes neues Zuhause in einem neuen Land. In den nächsten Wochen werden wir Ihnen die Menschen hinter den 30 verschiedenen Porträts vorstellen. Auf unserer Website genauso wie auf Instagram unter #havenmenschenmitprofil.

Der Familienmensch Franjo Spahić

Als Franjo Spahić im März 1973 als 19-Jähriger in Bremerhaven ankommt, sind seine Eltern und seine Geschwister bereits dort. Seine Mutter Ruža hatte Jugoslawien als Erste verlassen, um als sogenannte Gastarbeiterin in der Bremerhavener Fischindustrie zu arbeiten. Sie bewegt den Rest der Familie dazu, ihr zu folgen. Franjo trifft als letzter ein. Er hatte gezögert, seine Freunde und seine Arbeitsstelle aufzugeben – ein Risiko.

Franjo Spahić und seine Geschwister wuchsen in einfachen Verhältnissen auf. Die Eltern arbeiteten hart. Franjo verdiente bereits mit 14 Jahren sein eigenes Geld: als Schausteller, auf dem Bau und schließlich in einer Möbelfabrik.

In Deutschland nimmt er zunächst Gelegenheitsjobs an, wohnt zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern in Grünhöfe. Schon kurze Zeit nach seiner Ankunft lernt er in der Bremerhavener Diskothek „Superstar“ Susanne kennen – seine zukünftige Ehefrau. Die beiden ziehen zusammen und heiraten 1976.

Zweite Heimat: Bremerhaven

Franjo Spahić arbeitet sich zielstrebig voran: Als sein Sohn Marinko wenige Monate alt ist, macht Franjo 1981 an einer jugoslawischen Fernschule seinen Realschulabschluss, es folgen in den nächsten Jahren ein Facharbeiterbrief als Stahlbauschlosser und der Abschluss zum staatlich geprüften Maschinenbautechniker. Dass es seinen Kindern einmal bessergehen soll, treibt ihn an. „Er hat versucht, uns immer alles zu ermöglichen, was wir machen wollten“, sagt seine Tochter Mirjam. Jedes Jahr – bis zum Ausbruch des Krieges – fährt die Familie nach Jugoslawien in den Urlaub und besucht Freunde und Verwandte. 1988 bekommt Franjo eine Arbeitsstelle in Bremen, die Familie baut ein Haus in Weyhe. Bremerhaven bleibt ein wichtiger Bezugspunkt, denn ein großer Teil der Familie wohnt weiterhin dort.

Ein negativer Wendepunkt ist für Franjo Spahić der Bürgerkrieg in Jugoslawien. Auch die jugoslawische Gemeinschaft in Deutschland spaltet sich auf. Franjo möchte und kann sich mit keiner der Gruppen identifizieren. Er sieht sich weiterhin als Jugoslawe. Da es den Staat Jugoslawien nicht mehr gibt und Franjo sich weigert, Bürger einer der neuen Staaten zu werden, ist er für einige Jahre staatenlos. Schließlich entscheidet er sich, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Er engagiert sich für mehrere Jahre im Ausländerbeirat der Gemeinde Weyhe, um Flüchtlinge zu unterstützen.

2013, Franjo Spahić ist mittlerweile mit seiner eigenen Firma selbstständig, zieht das Ehepaar zurück in die Seestadt. Nach einer plötzlichen und schweren Krankheit verstirbt Franjo Spahić 2016 in Bremerhaven. Die Rolle der Stadt für ihren Mann beschreibt Susanne Spahić so:

„Seine Geschwister sind hier. Das ist seine Heimat, seine zweite Heimat. Hier ist er angekommen und hier hat er seine Familie gegründet. Hier hat er geheiratet.“

Die Porträtserie

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Mehr zu den Porträtgeschichten erfahren Sie auch in der Nordsee-Zeitung sowie auf der Homepage und dem IGTV von NordErlesen.

Geburt: 1954 in Duge, Jugoslawien
Einwanderung nach Bremerhaven: 1973
verstorben: 2016

Das Passfoto zeigt Franjo Spahić kurz vor seiner Ankunft in Bremerhaven 1973. © Familie Spahić

Das Porträt von Franjo Spahić an der Fassade des Deutschen Auswandererhauses. © Deutsches Auswandererhaus

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