Fassadenporträt: Jutta Wrieden

Wer in letzter Zeit am Deutschen Auswandererhaus vorbei gekommen ist, der wird sie vielleicht schon erkannt haben - die Porträts von 30 Einwander*innen oder deren Nachfahr*innen, die reliefartig die Außenwand des zweiten Erweiterungsbaus zieren und je nach Lichteinfall mal mehr, mal weniger zu sehen sind. Unser Museum bekommt somit nicht nur ein neues Gesicht, sondern viele. Wer diese Menschen sind oder waren? Für einen Teil ihres Lebens ganz normale Bremerhavener*innen. Nach ihrer Migration nach Deutschland wurde die Seestadt ihr erstes neues Zuhause in einem neuen Land. In den nächsten Wochen werden wir Ihnen die Menschen hinter den 30 verschiedenen Porträts vorstellen. Auf unserer Website genauso wie auf Instagram unter #havenmenschenmitprofil.

Flucht mit der Mutter am Steuer: Jutta Wrieden

Jutta Brüssel wird als zweites Kind in dem kleinen schlesischen Ort Günthersdorf im heutigen Polen geboren. Die Familie besitzt dort die erfolgreiche Brauerei Günthersdorf, ein Lebensmittelgeschäft, eine Tankstelle, einen Saalbetrieb, eine Gaststätte und betreibt Landwirtschaft. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges ändert sich das Leben der Familie Brüssel grundlegend. Teile, wie beispielsweise die Brauerei, des Familienbesitzes werden zu dieser Zeit stillgelegt. Anteilig wird der Betrieb ab 1939 von Mutter Martha übernommen, da Vater Erwin in den Krieg eingezogen wird. Im Februar 1945 entschließt sich Martha, mit zwei Kindern und der Hausangestellten Frieda Winter in den Westen zu fliehen. Martha ist eine sehr selbstständige Frau und macht während des Krieges Krankenfahrten im Auto der Familie, einer DKW Sonderklasse. So erfährt sie, dass die Situation immer gefährlicher wird, und beschließt unter dem Vorwand einer Krankenfahrt ihre Heimat zu verlassen. Jutta ist zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt.

Erschütterungen

Die Flucht führt sie als erstes nach Cottbus. Dort werden die vier durch einen schweren Bombenangriff in ihrer Unterkunft im Bahnhofshotel verschüttet und erst zwei Tage später aus den Trümmern gerettet. Jutta wird durch dieses Ereignis zeitlebens Angst vor Enge haben. Die Flucht führt sie weiter durch die Tschechische Republik bis nach Bayern. Nachts organisiert Juttas Bruder Manfred Essen und Treibstoff für das Auto. Als sie Bayern erreichen, wird ihnen der PKW abgenommen und sie werden aufgefordert, sich nach Bamberg in das Flüchtlingslager Tietz zu begeben – dort werden sie sich ein halbes Jahr aufhalten.

Vater Erwin gerät nach der deutschen Kapitulation in britische Kriegsgefangenschaft und kommt durch ein Arbeitsangebot nach Bremerhaven. Durch eine Bekanntschaft erfährt der Rest der Familie Brüssel von dem Überleben des Vaters. Erwin reist nach Bamberg und wird hier im Oktober 1945 mit seiner Familie wiedervereint. Gemeinsam begeben sie sich auf einem offenen Güterwagon nach Bremerhaven, ihrem neuen Zuhause.

Ein absolutes Draußenkind…

Jutta und ihre Familie leben zunächst zur Untermiete in der Leher Goethestraße. Gemeinsam teilt sich die Familie ein Zimmer. Vater Erwin wird als Braumeister bei der Bremerhavener Brauerei Karlsburg angestellt. Mutter Martha erledigt für Kund*innen Schneiderarbeiten. Der Anfang in der neuen Heimat ist schwierig. Jutta wird oft als Flüchtlingskind bezeichnet, außerdem wird sie angehalten sich stets leise und unauffällig zu verhalten. Trotzdem wird sich Jutta an ihre Kindheit in Lehe als „glücklichste Zeit ihres Lebens“ erinnern. Jutta ist ein wissbegieriges Kind, liebt besonders Erdkunde und Theateraufführungen in der Schule. Sie besucht die Marktschule und später die Theodor-Storm-Schule in Lehe. Jutta war ein „absolutes Draußenkind“ und wenn Bruder Manfred, der Anführer der Kinderbande, „ATTACKE!“ rief, war es stets Jutta, die als Erste losrannte.

… macht den Führerschein

Zwischen 1955 und 1957 besucht Jutta die Handelsschule und erlernt den Beruf der Buchhalterin. Nach erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung wird sie als Kontoristin bei den Drahtseilwerken in Bremerhaven angestellt. Doch die weltoffene, neugierige Jutta reizt es im Ausland zu arbeiten. So ergreift sie ihre Chance und arbeitet für ein Jahr im schottischen Inverkeilor als Table Maid (Hausangestellte) auf einer Burg. Nach ihrer Rückkehr nach Bremerhaven wird sie als Buchhalterin bei der Firma H. Baumgarten angestellt. Als Jutta 1960 ihren Führerschein macht, unternimmt sie als eine ihrer ersten Fahrten einen Ausflug ins nahe gelegene Loxstedt. Hier feiert Jutta den Tanz in den Mai in der Gaststätte „Meinecke“ und trifft Klaus-Dieter Wrieden. Jutta spricht den zurückhaltenden, intelligenten jungen Mann an und die beiden waren wie „schock verliebt“. Im Jahr 1963 wird Jutta unerwartet schwanger. Jutta und Klaus-Dieter bekommen sehr viel Unterstützung durch ihre Familien. Klaus-Dieter soll weiterhin in Wolfenbüttel Maschinenbau studieren. So entscheidet sich das Paar, gemeinsam bei Juttas Eltern in der Ringstraße in Bremerhaven-Wulsdorf zu leben. Im Juni 1963 heiraten Jutta und Klaus-Dieter und im November des gleichen Jahres wird Tochter Dagmar geboren. Jutta wechselt 1965 in den elterlichen Betrieb „Fuhrunternehmen Fa. Erwin Brüssel“ (heute „Spedition Brüssel & Maass Logistik GmbH“), den Vater Erwin 1948 gründet, und arbeitet hier weiterhin in ihrem Beruf. 1965 wird Tochter Maike geboren.

Eine Künstlerin, mit der Familie unterwegs

Als Familie haben die Wriedens immer eine Menge Spaß zusammen. So gehen sie oft an der Weser campen und bereisen zusammen die ganze Welt. Jutta setzt sich stets für ihre Töchter ein und so wachsen beide sehr behütet auf. Jutta arbeitet gern, ist stets unabhängig und geht nach weiteren 20 Jahren Arbeit als Buchhalterin bei der Bremerhavener-Kutterfischer-Gesellschaft schließlich in Rente. Doch auch ihre Rente gestaltet die lebensfrohe Jutta sehr aktiv. Sie und ihr Mann Klaus-Dieter erstehen 1994 ein Haus auf Mallorca und begeistern sich gemeinsam für Kunst. Jutta liebt vor allem die Bildhauerei. Sie entwirft viele Kunstwerke und organisiert mit ihrem Mann gemeinsam Kunstausstellungen. Im Jahr 1998 wird Juttas Enkelsohn Finn geboren.

Jutta Wrieden verstirbt im Jahr 2015. Sie war „mit Leib und Seele Bremerhavenerin, liebte das Meer und den Wind um die Nase“.

Die Porträtserie

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Mehr zu den Porträtgeschichten erfahren Sie auch in der Nordsee-Zeitung sowie auf der Homepage und dem IGTV von NordErlesen.

Geburt: 1940 in Günthersdorf/Schlesien
Einwanderung nach Bremerhaven: 1945
verstorben: 2015

Jutta Wrieden als junge Frau. © Privat

Das Porträt von Jutta Wrieden an der Fassade des Deutschen Auswandererhauses. © Deutsches Auswandererhaus

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S. Christiansen

Dr. M. van der Does & R. van der Burg