Hygiene an Bord

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus / Leihgabe Initiativkreis Deutsches Auswandererhaus

Risiken und Nebenwirkungen auf Auswandererschiffen

Die Temperaturen steigen, das Fernweh wird immer größer und viele Menschen fragen sich, ob trotz Corona eine Reise diesen Sommer möglich ist. Während 2019 noch insgesamt 30 Millionen Tourist:innen eine Schiffsreise in Anspruch nahmen, sind Kreuzfahrten nach Übersee trotz vorhandener Hygienekonzepte zurzeit pausiert. Das Deutsche Auswandererhaus greift das Thema „Hygiene an Bord“ in seiner Dauerausstellung auf und zeigt anschaulich, dass hygienische Verhältnisse in der Seefahrt schon immer von Bedeutung waren.

Rund 400 Personen erlebten im Zwischendeck des Segelschiffes „Bremen“ zusammen die Überfahrt nach Amerika. Eine Separierung von kranken und gesunden Auswanderer:innen war aufgrund des Platzmangels nicht möglich, sodass sich Krankheiten schnell ausbreiten konnten. Erst 1870 beschlossen die beiden Hansestädte Bremen und Hamburg Gesetze zur räumlichen Trennung kranker und gesunder Passagier:innen.

Die Ausbreitung von Krankheiten resultierte aus verschiedenen Gründen. Zum einen fehlten an Bord der frühen Auswandererschiffe im 19. Jahrhundert sanitäre Anlagen. Im Deutschen Auswandererhaus können Besucher:innen die Überfahrt in den detailgetreu rekonstruierten Schiffskabinen hautnah miterleben und mehr über die Risiken an Bord eines Auswandererschiffes erfahren. Dabei erleben sie auch einen Querschnitt der sanitären Anlagen durch das 19. und 20. Jahrhundert anhand drei nachgestellter Schiffsräume. Auf dem Segelschiff „Bremen“ standen Passagier:innen im Jahr 1854 nur Eimer zur Verfügung, eine Toilette gab es im Zwischendeck zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auf dem Dampfschiff „Lahn“ hingegen gab es im Jahr 1887 WCs und Gruppenwaschräume. Auf dem Ocean Liner Columbus standen 1929 auch den Passagieren der dritten Klasse Mehrbettkabinen mit Waschmöglichkeiten zur Verfügung.

Zum anderen konnten sich Krankheitserreger durch die mangelnde Reinigung an Bord ausbreiten. Schmutz und Abfälle landeten häufig einfach auf dem Fußboden und blieben dort liegen. Zusammen mit der Enge und der Feuchtigkeit, die in den Schiffsräumen vorherrschte, wurde die Verbreitung von Krankheitserregern enorm beschleunigt. Das Desinfektionsmittel der heutigen Zeit war noch nicht bekannt, man räucherte die Schiffsräume mit Wacholderbeeren, Essig oder Schwefel aus.

Doch nicht nur die Eindämmung von Krankheiten, sondern auch die Behandlung war im 19. Jahrhundert an Bord schwierig. Auf einem Segelschiff gab es, sofern der Reeder bereit war dafür Geld auszugeben, nur eine kleine Medizinkiste mit Medikamenten. Die Versorgung der Kranken an Bord versah der Kapitän oder Steuermann. Die Tatsache, dass auf den meisten Schiffen kein ärztliches Personal vorhanden war, fiel den meisten Passagier:innen gar nicht auf. Denn auch an ihrem Heimatort auf dem Land gab es oftmals keine Mediziner. Zudem waren Arztbesuche sehr teuer, sodass nur finanziell gut gestellte Bürger sich eine Konsultation leisten konnten. „Mit der Einführung der Dampfschiffe verbesserte sich die Situation deutlich. Es wurden Schiffsärzte eingestellt und größere Raumkapazitäten ermöglichten die Einrichtung von Behandlungsräumen. Eine Hamburger Verordnung vom Januar 1887 verpflichtete die deutschen Reeder dann erstmals gesetzlich zur Einstellung von approbierten Ärzten auf den Schiffen, die mehr als 50 Passagier:innen transportierten“, erklärt Historikerin Dr. Tanja Fittkau, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Auswandererhaus.

In der heutigen Zeit müssen Tourist:innen auf Komfort und hygienische Verhältnisse an Bord nicht mehr verzichten - ein erheblicher Unterschied zu den Passagierschiffen im 19. Jahrhundert. Denn heute gibt es frisches Wasser zum Duschen, Desinfektionsmittel und Hygienekonzepte, die optimiert werden. Damit schon bald wieder reibungslose Kreuzfahrten garantiert werden können und es „Leinen los“ heißt.