Digitalisierte Geschichte – ein offenes Buch

Digitalisierung als Chance für Museen: Das deutschlandweite Verbundprojekt „museum4punkt0 – Digitale Strategien für das Museum der Zukunft“ geht mit zehn Millionen Euro aus dem Programm „Neustart Kultur“ und neuen Projektpartner*innen in die Verlängerung – und mit ihm das erfolgreiche Teilprojekt am Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven. Das Migrationsmuseum knüpft an bisher gewonnene Erkenntnisse und Entwicklungen mit einem Konzept für eine Medienstation an, die vor allem Kinder und Jugendliche für Alltagsgeschichte begeistern und ihnen die Welt persönlicher historischer Schriftstücke näherbringen soll. Gefördert wird „museum4punkt0“ von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Postkarte von 1901, die nach erfolgter Überfahrt bei der Ankunft in New York an die „Lieben“ in der Heimat gesandt wurde. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Neue Medienstation für „Digital Natives“

Seit 2017 ist das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven Teil des bundesweiten Verbundprojektes „museum4punkt0 – Digitale Strategien für das Museum der Zukunft“ und erfuhr mit seinen bisherigen Entwicklungen immer wieder positive Publikumsresonanz. Nun entwickelt der außerschulische Lernort ein Medienkonzept, das besonders auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten ist: Für die „Digital Natives“ soll eine Medienstation entstehen, die ihnen den Zugang zu persönlichen Dokumenten wie Briefen oder Tagebüchern erleichtert. Hierfür stellt das Museum extra zwei neue Mitarbeiter*innen ein.

Von Hand verfasste Schriftstücke – ob Briefe, Tagebücher oder amtliche Dokumente – stellen einen bedeutenden Teil der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses sowie anderer Museumssammlungen, Bibliotheken und Archive dar. „Neben Zeitzeugeninterviews erlauben sie uns einen unersetzbaren Einblick in Biographien und Alltagsgeschichte“, erläutert Museumsdirektorin Dr. Simone Blaschka. Der Zugang zu den Dokumenten gilt dabei für Geschichtseinsteiger*innen als besonders schwierig. „Die Texte erfordern oft historisches Hintergrundwissen, Fremdsprachenkenntnisse oder Kenntnisse alter Schriftarten wie Sütterlin, die heute viele junge Menschen gar nicht mehr entziffern und lesen können. Deshalb wollen wir jetzt eine Medienstation entwickeln, die Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu diesen wertvollen Quellen ermöglicht und ihnen hilft, eventuell vorhandene Wissens- und Lesehürden zu überwinden. Und natürlich möchten wir sie dafür begeistern, mehr über das Leben von Aus- und Eingewanderten herauszufinden.“ Wichtig sei es dabei, einen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt herzustellen und den jungen Menschen Parallelen zwischen damals und heute aufzuzeigen. Dafür wird das Deutsche Auswandererhaus zum Beispiel auch ein Tool entwickeln, um jungen Menschen historische Postkarten näher zu bringen und deren Bedeutung und Stellenwert mit heutigen Selfies und SMSen zu vergleichen.

Wie lassen sich Emotionen und Gefühlswelten am besten vermitteln?

In den Vorjahren beschäftigte sich das Deutsche Auswandererhaus im Rahmen von museum4punkt0, das mittlerweile 16 renommierte Kulturinstitutionen unter der Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin versammelt, intensiv mit dem Ineinandergreifen von Realem und Digitalem in der musealen Vermittlung. Im Fokus stand und steht dabei immer auch die Frage, ob und wie sich Emotionen und Gefühlswelten am besten vermitteln lassen – Aspekte, die insbesondere in der Vermittlung von Migrationsgeschichte eine wesentliche Rolle spielen.

In diesem Zusammenhang führte das Deutsche Auswandererhaus eine umfangreiche Studie zur virtuellen Realität durch. Hierfür veranstaltete das Museum im Herbst 2018 ein Ausstellungsexperiment, anhand dessen es erprobte, inwiefern Besucher*innen reale und virtuell dargestellte Objekte unterschiedlich erleben. Im Zentrum standen dabei zwei Fragen: Welche Bedeutung haben originale Objekte in Zeiten der Digitalisierung? Und: Lassen sich Empfindungen fremder Menschen besser durch biographische Objekte oder besser digital durch Geschichten vermitteln? Die Ergebnisse, die in einer online veröffentlichten Broschüre nachzulesen sind, zeigten: In dem Ausstellungsexperiment fanden die Besucher*innen die VR-Anwendungen insgesamt unterhaltsamer als die traditionell gestalteten Ausstellungsräume, allerdings konnte bei den Studienteilnehmer*innen durch die traditionellen Vermittlungsmethoden eine stärkere kognitive Empathie für die damit erzählte Geschichte erzeugt werden.

Im direkten und zugleich digitalen Austausch mit seinen Besucher*innen regte das Erlebnismuseum darüber hinaus in einem weiteren Projekt, dem Dialog Migration, zu einer individuellen Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten von Migration an. Zudem entstanden im vergangenen Jahr eine Datenbank und eine Plattform, die Sammlungsstücke, Interviews und andere Medien des multimedial sammelnden Museums verknüpft. In diesem Biographien-Portal ermöglichen Schlagworte und Kategorien ein intuitives Entdecken und Begreifen von geschichtlichen und biographischen Zusammenhängen.

„museum4punkt0“ 2.0

Dank des „Neustart Kultur“-Programms der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters, das Kultur im Kontext von Corona und ihren Folgen stärken und zukunftsfähig machen soll, können das Deutsche Auswandererhaus und die anderen Partnermuseen im Jahr 2021 eine weitere Projektphase anschließen. Zu den bisherigen Partner*innen, darunter das Deutsche Museum München und das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz, gesellen sich neue Einrichtungen wie die Klassik Stiftung Weimar und das Deutsche Historische Museum in Berlin.

Ohne alte Handschriften wie Sütterlin entziffern zu können, gehen wertvolle Quellen verloren. © Deutsches Auswandererhaus / Foto: Magdalena Gerwien