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Objekt des Monats

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.


August 2026

Foto, um 1900

Größe16,6 x 10,8 x 0,1 cm
MaterialPapier
SchenkungAstrid Lange

Wir sehen einen Hund auf einem Hocker sitzen. Er trägt eine Schleife am Halsband und schaut direkt in die Kamera. Das Foto ist auf einen Karton aufgezogen, auf dessen Rückseite eine in eine Tunika gewandete Gottheit „Kempf ´s Art Studios“ in Brooklyn bewirbt.

Historische Einordnung

Solche Kabinett-Karten oder Cabinet Cards sind in den USA und vielen Ländern weltweit zwischen 1880 und 1900 das populärste Format für Porträtfotos. Eine Kabinettkarte ist ungefähr 16 mal 10 Zentimeter groß und hat ihren Namen von ihrem Standort auf den zeittypischen Kabinett-Schränken in den Salons des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie sind beliebte Geschenke unter Freund:innen und Verwandten, die in der Wohnung präsentiert oder in eigens dafür angefertigten reich verzierten Fotoalben aufbewahrt und betrachtet werden. Oft werden sie gleich im Dutzend angeboten und sind für eine bürgerliche Mittelschicht erschwinglich.

Zum ersten Mal ermöglichen sie den Porträtierten einen spielerischen Umgang mit dem Medium Fotografie. Die prunkvoll ausgestatteten Fotoateliers halten einen ganzen Fundus an Requisiten und gemalten Hintergründen bereit, mit denen sich die Porträtierten ganz so zeigen können, wie sie es wünschen: Bei ihrem Hobby, ihrem Beruf, anlässlich eines wichtigen Ereignisses wie Taufe oder Kommunion, im Faschingskostüm oder zu Weihnachten in künstlicher Schneelandschaft. Immer mehr Menschen kommen auch mit ihren tierischen Freunden in die Ateliers. Denn die Zeit der Kabinett-Karten ist auch die Zeit, in der Hunde als Haustiere in bürgerlichen Kreisen immer beliebter werden.

Kurzbiographie(n)

In diesem Foto kommen die Geschichten dreier Menschen und eines Hundes zusammen.

Zunächst die Geschichte von Johanne Kopf (geboren 1869 als Johanne Ohland), die als Jugendliche 1882 in die USA auswandert. Aufgewachsen ist sie nur wenige Kilometer nördlich von Bremerhaven im Dorf Hülsing bei Wremen. 1888 heiratet sie den aus der Nähe von Cuxhaven stammenden Willi Mangels. Mit ihren zwei Söhnen, ein dritter stirbt bei der Geburt, wohnen sie in Brooklyn. Als ihr Mann überraschend stirbt, geht sie um 1895 mit den beiden Söhnen zurück nach Deutschland. Dort heiratet sie den Reusenfischer Kopf, mit dem sie zwei Töchter bekommt, von denen eine selbst in die USA auswandert. 1936 reist die 67jährige mit dem Dampfschiff Berlin nach New York, um sie zu besuchen. 1968 stirbt Johanne Kopf kurz vor ihrem 100. Geburtstag in Hülsing. Sie vererbt das Album an ihre Nachkommen, das unter zahlreichen Fotos von Menschen auch das Porträt eines Hundes enthält. Die Schenkerin Astrid Lange, Urenkelin von Johanne, findet es auf dem Dachboden ihrer Mutter.

Auch der Fotograf Charles L. Kempf, in dessen Atelier in Brooklyn das Foto um 1900 aufgenommen wird, hat eine Migrationsgeschichte. Erst vier Jahre alt, wandert er 1853 aus Deutschland in die USA ein. Er beginnt eine Karriere als Fotograf: In den 1870er Jahren gründet er sein eigenes Atelier an der belebten Myrtle Avenue in Brooklyn. Das Geschäft floriert so gut, dass er eine Filiale eröffnet. Als exklusiven Service bewirbt er die kurze Belichtungszeit, was für die scharfe Aufnahme eines Hundes sicher von Vorteil ist.

Schließlich begegnet uns in der Aufnahme der Mensch, der seinen Hund so sehr liebt, dass er ein eigenes Foto von ihm in Auftrag gibt. Sein Name lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Wahrscheinlich aber stammt er aus dem Familien- oder Freundeskreis von Johanne Kopf. Schließlich hat auch der porträtierte Hund eine Geschichte. Ob auch er migriert ist? Haustiere sind nicht erst heute Begleiter beim Aufbruch in ein neues Leben.

Bedeutung des Objekts

Fotos haben für Menschen, die migrieren, eine immense Bedeutung. In Zeiten, in denen das Anfertigen eines Porträts noch teurer ist, ist es vielleicht nur ein einziges Foto, das Auswandernde als Erinnerungsstück im Gepäck haben. Ob Johanne Kopf 1882 bereits Fotos ihrer Liebsten hat, die sie in die USA mitnimmt? Ob sie, wie viele Auswandernde, ein Porträt zurück über den Atlantik schickt? Fotos sind hier immer auch Stellvertreter für die im Bild festgehaltenen: Wer in weiter Ferne ist, scheint näher zu sein durch seine Fotografie. Ob Johanne Kopf noch in ihren Alben blättert, als sie lange wieder in Deutschland lebt und an ihre Zeit als junge Frau in Brooklyn zurückdenkt? Und ob sie dabei auch des kleinen Hundes gedenkt?

Haben auch Sie …

… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0

oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

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