Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
Februar 2016
Neuer Gemeinnütziger Pennsylvanischer Calender / Auf das Jahr unseres Heilandes Jesu Christi 1872, / Welches ein Schaltjahr von 366 Tagen ist. Lancaster (Gedruckt und herausgegeben von Johann Bär’s Söhne)
Material | Papier, Faden |
Maße | 21,5 cm x 17 cm |
Schenkung | Edward Mazurkiewicz |

Historische Einordnung
Deutschsprachige Kalender sind vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein für die zeitweise größte Einwanderungsgruppe in den USA von großer Bedeutung. Die epochemachende Publikation ist der „Hoch=Deutsch Americanische Calender“, der 1738 in Germantown bei Philadelphia von Christoph Saur gedruckt wird. Die Reihe erscheint beinahe 100 Jahre lang und erreicht teilweise Auflagen von 10.000 Exemplaren. Zwischen 1739 und 1847 gehen mindestens 39 solcher populären Kalenderreihen in Druck, davon 34 allein in Pennsylvania, dem Zentrum deutschsprachiger Medienproduktion in Nordamerika.
Kalender und Almanache in deutscher Sprache verschaffen den eingewanderten Farmer:innen des 18. Jahrhunderts nützliche Informationen über Tageslänge, Sonnen- und Mondstände, verzeichnen die Sonntagsevangelien, Gerichts- und Markttage und benennen Straßenentfernungen. Wenn im 18. Jahrhundert moralische und religiöse Unterweisung ein weiterer wichtiger Bestandteil der Kalender ist, so nehmen im 19. Jahrhundert die Unterhaltung – Legenden, Anekdoten, Kuriositäten, Witze, Lieder usw. – und die popular-medizinische Ratschlagliteratur mehr und mehr ihren Platz ein. Wie die deutschsprachigen Zeitungen auch verlieren die Kalender, erst nach und nach mit dem Ende der Massenauswanderung aus dem Kaiserreich seit den 1890er Jahren, dann abrupt mit dem Ersten Weltkrieg ihre Bedeutung auf dem US-amerikanischen Buchmarkt.
Kurzbiographie
Edward Mazurkiewicz wird 1940 in Reading, Pennsylvania geboren. Seine Großeltern väterlicherseits sind Ende des 19. Jahrhunderts aus Polen nach Amerika ausgewandert; die Vorfahren seiner Mutter stammen aus Rheinland-Pfalz. Aufgewachsen in den USA, macht es der amerikanische Offizier mit 26 Jahren seinen Vorfahren nach und wandert aus – allerdings in die andere Richtung. Bei Edward Mazurkiewicz ist es die Liebe, die ihn seinen Beruf bei der Marine aufgeben lässt und nach Bremerhaven zieht. Nach einem auch weiterhin von Migration zwischen „Alter“ und „Neuer Welt“ geprägten Berufs- und Familienleben wohnt er mit seiner Frau heute in Bremerhaven.
Bedeutung des Objekts
Die Kalender bedeuten für die Einwander:innen in mehrerer Hinsicht eine Orientierungshilfe in der Fremde. Die nützlichen praktischen Informationen, die sie verschaffen, spielen dabei vielleicht nicht einmal die wichtigste Rolle. Wichtiger ist wohl, dass Einwander:innen mit ihnen inmitten der unvertrauten Umgebung etwas in ihren Händen halten, das sie von zuhause kennen: Auch das neue, fremde Land erweist sich als messbar mittels der bekannten Maße, als erfassbar mittels der gewohnten Begriffe. Diese Erfahrung schafft eine gefühlte Kontinuität zwischen altem und neuem Leben, die hilft, die eigene Identität zu bewahren und sie angesichts der Herausforderungen in der Fremde zu bewähren.
Haben auch Sie …
… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0
oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de