Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
Juli 2026
1-Rubel-Schein, 1961


| Größe | 5,3 x 10,3 cm |
| Material | Papier |
| Sammlung | Dr. Vera Dubina |
Historische Einordnung
Am 24. Februar 2022 beginnt der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Während in der Ukraine seitdem täglich Menschen durch Kampfhandlungen sterben, ist in Russland lange niemand durch Angriffe bedroht.
Aber auch dort hat der Krieg schon zu Beginn Folgen, insbesondere für Menschen, die sich gegen die Politik des Staates positionieren oder nicht in einem zunehmend repressiven Umfeld leben möchten, etwa Wissenschaftler:innen, Journalist:innen, Künstler:innen und Mitarbeiter:innen zivilgesellschaftlicher Organisationen.
Unter ihnen ist auch Historikerin Dr. Vera Dubina. Sie entscheidet sich mit Beginn des Krieges, Russland mit ihrer Tochter zu verlassen. Sie arbeitet zu diesem Zeitpunkt in Moskau und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit sowjetischer Geschichte, politischen Repressionen und Erinnerungskultur. Nach zwei gescheiterten Versuchen gelingt ihr Anfang März 2022 die Ausreise über Istanbul nach Deutschland.
Kurzbiographie
Vera Dubina wird 1975 in Samara in der Russischen Sowjetrepublik, heute Russländische Föderation, in eine russisch-ukrainische Familie geboren. Später zieht sie nach Moskau. Als Historikerin prägt sie die Entwicklung der Public History in Russland mit. Sie arbeitet unter anderem mit der Menschenrechtsorganisation Memorial zusammen und ist im Bereich historisch-politischer Bildung tätig, davon viele Jahre für die Friedrich-Ebert-Stiftung.
Deutschland spielt in ihrer Biographie schon als Kind eine Rolle. Vera Dubinas Vater wuchs als Sohn eines für das Militär tätigen Arztes die ersten Jahre seines Lebens in der Nähe von Berlin auf. Als Kind begegnet sie der deutschen Sprache daher zuerst über ihren Vater:
„In den Erzählungen meines Vaters erschien mir Deutschland wie eine andere, beinahe märchenhafte Welt. Kleine Mitbringsel aus Deutschland verstärkten diesen Eindruck noch: das Kinderakkordeon meines Vaters, deutsche Notenhefte und Lieder, kleine Glaselefanten, die meine Großmutter im Schrank aufbewahrte und mit denen ich eigentlich nicht spielen durfte – was ich natürlich trotzdem tat, sobald sie nicht hinsah.“
Mit 25 Jahren beginnt Vera Dubina, Deutsch zu lernen. „Die Sprache lag mir am Herzen“, sagt sie rückblickend. Deutschland lernt sie später auch als Wissenschaftsstandort kennen. Sie verbringt hier mehrere Forschungsaufenthalte und verbindet mit dem Land zahlreiche persönliche und berufliche Kontakte. Dass sie eines Tages hier Zuflucht suchen würde, hatte sie sich dennoch nie vorgestellt.
Der Beginn des Krieges ändert dies. Aus ihrer Beschäftigung mit sowjetischer Geschichte heraus schätzt sie die politische Entwicklung in Russland als gefährlich ein. „Ja, ich wollte sofort raus“, sagt sie rückblickend über den Kriegsbeginn.
Die Ausreise ist finanziell schwierig und soll nicht endgültig aussehen, sondern wie ein Forschungsaufenthalt mit Rückkehr. Vera Dubina reist deshalb mit einem Rückflugticket nach Deutschland, das sie drei Mal erwerben muss. Die ersten beiden Flüge waren ohne Rückerstattung der Kosten gestrichen worden. Finanzierbar ist dies nur, weil ihr die Alexander von Humboldt-Stiftung ein Stipendium gewährt. Für sich und ihre Tochter kann sie jeweils nur 20 Kilogramm Gepäck mitnehmen. Ihre Tochter ist zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt. Sie weiß bei Abreise nicht, dass sie nicht zurückkehren wird.
Bedeutung des Objekts
Der 1-Rubel-Schein wurde 1961 in der Sowjetunion ausgegeben. In diesem Jahr trat eine Währungsreform in Kraft: Zehn alte Rubel entsprachen einem neuen Rubel. Die Scheine dieser Serie blieben über Jahrzehnte im Umlauf. Auf dem Schein steht „Ein Rubel“ in den Sprachen, die in den Unionsrepubliken der Sowjetunion gesprochen wurden.
Vera Dubina fand den Rubel als erwachsene Frau unter Sachen aus ihrer Kindheit und Jugend, die ihre Mutter ihr aus Samara nach Moskau mitgebracht hatte. So blieb der Schein als Erinnerungsstück erhalten. Sie verbindet den Schein mit einer Bemerkung ihrer Mutter: „Ein Rubel war in meiner Kindheit viel Geld. Von einem Rubel, hat meine Mutter gesagt, konnte man sich auch eine Woche ernähren.“
Später gibt Vera Dubina den Schein zusammen mit anderen Währungen, die sie von Reisen mitgebracht hat, ihrer Tochter zum Spielen. Als Mutter und Tochter Russland im März 2022 verlassen, darf das fünfjährige Mädchen eine kleine eigene Tasche packen. Die Mutter kontrolliert nicht im Einzelnen, was ihre Tochter dort hineinlegt. Erst später bemerkt sie, dass auch der Rubel mitgereist ist. Ihre Tochter nimmt den Schein offenbar mit, weil sie denkt, dass sie sich in Deutschland etwas davon kaufen kann. Als Vera Dubina ihr erklärt, dass der Rubel schon lange kein gültiges Zahlungsmittel mehr ist und sie ihn auch in Deutschland nicht verwenden können, ist ihre Tochter enttäuscht. Vielleicht ein Trost: Sprachlich ist die Hürde zumindest zu Beginn nicht überall so groß, wie man annehmen könnte. Auf der vorübergehenden Arbeitsstelle ihrer Mutter, an der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen, sprechen so viele Wissenschaftler:innen mit dem kleinen Mädchen Russisch, dass sie zunächst meint, das sei in Deutschland die Normalität.
Dr. Vera Dubina orientiert sich aktuell, vier Jahre nachdem sie Russland verlassen hat, beruflich neu. Ob sie ihre wissenschaftliche Karriere fortsetzen wird, ist unklar. Ihre Tochter hat sich in Bremen eingelebt und spricht mittlerweile im Alltag hauptsächlich Deutsch.
Der 1-Rubel-Schein verbindet zwei Generationen, ihr Aufwachsen und Erwachsenwerden in Zeiten des Umbruchs: die Jugend der Mutter in der Sowjetunion und während der politischen Wende um 1991 sowie die Migration der fünfjährigen Tochter in Zeiten des Kriegs.
Haben auch Sie …
… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0
oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de