Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
Juni 2026
Foto, 1947/1948

| Größe | 30 x 36,8 cm |
| Material | Papier |
| Sammlung | Sammlung Deutsches Auswandererhaus / © Clemens Kalischer |
Kurzbiographie des Fotografen
Der Fotograf Clemens Kalischer, geboren 1921 im bayrischen Lindau, sieht in den ankommenden Displaced Persons, die er fotografiert, seine eigene Geschichte: auch er ist ein Überlebender. Nachdem im Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wird und die nationalsozialistische Terrorherrschaft beginnt, emigriert seine jüdische Familie von Berlin nach Paris. Als Frankreich 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, werden Deutsche als „feindlicher Ausländer” interniert. Während der deutschen Besatzung Frankreichs ist Clemens Kalischer Zwangsarbeiter in acht verschiedenen Arbeitslagern. 1942 gelingt ihm und seiner Familie dank der amerikanischen „Varian-Fry-Organisation” die Flucht in die USA. Dort wird Clemens Kalischer 1944 an der Cooper Union aufgenommen und studiert Kunst. Und er entdeckt seine Leidenschaft für die Fotografie, besucht einen entsprechenden Kurs an der New York School for Social Research und beginnt, das Leben in den Straßen New Yorks zu dokumentieren. Die Entstehung des Fotozyklus „Displaced Persons” fällt mit dem Beginn der Karriere des Fotografen zusammen: Künftig arbeitet Clemens Kalischer für die großen US-amerikanischen Zeitungen und Magazine und verwirklicht zahlreiche eigene Foto- und Ausstellungsprojekte. 2018 stirbt er in Lenox, Massachusetts.
Historische Einordnung
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befinden sich rund elf Millionen Displaced Persons (DPs) in Deutschland: Befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangene. Die Menschen befinden sich aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung und Verschleppung nicht mehr in ihrem Heimatland. Ziel der Alliierten ist es zunächst, alle DPs in ihre ursprünglichen Heimatländer zurückzuführen (Repatriierung). Doch nicht alle wollen oder können zurück – vor allem diejenigen aus der Sowjetunion (heute Russland). Zudem fliehen ab 1946 Jüd:innen vor den Pogromen in Osteuropa nach Westen.
Im Februar 1946 legt eine UN-Resolution fest, dass Rückführungen freiwillig sein müssen. Als Alternative zur Rückführung entsteht die Idee einer dauerhaften Umsiedlung (Resettlement). Die eigens gegründete International Refugee Organization (IRO) richtet für die DPs ein umfangreiches Hilfsprogramm ein und vermittelt aufnahmebereite Länder.
US-Präsident Harry Truman erlässt bereits zuvor, im Dezember 1945, eine Direktive, mit der die Einreise von Displaced Persons in die USA unter den weiterhin geltenden Einwanderungsquoten begünstigt wird. Die Quotierungen begrenzen die Hilfsmöglichkeiten, doch die öffentliche amerikanische Meinung spricht sich gegen eine Änderung derselben aus. Zu groß ist zunächst die Angst vor einer erneuten Wirtschaftskrise und der Vorstellung, Einwandernde würden den heimkehrenden Soldaten die Arbeitsplätze wegnehmen.
Als am 20. Mai 1946 der amerikanische Dampfer „Marine Flasher“ mit 900 Displaced Persons in den New Yorker Hafen einläuft, stehen dennoch Tausende bereit, um der Ankunft dieses ersten DP-Transports in die USA beizuwohnen. Die große mediale Reaktion fällt positiv aus – doch braucht es noch zwei weitere Jahre, bis im Juni 1948 nach langen Debatten der erste von zwei DP-Acts in Kraft tritt; der zweite folgt 1950. Beide zusammen ermöglichen es rund 405.000 Displaced Persons, außerhalb der geltenden Einwanderungsgesetze in die USA einzureisen.
Nach der Ankunft werden die Neuankömmlinge durch Wohlfahrtsorganisationen auf ihrem Weg in die neue Gesellschaft begleitet. Auch wenn es den meisten gelingt, sich fest anzusiedeln und Arbeit zu finden – für die Erzählung ihres Lebens und Überlebens interessiert sich jahrzehntelang kaum jemand. In ihrer Sprachlosigkeit bleiben die Überlebenden, insbesondere des Holocaust, Displaced Persons.
Bedeutung des Objekts
Unser Objekt des Monats ist eine von dreißig Schwarz-Weiß Fotografien aus dem Fotozyklus „Displaced Persons“ von Clemens Kalischer. Es handelt sich um Momentaufnahmen von der Ankunft im Hafen von New York – auf dem Schiff, in der Ankunftshalle oder beim Wiedersehen mit Familienmitgliedern und Bekannten. Nach den Namen der Ankommenden fragt der Fotograf nicht, was aus ihnen wurde wissen wir nicht. Die abgebildeten Personen bleiben anonym, doch die Bilder selber „sprechen Bände“: Das Foto der anscheinend schlafenden jungen Frau hält einen flüchtigen Augenblick fest, vielleicht dem Moment des Hinter-sich-lassens; vielleicht dem Gefühl, nunmehr einen „sicheren“ Hafen erreicht zu haben; vielleicht schlicht der totalen Erschöpfung – was genau sie empfindet, wissen wir nicht. Zugleich steht das Bild für einen ganzen geschichtlichen Abschnitt: Den der Auswanderung Hunderttausender Menschen, die von den Nationalsozialist:innen verfolgt und deportiert worden waren und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren konnten oder wollten.
Haben auch Sie …
… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0
oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de