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Objekt des Monats

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

März 2017

Hirschgeweih aus dem Jahr 1933

Material Knochen, Holz, Farbe
Maße Platte: 32 cm x 21 cm
Geweih: 68 cm x 62 cm x 46 cm
Schenkung Familie Japp
März 2017: Hirschgeweih, 1933 Newsbild 1

Dieses präparierte Hirschgeweih kommt Mitte der 1950er Jahre in den Besitz des Försters Karl Tischer. Gelebt hat das Tier bis 1933 bei Sněžník im Elbsandsteingebirge in der Tschechoslowakei. Dort, im Wildgatter Schneeberg, ist es eines der Untersuchungsobjekte von Wildforscher Franz Vogt, dessen Interesse der körperlichen Entwicklung von Rotwild gilt. Karl Tischer als dortiger Forstaufseher begleitet das Projekt mit großem Interesse.

Historische Einordnung

Das Dorf Sněžník hat eine wechselvolle Geschichte: Es wurde als deutsche Siedlung im tschechischen Königreich Böhmen gegründet, dessen Herrscher im späten Mittelalter deutsche Handwerker und Bauern ins Land holten. Die tschechische Bevölkerung nannte den Ort „Sněžník”, die deutsche sagte „Schneeberg”. Das blieb über Jahrhunderte so. Auch, als Böhmen 1526 an die Habsburger ging. Auch, als das Habsburgerreich zerbrach und 1918 die erste tschechoslowakische Republik ausgerufen wurde. Auch noch, nachdem 1938 das nationalsozialistische Deutschland zunächst Teile, später das gesamte Gebiet der Tschechoslowakei besetzte, blieb die Bevölkerung und damit der Ortsname zweisprachig. Nach Kriegsende 1945 allerdings wird die zweite tschechoslowakische Republik errichtet und aus dem Ort und aus der gesamten Tschechoslowakei wird die dort ansässige deutschsprachige Bevölkerung unter Androhung und Ausübung von Gewalt vertrieben. Der Name „Schneeberg” verschwindet von der Landkarte, aber nicht aus der Erinnerung.

Der Konflikt zwischen tschechischer und deutschsprachiger Bevölkerung in Böhmen hat eine lange Vorgeschichte, die bis ins 19. Jahrhundert reicht. Schon da wollten deutsche Nationalisten ganz Böhmen ans Deutsche Reich anschließen – ein Land, in dem mehrheitlich Tschech:innen lebten. Ausschlaggebend für die Vertreibungen 1945 ist die Befürchtung der Tschech:innen, dass es, solange es eine deutschsprachige Bevölkerung im Land gibt, immer wieder zu einer Besatzung wie 1938 kommen kann. Hinzu kommt, dass sich die wenigsten ein Zusammenleben nach den fürchterlichen deutschen Gräueltaten während der siebenjährigen Besatzungszeit vorstellen können. Insgesamt werden rund 3 Millionen Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und nach Deutschland zu gehen.

Kurzbiographie

Auch Adele Tischer und ihre Töchter werden 1946 aus Sněžník nach Mecklenburg zwangsumgesiedelt. Nach Schneeberg sind die Tischers 1929 aus einem Nachbarort gezogen. Im Sommer 1946 werden die Frauen der Familie in einem Güterwagen nach Mecklenburg zwangsumgesiedelt, wo sie gemeinsam mit anderen Familien zunächst in einem ehemaligen Lager sowjetischer Soldaten untergebracht werden. Vater Karl folgt aus unbekannten Gründen erst später.

Die Schwestern finden Arbeit in der Landwirtschaft, ab 1947 arbeitet Paula Tischer dann als Lehrerin in einer Grundschule. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1949 zieht Karl Tischer in Begleitung seiner Tochter Franziska 1950 nach Nordrhein-Westfalen, um dort eine Stelle als Oberförster anzutreten. Paula Tischer bleibt in Mecklenburg. Doch 1955 hält sie die Trennung von Vater und Schwester nicht mehr aus und geht ebenfalls in den Westen. 1972 besuchen die Schwestern Paula und Franziska erstmals die Heimat ihrer Kindertage, mehrere Treffen ehemaliger Dorfbewohner aus Schneeberg und Umgebung folgen. Bis zu ihrer Pensionierung 1986 arbeitet Paula als Lehrerin an verschiedenen Grundschulen. 2018 stirbt sie im Sauerland.

 

Bedeutung des Objekts

In Karl Tischer reift die Idee, eine Art privates Jagdmuseum einzurichten. Dafür sammelt er alles, was mit dem ehemaligen Wildgatter Schneeberg zu tun hat. Unter anderen kontaktiert er in den 1950ern die Witwe von Franz Vogt in Wien. Gemeinsam mit Tochter Franziska tritt er in einem Fiat Topolino die Reise über die Alpen an, um von dort dieses und andere Geweihe abzuholen. Sämtliche Erinnerungsstücke dekoriert er im Haus der Familie. Durch seine Sammeltätigkeit holt er sich nicht nur ein Stück Schneeberg ins Sauerland. Er knüpft auch ein Netzwerk über Ländergrenzen hinweg. Nach dem Tod Karl Tischers behält Tochter Paula die Geweihe als Erinnerung an ihren Vater.

Haben auch Sie …

… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0

oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

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