Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
Oktober 2026
Reisepass, 1896

| Größe | 44,6 x 30,4 cm |
| Material | Papier |
| Schenkung | Erben nach Lore und Ekkehard Kaufmann |
Am 18. Februar 1896 wird dem deutschen Einwanderer und nun amerikanischen Staatsbürger Karl Haspelmath ein Reisepass ausgestellt. Dieses Dokument gehört zu den frühen US-amerikanischen Reisepässen und ist zugleich der erste Reisepass dieser Art in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses.
Historische Einordnung
Der erste US-Reisepass entsteht während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775-1783). Benjamin Franklin entwirft ihn als Gesandter in Frankreich zunächst als Empfehlungsschreiben für ausländische Regierungen. Ein einziges Schreiben soll die wenigen ins Ausland reisenden US-Amerikaner:innen – vor allem Diplomaten und Kaufleute, oft aber auch ganze Schiffsbesatzungen – schützen. In den folgenden hundert Jahren bleibt der Pass weitgehend in dieser Form bestehen, wird jedoch um Elemente wie körperliche Merkmale ergänzt.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellt das US-Außenministerium nur wenige hundert Pässe pro Jahr aus. Für grenzüberschreitende Reisen sind Pässe zu dieser Zeit nur selten erforderlich. Stattdessen dienen sie auf Reisen häufig als Identitäts- oder Statusnachweis und für praktische oder soziale Zwecke – etwa für die Abholung von Post, den Zugang zu privaten Museen oder Einladungen zu gesellschaftlichen Veranstaltungen.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verändert sich die politische und demographische Situation jedoch grundlegend – und damit auch die Bedeutung des Passes. Während des Bürgerkriegs führt die US-Bundesregierung 1861-1862 erstmals eine Passpflicht ein, unter anderem, um die Ausreise wehrfähiger Männer zu kontrollieren. Mit zunehmender Einwanderung und neuen Einreisebeschränkungen – etwa dem Page Act (1875), dem Chinese Exclusion Act (1882) und dem Immigration Act (1891) – wächst das staatliche Interesse an der Kontrolle von Herkunft und Identität. Während des Ersten Weltkriegs wird die Passpflicht erneut vorübergehend eingeführt – die Kontrollen an Grenzen und Einreisehäfen werden besonders aus Sorge vor Spionage und politischem Radikalismus verschärft. Kurz darauf führen die Immigration Acts der 1920er-Jahre nationale Herkunftsquoten ein. Als Reaktion auf diese Anforderungen an die Grenzkontrolle wendet sich die US-Bundesregierung zunehmend dem Pass zu. Aus einem zunächst vor allem diplomatischen Empfehlungsschreiben wird so schrittweise ein Instrument staatlicher Identifikation und Mobilitätskontrolle. Mit der allgemeinen Passpflicht von 1941 wird diese Entwicklung schließlich institutionalisiert.
Kurzbiographie
Karl Haspelmath wird am 8. April 1851 als jüngstes von drei Geschwistern in Hannover geboren. Mit 15 Jahren heuert er bei der Handelsmarine an und reist an Bord der „Frederick“ in die USA. Was ihn zu dieser Entscheidung bewegt, ist nicht bekannt. Möglicherweise wird er dabei auch durch die Migrationswege seines Bruders Detlev inspiriert: Mit 16 Jahren reist Detlev 1860 in die Schweiz, schließt sich später Garibaldis Freischaren in Italien an und fährt schließlich zur See. Wie sein Bruder macht auch Karl Karriere auf See – vom Schiffsjungen bis zum Kapitän.
Am 22. Oktober 1880 erhält Karl die amerikanische Staatsbürgerschaft und ist in den folgenden Jahren in verschiedenen Bereichen tätig. 1881 kommt er nach New Mexico, wo er in Santa Fe einen Laden „Boots and Shoes, Leather and Findings“ betreibt. Laut Familienüberlieferung erwirbt er für sein Geschäft auch Gegenstände von den Navajo, einem indigenen Volk im Südwesten der USA. Darunter sind Decken und Teppiche, von denen er etliche nach Deutschland bringt. 1888 wird Karl zum Postmaster ernannt. 1904 folgt seine lebenslange Mitgliedschaft in der örtlichen Elks-Loge, einer gemeinnützigen Vereinigung.
In den USA gründet Karl auch eine Familie. In erster Ehe ist er mit seiner Cousine Emilie Engelke verheiratet; aus der Ehe geht 1868 die Tochter Louise hervor. Emilie stirbt 1918. Noch 1919 lebt Karl in den USA, kehrt jedoch schließlich nach Deutschland zurück. Davon zeugt auch seine erneute Heirat dort 1920 mit seiner anderen Cousine, Emilie Eppner. 1925 stirbt Karl in Deutschland.
Bedeutung des Objekts
„I, the undersigned, Secretary of State of the United States of America, hereby request all whom it may concern to permit Karl Haspelmath a Citizen of the United States safely and freely to pass, and in case of need to give him all lawful Aid and Protection. “
So lautet der Text auf dem für zwei Jahre gültigen, an ein Diplom erinnerndes Dokument, das von Richard Olney, dem 34. Außenminister der Vereinigten Staaten, unterzeichnet ist. Dieser Pass ist offenbar nicht der einzige US-amerikanische Pass, den Karl Haspelmath besitzt. In den Unterlagen „USA Passanträge 1795–1925“ sowie den Listen des Nationalarchivs lassen sich mindestens fünf Passanträge bzw. Passausstellungen aus den Jahren 1890, 1896, 1910, 1916 und 1919 nachweisen. Die Pässe mit demselben Wortlaut begleiten ihn damit über mehrere Jahrzehnte, in denen er aus familiären und geschäftlichen Gründen zwischen den USA und Europa reist.
Warum beantragt Karl wiederholt einen US-amerikanischen Pass, obwohl dieser vor dem Ersten Weltkrieg grundsätzlich nicht für Auslandsreisen vorgeschrieben ist? Heute können wir darüber nur Vermutungen anstellen. Für einen eingebürgerten US-Bürger wie Karl kann der Pass vor allem von praktischem Nutzen sein: Er bestätigt seine amerikanische Staatsangehörigkeit und erleichtert ihm im Ausland den Zugang zum Schutz der US-Regierung. Bereits die amerikanischen Passanweisungen von 1888 betonen, dass Reisende ohne einen solchen Nachweis ihrer Staatsangehörigkeit im Ausland mit erheblichen Schwierigkeiten bei Behörden rechnen können. Dies ist insbesondere für eingebürgerte Personen wie Karl relevant, deren rechtlicher Status im Ausland nicht allein anhand ihres Namens oder ihrer Herkunft erkennbar ist. Auch bei der Rückreise in die Vereinigten Staaten kann ein gültiger Pass den Grenzübertritt erleichtern, da er die Feststellung von Identität und Staatsangehörigkeit vereinfacht und zugleich dazu beiträgt, dass sein:e Inhaber:in nicht als „Immigrant:in“ gilt.
Wie Haspelmaths konkrete Grenzübertritte und Kontrollen ablaufen, lässt sich heute auch nicht mehr nachvollziehen. Umso spannender wäre es, ihn selbst fragen zu können, was es für ihn bedeutet, als deutscher Auswanderer, Seemann und späterer eingebürgerter US-amerikanischer Kaufmann zwischen Europa und den USA zu reisen und dabei den Wandel von Grenzkontrollen, Identitätsnachweisen und Pässen mitzuerleben.
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