Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
September 2026

Tagebuch, 2000
| Material | Papier, Verschlussgummiband |
| Maße | ca. 17,8 x 13,7 x 2,8 (geschlossen) |
| Schenkung | Sabine Ghosh |
„First step: Ich habe bereits meine Wohnung und meinen Job bei EPSON gekündigt. Am 14. Mai soll hoffentlich meine Reise nach London los gehen. (…) Die erste Zeit bin ich dann arbeitslos und muss mich erst einmal orientieren, was so auf dem Londoner Arbeitsmarkt los ist. Ich will und werde es schaffen. Aber erstmal muss ich alles hier in Deutschland klären. Den Rest sehen wir später.“
Historische Einordnung
Das Tagebuch von Sabine Ghosh ist ein wichtigen Egodokument, das von Gefühlen besonders während der Anfangszeit in einem anderen Land berichtet. Sabine Ghosh erzählt eindrücklich von Momenten der Einsamkeit, vom Einleben in Großbritannien, von Liebe und wie sie immer wieder persönliche Hürden überwindet.

„Sonntag, 20. Mai – Heute morgen habe ich erstmal versucht eine Unterkunft zu finden. Aber irgendwie ist zurzeit alles zum Scheitern verurteilt. Um 10 Uhr am Morgen war schon alles Vergeben. Das gibt es doch gar nicht. Na gut! Montag starte ich einen neuen Versuch. Ganz früh!“
Beispielsweise beschreibt sie, wie sie versucht das Heimweh zu bekämpfen in dem sie viele Ausflüge unternimmt und erste Anschlüsse, obwohl nicht religiös, in der Christian Association in London findet. Außerdem hält sie die Entscheidungsprozesse, die dazu führten, langfristig nach Großbritannien auszuwandern und hier eine Familie zu gründen, obwohl sie ursprünglich nur einen Jahresaufenthalt plante. Ihre Persönlichkeit beschreibt sie bis heute als neugierig und ist dadurch immer wieder auf der Suche nach neuen Herausforderungen (und Abenteuern).
Kurzbiographie
Sabine Ghosh geb. Krügler wird 1975 in Düsseldorf in NRW geboren. Bereits in ihrer Jugend inspiriert durch die Kinderromane von Berte Bratt träumt sie vom Auswandern. Verschiedene Faktoren führen zu dem Entschluss im Jahr 2000 ihren Traum wahr zu machen: Das plötzliche Versterben ihres Vaters im Jahr 1997 und das Streben nach beruflicher Weiterentwicklung benennt Sabine Ghosh als Hauptmotive für das Auswanderungsvorhaben. Ursprünglich plant sie nur einen mehrmonatigen Auslandsaufenthalt und will danach unbedingt nach Deutschland zurückkehren. Weil ihre Mutter und Schwester einwenden, die USA seien zu weit weg, entscheidet sich Sabine Ghosh für die britische Hauptstadt London. Im Frühjahr 2000 verlässt sie Deutschland – im Gepäck ihr Tagebuch.

Die gelernte Büro- und Marketingfachkauffrau kommt zunächst bei ihrer ehemaligen Gastfamilie unter und begibt sich auf Job- und Wohnungssuche. Beides gestaltet sich schwieriger als erwartet. Doch besonders zu schaffen, macht ihr die soziale Einsamkeit. Nach anfänglichen Schwierigkeiten findet Sabine Ghosh doch gute Freundschaften und verliebt sich in Huw Ghosh. Die beiden heiraten und gründen in Großbritannien eine Familie – Tochter Anna wird 2007 und Sohn Lucas 2010 geboren. Ihre Kinder wachsen in drei Traditionen auf: britisch, indisch und deutsch. Huw Ghoshs Eltern stammen aus Indien und so spielt auch diese Kultur eine wichtige Rolle in der Familie. Sabine Ghosh findet auch beruflich ihr Glück: Zunächst nimmt sie Stellen an, die sie finanziell über Wasser halten, bis sie eine feste Anstellung in der Finanzbuchhaltung bei BP (British Petroleum) antritt. Hier arbeitet sie die nächsten 15 Jahre. Heute ist sie bei einem Zeltgeschäft in Teilzeit beschäftigt und schätzt besonders die vielfältigen Aufgaben ihrer Arbeit.
Sabine Ghosh lebt bis heute in Großbritannien.
Bedeutung des Objekts
Das Tagebuch von Sabine Ghosh umfasst Einträge von Mai 2000 bis September 2024. Im ersten Jahr finden sich fast täglich Einträge zu Sabine Ghosh Erlebnissen vom Ankommen und Einleben in London. Dann folgen einzelne Einträge am 08.04.2004, 05.03.2006, der letzte Eintrag datiert auf den 01.09.2024. Sabine Ghoshs Tagebuch wird so zu einer wertvollen Wegbegleitung besonders durch die anfängliche Einsamkeit und das Heimweh. Außerdem erzählt das Tagebuch wie Huw zu ihrer großen Liebe wird. Verschiedene Personen spielen auch eine wiederkehrende Rolle in ihrem Tagebuch, einige von ihnen sind bis heute feste Freundschaften von Sabine Ghosh. Teilweise ergänzt sie ihre Tagebucheinträge um Fotografien, die ihr alltägliches Leben dokumentieren. Rückblickend wird Sabine Ghosh das Tagebuch, das ihr Auswanderungserlebnis beschreibt als persönliche Informationsquelle und Erinnerungsstütze nutzen und schätzen. Die Migrationserfahrung beschreibt sie als sehr wichtiges Erlebnis, das auch bei der Verarbeitung des Todes ihres Vaters hilft.

„Sonntag, 01.09.2024 – Wie die Jahre vergehen … Huw und ich haben zwei supersüße Kinder. Ein Mädchen Anna 16, und einen Jungen Lucas 13 Jahre alt. Wir wohnen noch in der gleichen Straße wie 2006, aber in einem etwas größerem Haus. Unsere Freundin Helen ist vor vielen Jahren nach Israel ausgewandert, um dort eine Familie zu gründen. Mit meiner Freundin Jo bin ich heute noch befreundet.“
Haben auch Sie …
… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0
oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de