Objekt des Monats: Buch „Weihnachten 1914“

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objektbezeichnung

Buch: „Weihnachten 1914“

 

Material:

Papier, Pappe

Maße:

23,1 x 19,6 x 0,7 cm

Schenkung:

Karin und Rainer Kröger
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Historische Einordnung

Das handgeschriebene Buch mit selbstgestaltetem Umschlag enthält das Programm der Feierlichkeiten am 24. Dezember 1914 im Kriegsgefangenenlager Beresowka, Sibirien, sowie Abschriften der beiden aufgeführten Theaterstücke „Weihnachten im Lager von Berezowka. Vorstellung in 3 Bildern“ und „Landwehrmann Kulicke’s Heimkehr aus Sibirien. Burleske in zwei Teilen“.

 

Kurzbiographie

August Schlicht wird 1881 in Hamburg geboren. Dort wächst er auf, macht seine Ausbildung zum Zahnkünstler, heiratet 1904 seine Frau Tony und wird 1907 Vater von Hildegard, genannt „Hildchen“.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird er im August 1914 an die Ostfront berufen. Nach zwei Monaten im Feld gerät August Schlicht in russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1921 kann er zu seiner Familie zurückkehren. Insgesamt siebenmal verbringt er das Weihnachtsfest getrennt von seiner Familie in Kriegsgefangenenlagern in Sibirien. August Schlicht verstirbt 1927 an den gesundheitlichen Folgen der Kriegsgefangenschaft.

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Bedeutung des Objekts

Weihnachten wird traditionell im Kreise der Familie gefeiert und gilt als Fest der Liebe und des Friedens. In Kriegszeiten werden diese Werte von den Kriegsparteien in Frage gestellt, weil so viele Familien auseinandergerissen sind und täglich Menschen getötet werden.

Die Bemühungen, etwas Normalität wiederherzustellen, Traditionen und Rituale aufrecht zu erhalten und sich gegenseitig vom Heimweh und Sehnsucht abzulenken, sind unter allen Kriegsgefangenen besonders groß. 1914, während des ersten Weihnachtsfests des Ersten Weltkriegs, helfen etwa die beiden im Buch niedergeschriebenen Theaterstücke, um gegen „trübe Gedanken“ anzugehen, wie August Schlicht seiner Frau kurz vor Weihnachten in einem Brief schildert.

Mein liebes, süßes Frauchen!
[...] [W]enn Du diesen Brief liest, haben wir hoffentlich das Fest auf gute deutsche Art und bei guter Gesundheit begangen, stets der Lieben in der Heimat gedenkend. Jetzt sind wir noch bei den Vorbereitungen zum Fest. Wir haben eine Musikkapelle ins Leben gerufen, die schon nette deutsche Lieder spielt. Unser Feldwebel hat 2 Theaterstücke verfasst, die zum Festabend gespielt werden sollen. Weitere ernste und heitere Vorträge sind vorgesehen. Ein deutscher Offizier hat den Prolog verfasst und so denken wir, uns und den übrigen Mannschaften trübe Gedanken zu verscheuchen.“
(August Schlicht an Tony Schlicht, 20.12.1914)

Die Theaterstücke handeln zum einen von einer unglücklichen und abgebrochenen Flucht kurz vor Weihnachten und zum anderen von der glücklichen Heimkehr nach dem Krieg. Während das erste Stück sehr ernst und melancholisch ist, ist das zweite eher komödiantisch und heiter. Wichtig scheint August Schlicht auch die Besinnung auf deutsche Weihnachtstraditionen zu sein – sie sollen offenbar gegen Heimweh im fernen, feindlichen Russland helfen.

Doch nicht nur an der Front und in Kriegsgefangenenlagern waren die Feiertage besonders schwere Tage, auch die Familien zuhause vermissten Väter, Söhne, Brüder und Ehemänner. Dessen ist sich auch August Schlicht bewusst, als er ein Jahr später, Weihnachten 1915, nach Hause schreibt:

„Ich hoffe doch mein Herz, daß Du das Fest nicht gar so traurig verlebt hast, es täte mir sonst sehr leid. Für Dich und mein Hildchen habe ich auch etwas zu Weihnachten gekauft, Ihr werdet Euch später einmal dazu freuen.“
(August Schlicht an Tony Schlicht, 24.12.1915)

Haben auch Sie …

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