Objekt des Monats: Gussform, um 1987

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Objekt des Monats Dezember 2020

Gussform, um 1987

anlässlich Nikolaus und Weihnachten

Material:
Plastik, Metall

Maße Gussform oben:
Höhe: 38 cm
Breite: 20,5 cm
Tiefe: 10,5 cm

Maße Gussform unten:
Höhe: 34,5 cm
Breite: 18 cm
Tiefe: 9,5 cm

Schenkung:
Albert Kirchmayr
© Sammlung Deutsche Auswandererhaus

 

Historische Einordnung

Der rundliche, ältere, weißbebartete Herr in hohen Stiefeln, rotem Wintermantel und roter Zipfelmütze mit dem eigentümlichen Geschäft, in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember auf einem fliegenden Rentierschlitten die Wohnungen der Menschen anzusteuern und ihnen einige in einem großen Sack verstaute Geschenke dazulassen - der „Weihnachtsmann“ also ist inzwischen wohl überall, wo Weihnachten gefeiert wird, eine vertraute Erscheinung. In dieser vermischen sich die Züge vieler Figuren – und die Federn verschiedener Zeichner:

Vom legendären Heiligen Nikolaus von Myra (in der heutigen Türkei) erbte der deutsche „Weyhnachtsmann“ wohl schon im 18. Jahrhundert nicht nur seine Männlichkeit und sein Alter sowie deren Zeichen, den weißen Bart, sondern auch die dankenswerte Aufgabe, den (artigen) Kindern Gaben zu bringen. Dass dies am 24. bzw. 25., und nicht am 6. Dezember zu geschehen habe, hatte ihm Luthers „Christkind“ in den Terminkalender geschrieben. Zu seinem Outfit kam er im 19. Jahrhundert: Die Stiefel und den Sack gaben ihm noch einige seiner europäischen Begleiter (einer von ihnen zum Beispiel „Knecht Ruprecht“) mit auf den Weg nach Amerika. Dort angekommen, stattete den Eingewanderten der britische „Father Christmas“ mit einem Wintermantel aus, dessen rot-weiße Farbe zusammen mit der Zipfelmütze ihm der deutsch-amerikanische Karikaturist Thomas Nast endgültig verpasste. In den USA war es auch, dass ihn Schriftsteller wie Washington Irving, William Gilley und Clement C. Moore das Fliegen auf einem Rentierschlitten lehrten. Wohlgenährt war „Santa Claus“, wie sich der Weihnachtsmann in den Staaten nannte, bereits, als er 1931 den Vertrag mit Coca-Cola unterschrieb, wo ihn der Werbezeichner Haddon Sundblom auf ein Image festlegte, das er bis heute nicht ablegen konnte.

Kurzbiographie

Albert Kirchmayr wird am 9. September 1959 in Niederhofen in Schwaben geboren. Mit 16 Jahren, als Kochlehrling, beginnt er, seine „Wanderlust“ zu empfinden, doch der geplante Trip in die Schweiz scheitert bereits an der österreichischen Grenze – nur mit seinem Fischerausweis lassen ihn die Beamten nicht weiterziehen. Erst zwei Jahre später, als die Lehre abgeschlossen ist, klappt es mit der Schweiz und einer Anstellung als Koch dort.

Nach weiteren Stationen in Stockholm und auf den Bermudas gelangt er über eine Freundin 1979 nach Baltimore/USA.

Bald schon reift der Plan, dort eine eigene Firma aufzubauen. Sein erstes Geschäft muss nach zwei Jahren schließen, woraufhin er die nächsten Jahre als Küchenchef in einem Country Club arbeitet. Doch der Wunsch nach dem eigenen Laden bleibt – eine Pralinenfirma soll es werden.

Albert Kirchmayr geht gründlich vor: In Deutschland und in der Schweiz lernt er für ein Jahr das nötige Handwerk, und er kauft dort auch die benötigten Maschinen. Wieder zurück in Baltimore, eröffnet er 1987 „Kirchmayr Chocolatier“. Zunächst hat das Geschäft einen schweren Stand: Einerseits sollen hochwertige Produkte zu einem guten Preis angeboten, andererseits die Nachfrage nach den als europäisch wahrgenommenen Süßwaren erst geschaffen werden. Doch in den 32 Jahren Öffnungszeit von „Kirchmayr Chocolatier“ bringt es der Firmenchef nicht nur auf vier Angestellte, sondern zu einem Namen von regionaler Reichweite. Als Albert Kirchmayr im Frühjahr 2020 „schweren Herzens“ entscheidet, mit 64 und angesichts der Corona-Pandemie das Ladengeschäft zu schließen, vermelden dies mehrere Zeitungen in Baltimore und Umgebung – und überwältigend viele Kund*innen melden sich, um ihre Dankbarkeit und Unterstützung zu signalisieren.

Bedeutung des Objektes

Der Weihnachtsmann ist aufgrund seiner vielfältig geprägten Herkunft und weitverbreiteten Gegenwart eine Figur, die sich für eine deutsche Chocolaterie in den USA wohl verwenden ließe – sollte man meinen. So lässt Albert Kirchmayr auch gleich in der Anfangszeit von „Kirchmayr Chocolatier“ eine Gussform für Weihnachtsmänner bei einer deutschen Firma produzieren. Trotz der Beliebtheit solcher Schokofiguren hüben wie drüben des Atlantiks stellt sich der erwünschte Verkaufserfolg allerdings nicht ein – für einen „Santa Claus“ schaut der einer deutschen Gussform entsprungene Weihnachtsmann den amerikanischen Kund*innen einfach „zu zornig“ drein (obere Gussform). Albert Kirchmayer bleibt nichts anderes übrig, als ein weiteres Modell herstellen zu lassen, mit der Bitte um einen milderen Blick (untere Gussform). Der „Santa Claus“ muss seinem Image entsprechen – und soll nicht so aussehen, als holte er mit den Geschenken zugleich auch den Knüppel aus dem Sack. Oder als habe er nur das dabei, was ihm 1835 der deutsche Dichter Hoffmann von Fallersleben in den Sack packte: „Trommel, Pfeife und Gewehr, / Fahn und Säbel und noch mehr, / Ja ein ganzes Kriegesheer“ – das möcht’ an Weihnachten nicht jeder mehr gerne haben.

Verabschiedungsgruß von Albert Kirchmayr an seine Kund*innen

Dear Valued Customer

It’s with a heavy heart that I decided to close Kirchmayr Chocolatier after 32 years in business. My dream to introduce the chocolate beloved in my native Germany came true in a city that quickly embraced me. Baltimore has been a wonderful place to do business.

I was so surprised at the outpouring of caring and affection after our Facebook post and the Baltimore Business Journal article. The emotions shared with me included everything from disbelief and sadness to love and gratitude. We received emails, letters, offers of help to keep the business going and a flood of orders.

I’m sorry to all the people who reached out who I wasn’t able to respond. There were just so many messages on our voicemail it was difficult to keep up. We never imagined how much support we had in our community.

My employees and I have enjoyed being part of everyone's holiday traditions over the years and value our customers who have become like family in many ways.

We hope to find a way to reopen later in the year if possible. We are looking for a smaller space to rent.

Meanwhile, we will enter this new phase of our lives knowing how special a community we have served all these years.

Thank you and please take care of yourself in this difficult time.

Sincerely
Albert Kirchmary

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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