Objekt des Monats: Kinderkleid, 1952

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objekt des Monats Februar 2021

Kinderkleid, 1952, anlässlich des Inkrafttretens der Regelung zur Aufnahme jüdischer Kontingentflüchtlinge im Februar 1991

Material: Stoff, Garn

Maße: 41 x 39 cm

Schenkung:
Elena Fridrih, Nadja Usova
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Historische Einordnung

1952 nähte die 62-jährige Tatjana Putowa (Putova) für ihre fünfjährige Enkelin Elena Fridrih aus alten Stoffen ein Kinderkleid und bestickte es. 1946 im ukrainischen Schitomyr geboren, wächst Elena unter schwierigen Bedingungen der Nachkriegsjahre auf. Zu der knappen Versorgung kommt die komplizierte Familiengeschichte dazu. Ihr Großvater mütterlicherseits, Andrei (Andrej) Putow (Putov), ein Physiker, arbeitete unter der deutschen Besatzung und wurde nach der Ankunft der Roten Armee verhaftet. Laut Familienerzählung wurde er in Haft zur Mitarbeit in einer „Scharaschka“, einer geheimen Forschungseinrichtung in Leningrad, hinzugezogen. Elenas Vater Solomon Fridrih nahm seit 1942 als Militärarzt der Roten Armee am Krieg teil. Das Kleid wurde als Erinnerungsstück in der Familie aufbewahrt und bei der Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland 1992 mitgenommen.

Kurzbiographie

Elena (Olena) Fridrih (Friedrich) wurde am 3. Juni 1946 in Schitomir, Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik, als Tochter von Solomon Fridrih und Natalja Putowa geboren. Sie studiert in Kiew und arbeitet anschließend als Physikingenieurin. 1992 wandert sie mit ihrer ganzen Familie aus der inzwischen unabhängigen Ukraine in die Bundesrepublik Deutschland aus. Als Grund benennt sie die Angst von den Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986.

Als Tochter eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter ist Elena zwar berechtigt, als „jüdischer Kontingentsflüchtling“ nach Deutschland einzureisen, gilt aber nicht als Jüdin im Sinne der jüdischen Religionsgesetze (Halacha). Da in der atheistischen Sowjetunion interkonfessionelle Ehen sehr verbreitet waren, befinden sich viele als „Kontingentsflüchtlinge“ eingewanderten Menschen aus postsowjetischen Ländern in dieser Situation.

In der Bundesrepublik leben die Fridrihs zunächst in Gelsenkirchen. Elena arbeitet als Altenpflegerin und ihr Ehemann, ein Doktor der Physikwissenschaft, als Taxifahrer. Inzwischen ist sie selber Großmutter geworden.

Bedeutung des Objektes

Das Kleid, das inzwischen über ein halbes Jahrhundert alt ist, erinnert nicht nur an die schweren Nachkriegsjahre. Es wurde von Tatjana Putowas Urenkeln als ein generationsverbindendes Familienrelikt aufbewahrt und 2016 an das Deutsche Auswandererhaus übergeben.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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