Objekt des Monats: Becher, um 1950

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objektbezeichnung

Porzellanbecher der Marke „Kahla“, um 1950

Material:
Porzellan

Maße:
Höhe: 10,7 cm
Durchmesser Standfuß: 7,5 cm
Durchmesser oberer Rand: 7,5 cm / Stärke: 0,2 cm

Schenkung:
Erika Wohlers
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Historische Einordnung

Am 9. November vor 30 Jahren öffnete die DDR ihre Grenzen zur BRD und nach Westberlin. Seit dem Mauerbau 1961 war eine Ausreise für die Bürgerinnen und Bürger der DDR quasi unmöglich gewesen – ihnen blieb lediglich eine riskante Flucht oder der Versuch, einen Antrag auf Ausreise zu stellen. Zwischen 1961 und 1988 verzeichneten die DDR-Behörden ca. 383.000 Anträge für die ständige Ausreise aus der DDR. Menschen, die einen Antrag eingereicht hatten, konnten allerdings nicht unbedingt davon ausgehen, dass er bewilligt wurde; vor allen Dingen nicht sofort. Stattdessen drohten als Konsequenz Arbeitsplatzverlust, Exmatrikulation oder bei Schülerinnen und Schülern die Verweigerung der Gymnasialempfehlung. Wenn der Antrag schließlich doch genehmigt wurde, mussten die Betroffenen oft innerhalb von 24 bis 48 Stunden das Land verlassen. In dieser kurzen Zeit waren sie gezwungen, eine Reihe von Formalitäten zu erledigen, unter anderem die Abgabe ihrer DDR-Ausweise, eine Bescheinigung über die Auflösung ihrer Konten sowie eine Aufstellung ihrer Besitztümer. Besitzerinnen und Besitzer von Grundstücken wurden von den Behörden oft unter Druck gesetzt, diese unter Wert zu verkaufen.

Kurzbiographie

Erika Wohlers wurde 1948 in Hainichen (heute Sachsen) als drittes Kind einer Flüchtlingsfamilie aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten geboren. Nach einer Ausbildung zur Bibliothekarin in Weißenfels (heute Sachsen-Anhalt) studierte sie ab 1967 Archivwissenschaft und Geschichte in Berlin. Im November 1971 wurde sie von der Staatssicherheit verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Man warf ihr vor, DDR-kritische und West-Literatur zu verbreiten. Zudem versuchte das Ministerium für Staatssicherheit, sie mit an der Humboldt-Universität verteilten, kritischen Flugblättern in Verbindung zu bringen. Im September 1972 wurde Erika Wohlers wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Entlassen wurde sie aufgrund einer Amnestie bereits im Dezember 1972. Weiter studieren durfte sie nicht. Sie und ihr Ehemann stellten daraufhin einen Ausreiseantrag. Es folgten zwei Jahre, in denen sich die beiden infolge ihrer politischen Einstellungen bzw. ihres Ausreiseantrags wirtschaftlich kaum über Wasser halten konnten. Im Dezember 1974 erhielt das Ehepaar schließlich die Genehmigung, in den Westen ausreisen zu dürfen. Die Eltern von Erika Wohlers‘ Mann lebten bereits in der BRD, ihre Eltern blieben in der DDR. Auf die Frage, ob sie sich selbst als Migrantin sehen würde, sagt Erika Wohlers heute:

„Damals, als wir ausgereist sind, war ich fest der Überzeugung, dass wir als Deutsche nach Deutschland kommen - aus dem anderen Deutschland, das leider nicht so gut ist. Es ist eine Emigration in dem Sinne gewesen, dass wir das System gewechselt haben.“

Bedeutung des Objekts

Erika Wohlers besaß den Porzellanbecher bereits als Kleinkind. Wo ihre Eltern ihn erworben haben, kann sie heute nicht mehr rekonstruieren. Er gehört zu den wenigen Dingen, die das Ehepaar Wohlers bei seiner Ausreise in die BRD mitnahm. Die beiden befürchteten, dass jeder Gegenstand mehr das Risiko steigen lasse, dass die Grenzbeamten einen Grund finden würden, sie doch nicht ausreisen zu lassen. Erika Wohlers Mutter gab ihrer Tochter den Becher bei ihrem Abschiedsbesuch in Weißenfels (heute Sachsen-Anhalt) als Erinnerungsstück an ihre Familie mit. Sie sagt dazu:

„Dieser Becher sollte mich mein Leben lang noch begleiten, auch in der neuen Heimat.“

Die Eltern blieben in der DDR. Bereits kurz nach Erika Wohlers‘ Ausreise starb ihr Vater. Das Ehepaar Wohlers zog nach Erlangen, wo Erika Wohlers‘ Mann eine Arbeitsstelle gefunden hatte und sie wieder studieren konnte. Nach der Wende, als sie sich entschlossen, nach Fürstenwalde in Brandenburg zu ziehen, begleitete sie der Porzellanbecher erneut.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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