Objekt des Monats: Arbeitsbescheinigung, 1982

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

© Sammlung Deutsche Auswandererhaus

Objekt des Monats Oktober 2020

Arbeitsbescheinigung, 1982

anlässlich 30 Jahre deutsch-deutsche Wiedervereinigung (3. Oktober)

Material:
Papier

Maße:
Höhe: 29,5 cm
Breite: 21,0 cm

Schenkung:
Adelino Massuvira João
© Sammlung Deutsche Auswandererhaus

Historische Einordnung

Der 3. Oktober 1990 ist in Deutschland mit der Erinnerung an wegfallende Grenzen und einen gemeinsamen deutschen Staat verknüpft. Was jedoch auch heute, 30 Jahre später, nur am Rande Erwähnung findet, sind die Auswirkungen dieses Ereignisses auf die Menschen, die bis dahin als sogenannte Vertragsarbeiter*innen in der DDR gearbeitet hatten.

Die meisten Vertragsarbeiter*innen kamen aus Süd-Vietnam und Mosambik in die DDR. Am 24. Februar 1979 unterzeichneten der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, sowie der Präsident der Volksrepublik Mosambik, Samora Moises Machel, in Maputo den „Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit“ zwischen der DDR und Mosambik. Die DDR-Führung nutzte das Arbeitsabkommen, um Schulden abzubauen. Denn der ostdeutsche Staat hatte gegenüber Mosambik in den Jahren 1978 und 1979 einen Außenhandelsüberschuss von umgerechnet 200 Millionen US-Dollar erzeugt. Zur Tilgung dieser Schulden wurden die Transfer-Leistungen verwendet, die mosambikanische Arbeiter*innen als Bestandteil ihres Lohns in Ostdeutschland erarbeiteten, sowie die Sozialversicherungs- und Rentenbeträge, welche gegebenenfalls in der DDR verbleiben sollten.

Kurzbiographie

Von dem Schuldentilgungsabkommen weiß Adelino Massuvira João nichts, als er 1980 in Mosambik zum Dolmetscher ausgebildet wird und schließlich in einer kalten Dezembernacht desselben Jahres am Flughafen Berlin-Schönefeld ankommt. Bei seiner Bewerbung war ihm ursprünglich ein Studienplatz in Aussicht gestellt worden:

„So ein Studium im Ausland, das war mein Traum. Ich wollte was werden und dann in Mosambik meine Kenntnisse wieder einsetzen.“

Die Ausbildung als Dolmetscher findet er nützlich, so beherrscht er schon die Sprache für ein folgendes Studium. Doch daraus wird nichts, obwohl seine Reisepapiere ihn als „Student“ bezeichnen. Mit einer Unterbrechung 1982 ist Massuvira João bis zum Ende der DDR dort mal Werktätiger, mal Lehrling. Bei seiner Dolmetscherarbeit bekommt er immer wieder mit, wie vielen seiner Kolleg*innen das Heimweh zu schaffen macht. Sie leben in direkter Nähe ihrer Arbeitsstätte, mit den DDR-Bürger*innen gibt es nicht viel Austausch. Von den Demonstrationen gegen die Führung der DDR 1989 bekommen er und seine mosambikanischen Kolleg*innen nichts mit. Mit dem Mauerfall allerdings ist auf einmal die Hälfte der deutschen Belegschaft verschwunden – in den Westen. Manche kommen wieder, manche nicht.

In der Phase des Umbruchs werden die Arbeiter*innen des Werks zunächst in Kurzarbeit geschickt und dann gekündigt. Den Vertragsarbeiter*innen bietet man zwei Optionen: Entweder sie verlassen das Land sofort und erhalten 3000 Mark Abfindung oder sie gehen innerhalb der nächsten drei Monate, während derer sie 70 Prozent ihres Gehalts erhalten und sich auf ihre Rückkehr vorbereiten können. Dass er auch ein Bleiberecht hat, davon erfährt Adelino Massuvira João nur durch einen gewerkschaftlich engagierten Kollegen.

Er beantragt eine Aufenthaltserlaubnis, arbeitet für eine Möbelverpackungsfirma, wird dann Ausländerbeauftragter. Schließlich erfüllt er sich seinen Traum und studiert in Dresden Sozialpädagogik und Evangelische Theologie. Heute ist er Sozialpädagoge und Diakon in Suhl (Thüringen).

Bedeutung des Objektes

Adelino Massuvira Joãos Arbeitsbescheinigung weist einen nur geringen Lohn aus; Rente und Sozialleistungen durch die DDR werden ausgeschlossen. Das scheint für die Arbeiter*innen kein Problem zu sein: Denn 60 Prozent des Gehalts, das über 350 Mark hinausgeht – so verspricht es der mosambikanische Staat –, geht auf private Sparbücher der Vertragsarbeiter*innen oder wird als Sozialbeitrag eingezahlt.

Mit dem Ende der Verträge erfolgt für die ehemaligen Vertragsarbeiter*innen allerdings das böse Erwachen: Auf ihren Sparbüchern befindet sich nur ein geringes Guthaben, Rentenanwartschaften von ihrer Zeit in Deutschland bestehen nicht. Zudem werden die Rückkehrer*innen in ihrem Heimatland bei der Jobsuche diskriminiert. Adelino Massuvira João sagt dazu heute:

„Im Nachhinein erfahren wir durch eigene Recherchen, dass man uns ausgenutzt hat.“

Darum kämpft er heute für die Anerkennung des Unrechts und eine Entschädigung durch die BRD – denn die sei schließlich die Rechtsnachfolgerin der DDR. Und er wundert sich, warum auch 30 Jahre nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung dieses Unrecht nur wenig in der deutschen Öffentlichkeit thematisiert wird.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

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