Objekt des Monats: Zeugnis, 1981

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Objekt des Monats September 2020

Schulzeugnis, 1981

anlässlich des Weltkindertages am 20. September

Material:
Papier

Maße:
29,7 x 21 x 0,1 cm

Schenkung:
Ernail Kaya
© Sammlung Deutsche Auswandererhaus

Historische Einordnung

Mitte der 1950er Jahre, als ein rasantes Wirtschaftswachstum zu einem Arbeitskräftemangel führt, beginnt die Bundesrepublik Deutschland Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben. Bis 1973 kommen über diesen Weg rund 14 Millionen Menschen nach Deutschland, von denen etwa drei Millionen blieben. Den gesellschaftspolitischen Entwicklungen angemessene pädagogische Ansätze für Kinder und Jugendliche aus migrantischen Familien entstehen verspätet. Lange Zeit bestimmte dabei dann noch die dominierende Sicht auf „eigen“ und „fremd“ die Bildungspolitik.

Ernail Kaya mit seinem damaligen Klassenlehrer bei der Weihnachtsfeier in der zweiten Klasse (Schuljahr 1981/1982), Gladbeck. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Kurzbiographie

Ernail Kayas Eltern kommen aus dem anatolischen Dorf Tekke in der Türkei. 1970 geht sein Vater Burhan Kaya als sogenannter „Gastarbeiter“ nach Vaihingen an der Enz bei Stuttgart und holt drei Jahre später seine schwangere Frau und zwei seiner Kinder nach. Der älteste Sohn bleibt zunächst bei den Großeltern. Nach ihrer Ankunft in Deutschland zieht die Familie zu Burhans Bruder, der in Gladbeck lebt. Die Familie wohnt in einem der ehemaligen Zechenhäuser für Bergarbeiter. Dort kommt 1973 Sohn Ernail zur Welt.

„Ich bin dort in der türkischen Community aufgewachsen. In unserer Straße haben fast ausschließlich türkische Familien gewohnt. Erst in der Schule hatte ich dann mehr Kontakt mit der deutschen Sprache.“

Ernail Kayas Eltern hatten die Absicht, nur eine überschaubare Zeit in Deutschland zu bleiben und sich von dem verdienten Geld eine eigene Existenz in der Türkei aufzubauen. Sie sprachen von einem Verbleib in Deutschland von ein bis zwei Jahren. 35 Jahre vergehen schließlich, bis das Ehepaar Kaya den Entschluss fasst, zurück in die Türkei zu gehen.

Bedeutung des Objektes

Als Ernail Kaya im Jahr 1980 eingeschult wird, kommt er zunächst in eine „Ausländerklasse“. Dort werden die türkischen Kinder unterrichtet. Aufgrund seiner „ausgesprochen zufriedenstellenden Leistungen“, wie es in seinem Jahreszeugnis heißt, wechselt er im nächsten Schuljahr in die "deutsche" Klasse. Anfangs ist er todtraurig, hat er doch gerade erst Freunde gefunden.

„Meine Eltern wurden von der Schule nicht mit in diese Entscheidung eingebunden. Den Wechsel in die andere Klasse habe ich dann erst auf dem Schulhof erfahren, als wir uns in die Schlangen der einzelnen Klassen einreihen sollten. Ich habe dann auch versucht, mich wieder in die Schlange für die türkische Klasse zu stellen. Ich war ja das einzige Kind aus meiner alten Klasse, das wechseln durfte. Die Kinder in meiner neuen Klasse kannte ich noch nicht. Das war anfangs wirklich eine schlimme Zeit für mich. Als einziger in einer neuen Klasse mit so geringen Deutschkenntnissen und fremden Mitschülern. Ich habe das als riesige Bestrafung empfunden. Obwohl es eigentlich ein Diagonalsprung war – ich habe ja ein Jahr dadurch gespart.“

Ernail Kaya absolvierte nach seinem Abitur eine Ausbildung in Hamburg. Heute lebt er in Loxstedt und arbeitet in Bremerhaven.

Haben auch Sie …

... eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de.

Weitere Informationen zu Schenkungen und zu unserer Museumssammlung finden Sie auf der Seite Sammlung.

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