Koffer, 1940
Aus Angst vor „Gefahr für Leib und Leben“ verließ 1954 auch der Landwirt und Reichsbahn-Mitarbeiter Gerhard Schulze aus Harsleben in der Nähe von Halberstadt (heute Sachsen-Anhalt) seinen Heimatort. Dort hatte Schulze zwar eine gehobene Stellung innerhalb der lokalen LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) inne, nutzte diese aber dafür, sich gegen den Eigentumsverlust der Kleinbäuer:innen – und damit gegen die staatlich forcierte Kollektivierung der Landwirtschaftsflächen – einzusetzen. Offenbar führten diese Bemühungen dazu, dass man ihn verhaften wollte. Der Dorfpolizist hatte Schulze vor seiner bevorstehenden Verhaftung gewarnt, weshalb es ihm gelang, rechtzeitig nach Berlin zu fliehen. Nachdem der erste Fluchtversuch nach Westberlin gescheitert war, kehrte Schulze in den Harz zurück. Dort gelang es ihm mithilfe lokaler Bäuer:innen, die ihn für seinen Einsatz in der LPG schätzten, die Grenze zu überqueren. Doch machte ihn seine Position in der LPG für die BRD verdächtig, weshalb er mehrfach verhört wurde und kurze Zeit in einem hessischen Gefängnis verbrachte. Seine Frau Ella und seine beiden kleinen Kinder blieben zunächst zurück und waren ab diesem Zeitpunkt den Schikanen der DDR-Behörden ausgesetzt. Um den Druck auf sie zu erhöhen, brachte man ihren siebenjährigen Sohn Siegmar in ein Kinderheim nahe Magdeburg. Mehrere Wochen lang wusste die Familie nicht, wo genau sich der Junge aufhielt. Demütigungen und Schläge gehörten im Heim zu Siegmars Alltag im Heim. Durch den Einsatz seines Onkels Erwin Schulze sowie des Bürgermeisters von Harsleben konnte der Junge schließlich zu seiner Mutter und Schwester zurückkehren. Erst im April 1955 bekam Ella Schulze Nachricht über den Verbleib ihres Mannes. Dank einer Hochzeitseinladung erhielt sie die Erlaubnis, im Oktober 1955 in die BRD reisen zu dürfen. Haupt-Transportmittel für die wenigen Habseligkeiten war der Reisekoffer, ursprünglich hergestellt für Ella Schulzes Vater.
