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Schellackplatte, 1926

Die ersten deutschamerikanischen Männergesangsvereine entstanden Mitte der 1830er Jahre, rund 20 Jahre nach ihrem Vorbild in den deutschen Städten. Im Zuge der deutschen Masseneinwanderung seit den 1840er Jahren entstand das Bedürfnis, die zahlenmäßig wachsenden Vereine in überregionalen Verbänden zusammenzuschließen und wiederkehrende Feste zu veranstalten. Diese „Saengerfeste“ fanden seit 1882 regelmäßig alle drei Jahre statt und erreichten auf dem Höhepunkt ihrer Bedeutung in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Falle des Nordöstlichen Sängerbundes (mit Vereinen von Maryland bis Massachusetts) bis zu 6.000 (aktiven) Teilnehmern. Die zugehörigen „Volksfeste“ zählten Zehntausende Besucher:innen. Kriegsbedingt entfiel das Sängerfest von 1918. In den 1920er Jahren wieder fortgeführt, setzte der dreijährige Turnus nach einer zwölfjährigen Unter­brechung 1950 wieder ein. Auch heute finden in den USA noch – in deutlich bescheidenerem Umfang – „Saengerfeste“ statt. Die Aufzeichnung ist am 22. Juni 1926 im Rahmen des 26. Nationalen Saengerfestes in Philadelphia entstanden. Aufnahmeort war das Auditorium auf dem Gelände der Weltausstellung, die zur gleichen Zeit in Philadelphia anlässlich des 150. Jubiläums der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stattfand. Was dieser Massenchor aus Vereinen des Nordoestlichen Saengerbundes vor fast hundert Jahren sang, kann dank der Aufzeichnung auf Schellackplatte noch heute gehört werden. Die Bewahrung und Pflege der eigenen Muttersprache im und über den Gesang ist bei vielen Einwanderungsgruppen zu beobachten; bei Deutschamerikanern gehörte es zusätzlich zum mitgebrachten Selbstbild einer spezifischen „deutschen Innerlichkeit“, die sich im „Kunst-“ und „Volkslied“ ihre besondere Form gegeben habe. Dieses Selbstbild verschaffte vielen Deutschamerikanern eine Abgrenzungsmöglichkeit gegenüber dem vermeintlich „seelen-“ und „kulturlosen“ anglo-amerikanischen „Pragmatismus“ – Klischees, die weit über das 19. und frühe 20. Jahrhundert hinaus Bestandteile deutscher Ideologie gewesen sind. Sich die „Muttersprache“ zu bewahren kann eben auch heißen: in deren Vorurteilen befangen zu bleiben.

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Jürgen Meyer
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Jürgen Meyer
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Jürgen Meyer