Sammlung

Ob Dokumente, Fotografien, persönliche Erinnerungsobjekte oder Zeitzeugeninterviews: Die europaweit einzigartige Sammlung des Deutschen Auswandererhauses umfasst 330 Jahre deutscher Migrationsgeschichte.

Kann man Hoffnung vermessen?

Ein Schiffsticket, ein Teddybär und ein Eisbecher – drei von tausenden von Objekten, die das Deutsche Auswandererhaus in den letzten zehn Jahren von Amerikanern, Deutschen, Italienern und vielen anderen für seine Museumssammlung überreicht bekommen hat.

Die Fahrkarte war das Ticket nach New York, der Teddy tröstete ein Mädchen auf der Flucht 1945 und im Eisbecher wurden italienische Leckereien serviert. Alle drei stehen für etwas, das alle Auswanderer und Flüchtlinge antreibt: die Hoffnung auf ein besseres Leben. Man sucht eine Chance, möchte mehr Geld verdienen oder in Sicherheit leben.

Ob in den USA oder in Deutschland: Wer hier eingewandert ist, kann aufgrund dieser Erfahrung mal Spannendes, mal Trauriges, mal Großartiges berichten, vor allem in Briefen, Anekdoten und Erzählungen, die an Kinder und Enkel weitergegeben werden. Zusätzlich bewahren die Familien oft auch einzigartige Erinnerungsobjekte auf, wie das Ticket, den Teddy oder den Eisbecher.

Jede dieser Geschichten erklärt einen neuen Aspekt von Migration. All diese vielen kleinen Puzzleteilchen zu einem großen Bild zusammenzusetzen, ist die Aufgabe der Forschung am Deutschen Auswandererhaus. Damit leistet das Museum seinen Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Migrationsgeschichte – und wie wichtig diese ist, zeigt ein Blick in die Zahlen: Offiziell leben rund 20,8 Millionen Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund (Stand: 2019). Von jedem fünften Deutschen ist die Familie nach 1949 in die Bundesrepublik gezogen. Wenn man nun noch die Millionen deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen hinzuzählt, die zwischen 1944 und 1949 ankamen, wird deutlich, dass Migration viele deutsche Familiengeschichten bis heute prägt. Hinzu kommen noch die Deutschen, deren Vorfahren nach Übersee ausgewandert sind: immerhin rund zwölf Millionen in den letzten zwei Jahrhunderten.

Aber auch wenn Zahlen und Statistiken helfen, die Größenordnungen von Migration einzuschätzen – eines können sie nicht leisten: helfen zu verstehen, wie und warum jemand auswandert. Hoffnung kann man nicht vermessen. Es ist vor allem diese Emotionalität, die die Erforschung von Migration so besonders macht; denkt man doch im Allgemeinen, dass Gefühle und Forschung nicht miteinander vereint werden können. Wie man als Migrationsforscher aber eben nicht nur analytisch, sondern auch emphatisch sein kann, finden die Wissenschaftler am Deutschen Auswandererhaus tagtäglich aufs Neue heraus.

Die Sammlung des Deutschen Auswandererhauses ist in der europäischen Museumslandschaft einzigartig. Sie weiter zu erforschen und dabei auch neue Wege zu gehen, ist ein großes Ziel für die nächsten Jahre.