Vom zusätzlichen Frachtgut zum umworbenen Kunden. Die Überfahrtsbedingungen für Seereisende und ihre Grenzerfahrungen 1830-1932

Die Reise als bedeutsamer Teil der Aus- und Einwanderung. Wie die Bedingungen während der „Überseemigration“ die Migrationserfahrungen und -verläufe einzelner Menschen seit der Entstehungszeit der deutschen Passagierschifffahrt prägten, dieser Frage widmet sich die Historikerin Dr. Tanja Fittkau in ihrer Dissertation „Vom zusätzlichen Frachtgut zum umworbenen Kunden. Die Überfahrtsbedingungen für Seereisende und ihre Grenzerfahrungen 1830-1932“. Mit Unterstützung der Stiftung Deutsches Auswandererhaus wurde das aufwändige Projekt der langjährigen wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Deutschen Auswandererhauses nun in der „edition DAH“ veröffentlicht.

Die individuelle Erfahrung hinter einem historischen Ereignis wird erst seit wenigen Jahrzehnten in der Geschichtswissenschaft als bedeutsam wahrgenommen und ist noch immer Feld vieler offener Fragen. So förderte das Deutsche Auswandererhaus das Forschungsprojekt, das sich mit einigen dieser Fragen im Kontext des Wandels der persönlichen Erfahrungen und Folgen von Überseemigration auseinandersetzt und auf knapp 350 Seiten relevante Forschungslücken schließt. Tanja Fittkau stellt darin bis heute aktuelle Fragen: Welche Bedeutung haben materielle und soziale Bedingungen der Reise für den einzelnen Menschen und seinen Migrationsverlauf? Und: Auf welche Weise müssen wir die Reise selbst als Teil der Migration begreifen?

Die Zitatauswahl des Buches erlaubt einen seltenen Einblick in die Reiseerfahrungen von Migrant*innen aus den Jahren 1830 bis 1932, die auf deutschen Schiffen nach Übersee fuhren. Sie entstammen einer Vielzahl an Briefen, Tagebüchern und Reiseberichten aus der Sammlung Deutsches Auswandererhaus, der Forschungsbibliothek Gotha sowie aus Archiven und Bibliotheken in ganz Deutschland, die sorgsam von Fittkau gesichtet wurden. Die Zitate werden durch Informationen aus Datenbanken und Institutionen aus Übersee ergänzt und in Kontext gesetzt: „Seit meinem Studium interessiert mich das Leben ‚normaler‘ Leute, von denen wir oft sehr wenig lesen. Dabei sind es ihre Erfahrungen, die uns verraten können, wie Geschichte Menschen und ihr Leben prägte“, sagt Fittkau zu ihrem Forschungsschwerpunkt.

Lange wurden Migrant*innen als Lebendfracht wahrgenommen, die Überfahrt durch schlechte Ernährungs- und Hygienesituation, von Langeweile und der Willkür der Schiffsbesatzung geprägt. Entwicklungen im Schiffsbau und die Entdeckung des Passagiers als zahlender Gast machten die Reise sicherer, schneller und komfortabler – und veränderten das Erleben der Ozeanüberquerung wesentlich. Ein Thema, das auch in der historischen Forschung des Deutschen Auswandererhauses immer wieder zum Tragen kommt. Doch nicht alles verändert sich im gleichen Maße: Tanja Fittkau beschreibt wie die komplexe Beziehung des Menschen zum Meer – insbesondere die Angst, aber auch die Faszination – sich wenig wandeln. Trotz zunehmender technischer Sicherheit an Bord und sinkender Stressfaktoren, wie Hunger und Enge, bleibt die Angst vor dem Tod auf See.

 

Tanja Fittkau
"Vom zusätzlichen Frachtgut zum umworbenen Kunden. Die Überfahrtsbedingungen für Seereisende und ihre Grenzerfahrungen 1830 – 1932"
Hrsg. Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven
Bremerhaven: edition DAH, 2020
348 Seiten, Soft Cover
ISBN 978-3-9817861-9-4
26,-Euro