Migrationsgeschichte digital erleben

Wie kann Digitalisierung im Museum realisiert werden? Wo und wie können neue Technologien helfen, museale Inhalte zu vermitteln? Das Deutsche Auswandererhaus befasst sich im Forschungsprojekt „museum4punkt0 - Digitale Strategien für das Museum der Zukunft” mit der Frage, wie sich historische und emotionale Aspekte von Migration digital vermitteln lassen. Das Projekt ist dabei auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: In einer Ausstellungsstudie wurden digitale und analoge Erzählformen miteinander verglichen, Evaluationen im Museum und auf der Webseite testen die Möglichkeiten, Besucher*innen auch vor und nach dem physischen Museumsbesuch einzubinden. Gleichzeitig wird die Sammlungstätigkeit des Museums ins Digitale erweitert und um Oral-History-Interviews ergänzt. Außerdem sollen Medienkompetenzen vermittelt und mit Hilfe neuer Technologien irrationale Aspekte von Migrationsdebatten den Besucher*innen vor Augen geführt werden.

An dem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderten Pilotprojekt „museum4punkt0” beteiligten sich im Zeitraum 2017 bis 2020 unter Federführung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihrer Staatlichen Museen zu Berlin insgesamt sechs Partner: das Deutsche Auswandererhaus, die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, das Deutsche Museum München, das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz sowie die Fasnachtsmuseen Langenstein und Bad Dürrheim mit weiteren Museen der schwäbisch-alemannischen Fasnacht.

Dank des „Neustart Kultur“-Programms von Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters, das Kultur im Kontext von Corona und ihren Folgen stärken und zukunftsfähig machen soll, können das Deutsche Auswandererhaus und die anderen Partnermuseen im Jahr 2021 eine weitere Projektphase anschließen. Zu den bisherigen Partner*innen gesellen sich neue Einrichtungen wie die Klassik Stiftung Weimar und das Deutsche Historische Museum in Berlin.

 

Alte Dokumente sind oft spannend, aber schwer zu lesen.

MEDIENSTATION FÜR „DIGITAL NATIVES“

Im Jahr 2021 entwickelt das Deutsche Auswandererhaus als außerschulischer Lernort ein Medienkonzept, das besonders auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten ist: Für die „Digital Natives“ soll eine Medienstation entstehen, die ihnen den Zugang zu persönlichen Dokumenten wie Briefen oder Tagebüchern erleichtert. Der Zugang zu solchen Schriftstücken ist für Geschichtseinsteiger*innen nicht einfach. Die Texte erfordern historisches Hintergrundwissen, Fremdsprachenkenntnisse oder Kenntnisse alter Schriften wie Sütterlin, die heutzutage viele junge Menschen nicht mehr entziffern und lesen können. Die neue Medienstation soll Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu diesen wertvollen Quellen ermöglichen und ihnen helfen, eventuell vorhandene Wissens- und Lesehürden zu überwinden. Dabei wird ein Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt hergestellt, um den jungen Menschen Parallelen zwischen damals und heute aufzuzeigen. So wird das Deutsche Auswandererhaus auch ein Tool entwickeln, um Kindern und Jugendlichen historische Postkarten näher zu bringen und deren Bedeutung und Stellenwert mit heutigen Selfies und SMSen zu vergleichen.

Kommunikationsplattformen

Im neuen Biographien-Portal des Deutschen Auswandererhauses können die Nutzer*innen intuitiv oder auch gezielt Sammlungsstücke, Lebensgeschichten und Historie digital miteinander verknüpfen und sich mit ihrer eigenen Geschichte einbringen. Die interaktive Plattform erlaubt durch Objekte, Fotos, Videos und Texte einen vielschichten Zugang zu Migrationsgeschichten. Kategorien wie Zeiträume, Migrationsarten und -gründe und die intuitive Bedienung sollen neue Verbindungen zwischen Lebensgeschichten und Objekten, zwischen Aus- und Einwanderung entdecken lassen. Das Biographien-Portal befindet sich seit September 2020 in der Testphase und ist während des Museumsbesuches zu benutzen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll das Portal online verfügbar sein.

Im Portal „Dialog Migration” werden Besucher*innen zu persönlichen und gesellschaftlichen Migrationsthemen um ihre Meinung gebeten - sowohl auf der Webseite als auch im Museum. Zum Dialog Migration und der aktuellen Besucherbefragung gelangen Sie hier.

Besucherin mit einer VR-Brille.

Analoge und virtuelle Welten

Welche Bedeutung haben originale Objekte in Zeiten der Digitalisierung? Lassen sich Empfindungen fremder Menschen besser analog durch biographische Objekte oder digital durch Geschichten vermitteln? In dem Ausstellungsexperiment „KRIEGsgefangen. OHNMACHT. SEHNSUCHT. 1914 – 1921“, das das Deutsche Auswandererhaus zwischen August und November 2018 durchführte, untersuchten die Wissenschaftler*innen, ob und wie sich kognitive Empathie digital vermitteln lässt. In der Ausstellung waren einzelne Inhalte sowohl in klassischen Ausstellungsräumen als auch digital mittels VR-Brillen zugänglich. Auf Basis von Befragungen, an denen Besucher*innen vor und nach dem Ausstellungsbesuch teilnahmen, analysierten die Forscher*innen in einer breit angelegten Studie die unterschiedliche Wirkung dieser Erzählformen.

Zu den Studienergebnissen und der Publikation „Berührt es mich? Virtual Reality und ihre Wirkung auf das Besuchserlebnis in Museen - eine Untersuchung am Deutschen Auswandererhaus“ gelangen Sie hier.

Wenn Sie sich für das (abgeschlossene) Ausstellungsexperiment „KRIEGsgefangen. OHNMACHT. SEHNSUCHT. 1914 - 1921“ interessieren, klicken Sie bitte hier.

Besucherin an einem Touch Screen.

Medienkompetenzen

Oft sind Emotionen Auslöser für heftige kontroverse gesellschaftliche Diskussionen, insbesondere im Bereich Migration. Mithilfe neuester digitaler Präsentationsformate wird eine multiperspektivische Wahrnehmung auf verschiedene Situationen ermöglicht: Wie verändern sich die Emotionen von Menschen, wenn die gleichen Zahlen einer Statistik (z.B. Flüchtlingsankünfte) graphisch anders dargestellt werden? Wie gehen Wissenschaftler*innen und Entscheidungsträger*innen mit dem Wissen um digitale Manipulationsmöglichkeiten um? Um diese Frage zu beantworten, führt das Deutsche Auswandererhaus seit dem Jahr 2019 sowohl im Museum als auch online diverse Tests durch. Ziel ist es, ein Angebot zu entwickeln, in dem Besucher*innen einerseits erkennen können, wie Emotionen angeblich rationale Entscheidungen zu Migrationsthematiken beeinflussen. Andererseits sollen die hohen Manipulationsrisiken durch digitale Techniken in Migrationsdebatten gezeigt werden. Hierzu werden in der Dauerausstellung Mixed-Reality-Stationen eingerichtet.

Weitere Informationen

Eine Darstellung des bundesweiten Verbundprojektes finden Sie auf museum4punkt0.de.

museum4punkt0 ist auf Twitter: @museum4punkt0.