Migrationsgeschichte digital erleben

Wie kann Digitalisierung im Museum realisiert werden? Wo und wie können neue Technologien helfen, museale Inhalte zu vermitteln? Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven befasst sich im Forschungsprojekt “museum4punkt0 – Digitale Strategien für das Museum der Zukunft” mit der Frage, wie sich historische und emotionale Aspekte von Migration digital vermitteln lassen. Das Projekt ist dabei auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: In einer Ausstellungsstudie werden digitale und analoge Erzählformen miteinander verglichen, Evaluationen im Museum und auf der Webseite testen die Möglichkeiten, Besucher auch vor und nach dem physischen Museumsbesuch einzubinden. Gleichzeitig wird die Sammlungstätigkeit des Museums ins Digitale erweitert und um Oral-History-Interviews ergänzt. Außerdem sollen Medienkompetenzen vermittelt und mit Hilfe neuer Technologien irrationale Aspekte von Migrationsdebatten den Besuchern vor Augen geführt werden.

An dem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderten Pilotprojekt “museum4punkt0” beteiligen sich unter Federführung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihrer Staatlichen Museen zu Berlin insgesamt sechs Partner. Dazu gehören neben dem Deutschen Auswandererhaus die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, das Deutsche Museum München, das Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz sowie die Fasnachtsmuseen Langenstein und Bad Dürrheim mit weiteren Museen der schwäbisch-alemannischen Fasnacht.

Kommunikationsplattformen

Portal „Dialog Migration”: Besucher werden auf der Webseite und im Museum zu persönlichen und gesellschaftlichen Migrationsthemen um ihre Meinung gebeten. Die Ergebnisse werden in der Dauerausstellung und auf der Webseite gezeigt. Zukünftig können Besucher ihre familiäre Wanderungsgeschichte über ein Online-Portal und später auch über digitale Eingabestationen im Deutschen Auswandererhaus dem Museum mitteilen. Die Geschichten werden nach einer wissenschaftlichen Prüfung online und im Museum präsentiert. Langfristiges Ziel ist eine Verknüpfung von Sammlung, Oral-History-Archiv, Online-Familienarchiv und den Evaluationen des „Dialog Migration”.

Bereits gestartet: Dialog Migration
Das Familienportal folgt 2019.

Analoge und virtuelle Realitäten

Welche Bedeutung haben originale Objekte in Zeiten der Digitalisierung? Lassen sich Empfindungen fremder Menschen besser durch biographische Objekte oder besser digital durch Geschichten vermitteln? In unserem Ausstellungsexperiment „KRIEGsgefangen. OHNMACHT. SEHNSUCHT. 1914 – 1921“ haben wir untersucht, ob und wie sich Empathie digital vermitteln lässt. In der Ausstellung waren einzelne Inhalte sowohl in klassischen Ausstellungsräumen als auch digital mittels VR-Brillen zugänglich. Auf Basis von Befragungen, an denen Besucher vor und nach dem Ausstellungsbesuch teilgenommen haben, haben wir in einer breit angelegten Studie die unterschiedliche Wirkung dieser Erzählformen analysiert.

August bis November 2018: Durchführung des Ausstellungsexperiments KRIEGsgefangen. OHNMACHT. SEHNSUCHT. 1914 – 1921.
8. Oktober 2019: Vorstellung der Studienergebnisse und der Publikation “Berührt es mich? Virtual Reality und ihre Wirkung auf das Besuchserlebnis in Museen – eine Untersuchung am Deutschen Auswandererhaus”.
Die Ergebnisse finden Sie hier.

Medienkompetenzen

Oft sind Emotionen Auslöser für heftige kontroverse gesellschaftliche Diskussionen, insbesondere im Bereich Migration. Mithilfe neuester digitaler Präsentationsformate wird eine multiperspektivische Wahrnehmung auf verschiedene Situationen ermöglicht: Wie verändern sich die Emotionen von Menschen, wenn die gleichen Zahlen einer Statistik (z.B. Flüchtlingsankünfte) graphisch anders dargestellt werden? Wie gehen Wissenschaftler und Entscheidungsträger mit dem Wissen um digitale Manipulationsmöglichkeiten um? Hierzu starten im Jahr 2019 Tests im Deutschen Auswandererhaus und online. Ziel ist es, ein Angebot zu entwickeln, in dem Besucher einerseits erkennen können, wie Emotionen angeblich rationale Entscheidungen zu Migrationsthematiken beeinflussen. Andererseits sollen die hohen Manipulationsrisiken durch digitale Techniken in Migrationsdebatten gezeigt werden. Hierzu werden in der Dauerausstellung Mixed-Reality-Stationen eingerichtet.

Start 2019

Workshops

Neben der Entwicklung der einzelnen Module gehören auch interdisiplinäre Workshops zum museum4punkt0-Programm am Deutschen Auswandererhaus. Im Rahmen der verbundweiten Reihe #impulse diskutierten im März 2018 im Deutschen Auswandererhaus Sozialwissenschaftler und Psychologen über Chancen und Risiken von Virtual und Augmented Reality. Dr. Jonathan Harth von der Universität Witten/Herdecke, Cade McCall (PhD) von der University of York und Dr. Thilo Hagendorff von der Universität Tübingen warnten in ihren Vorträgen auch vor möglichen Risiken der neuen Technologien, hoben in der Abschlussdiskussion aber ebenso positive Aspekte etwa bei der Form von Empathie-Vermittlung hervor. Die Ergebnisse des Workshops wurden für die weitere Arbeit im Projekt genutzt, insbesondere für das Ausstellungsexperiment "KRIEGsgefangen. OHNMACHT. SEHNSUCHT. 1914 - 1921".

Das museum4punkt0-Team am Deutschen Auswandererhaus

Birgit Burghart

Kulturwissenschaftlerin, ist als Referentin der Direktion für die Koordination des Projektes am Deutschen Auswandererhaus zuständig.

Katie Heidsiek

Museologin, konzipiert die Befragungen und Evaluationen bei „museum4punkt0“ und leitete die Studie Berührt es mich? Virtual Reality und ihre Wirkung auf das Besuchserlebnis in Museen – eine Untersuchung am Deutschen Auswandererhaus. Die US-Amerikanerin erarbeitet außerdem Konzepte für deren zeitgemäße Präsentation und Einbindung in die Ausstellung.

Johanna Knoop

Sozialwissenschaftlerin, beschäftigt sich mit dem Aspekt der Emotionalität im gesellschaftlichen Migrationsdiskurs und der Rolle von Statistiken darin. Zudem ist sie für die wissenschaftliche Aufbereitung der online gesammelten Familiengeschichten zuständig.

Janina Schneider

Kulturwissenschaftlerin, ist für die Recherche und wissenschaftliche Aufbereitung der Ausstellungsinhalte bei „museum4punkt0“ zuständig.

Weitere Informationen

Mehr Informationen zum „museum4punkt0“-Gesamtprojekt gibt es auf museum4punkt0.de

museum4punkt0 ist auf Twitter: @museum4punkt0