Wissenschaftler:innen

Für viele ist „Forschen“ mit Laboren, Reagenzgläsern und weißen Kitteln verbunden. Aber was bedeutet es dann, dass die Ausstellung bewegender Geschichten, persönlicher Sammlungsobjekte und all das Wissen über Früher und Heute im Deutschen Auswandererhaus das Ergebnis moderner Wissenschaft sind? Wer oder was ist ein:e Wissenschaftler:in? Und wie sah deren wissenschaftliche Arbeit in den letzten Monaten aus? Auf den folgenden Seiten stellen ein paar Mitglieder des vielfältigen, fachübergreifenden Teams ihre Themen und Tätigkeiten vor - in einem Museum, das nicht mit der Hoheit des Forschers über die Erforschten arbeitet und „Wissenschaftlichkeit“ und „Objektivität“ nicht mit „Gleichgültigkeit“ verwechselt. Sondern in ein Museum, das den Lebenserfahrungen jener, zu denen es forscht und denen es seine Inhalte vermittelt, mit großer Anerkennung begegnet und ihnen Raum gibt, Ihre Perspektive der Geschichte zu erzählen. In einem Museum, das den Dialog sucht. 

Lina Falivena, M.A. *1992

  • Im DAH seit: Februar 2019

  • Studium der Kulturanthropologie / Europäischen Ethnologie & Ethnologie und Vergleichender Kultur- und Religionswissenschaft in Marburg, Murcia und Göttingen

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„Oft sind es andere, die für und über Migrant:innen sprechen, anstatt sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Dem Deutschen Auswandererhaus ist es wichtig, Migrant:innen den Raum zu geben, ihre Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven auf Migration sichtbar zu machen. Die erfahre ich von ihnen oder ihren Nachfahr:innen in Oral History Interviews, die ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit sind. Hat sich ein:e Interviewpartner:in gemeldet oder anders gefunden, nehme ich mir viel Zeit für das Gespräch und bringe eine Kamera oder ein Ton-Aufnahmegerät mit, um möglichst viele Details festhalten zu können. Manchmal braucht es mehrere Treffen, um alles zu berichten und Fragen zu klären, die aufkommen. Diese Gespräche sind ein bedeutender Teil unserer Museumssammlung und werden auch noch einmal aufgeschrieben, damit sie nicht verloren gehen. Manche von ihnen kommen in die Ausstellung.  Für mich sind diese Interviews, also die anvertrauten Lebensgeschichten, immer etwas Besonderes: Jede Biographie ist wie ein neues Fenster, durch das sich weitere Blickwinkel eröffnen.“ 

Tanja Fittkau, Dr. phil. , *1973

  • Im DAH seit: August 2010

  • Studium der Geschichte und der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft

  • Promotion über Überfahrtsbedingungen von Migrant:innen und deren Erfahrungen an Bord 1830 bis 1932.

  • Sammlungsleiterin des Museums, betreute unter anderem verschiedene Sonderausstellungen

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„Als Sammlungsleiterin und Historikerin arbeite ich oft mit „Objekten der Auswanderung“. Es sind die Teile der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses, die von der Auswanderung aus Deutschland und Europa erzählen. Egal ob Briefe, Pässe oder auch ein persönliches Erinnerungsstück, sie sind wesentlich für unsere Forschung. In Biographien haben sie oft eine ganz besondere Bedeutung und enthalten persönliche Aussagen darüber, was es heißt auszuwandern. Doch auch zum Beispiel Formulare verraten viel über vergangene Lebenswirklichkeiten, gerade da man sie vergleichen kann. Mich persönlich fasziniert es, bei meiner Arbeit darüber zu erfahren, wie der Alltag von Menschen früher aussah, wie sie mit ihm umgingen und wie er sie prägte. Ganz praktisch beginnt meiner Arbeit mit den Objekten beim Kontakt mit potentiellen Schenker*innen. Nach einem Interview mit diesen erforsche ich die Details der Objektgeschichte, setze das Wissen  wie Puzzleteile zusammen, und schließlich inventarisiere ich die Objekte. Außerdem sorge ich dafür, dass alles richtig gelagert und gepflegt wird, damit alle Objekte lange erhalten bleiben.“

 Marie Grünter, M.A. * 1990

  •  Am DAH seit: Oktober 2018

  •  Studium der osteuropäischen Geschichte in Frankfurt/Oder, Breslau und München, mit den Schwerpunkten Nationalismus- und Antisemitismusgeschichte sowie Zwangsmigration während der Weltkriege

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„In der erneuerten Dauerausstellung des Deutschen Auswandererhauses wird Auswanderung über Bremerhaven weniger als eine nationale, sondern als europäische Geschichte erzählt. Seit den 1880er Jahren wanderten von hier viele Menschen aus Österreich-Ungarn und dem Russländischen Reich aus. Diese Menschen spielen in meiner Arbeit eine besondere Rolle: Seit meinem Studium setzte ich mich sehr bewusst mit der Geschichte der Region auseinander, nachdem ich gemerkt habe, dass ich wenig übr Osteuropa wusste. Nun recherchiere ich unter anderem zu den Reisewegen quer durch Europa, sogenannter „Transitmigration“ – und was aus den osteuropäischen Auswander:innen im neuen Land wurde. Eine große Zahl, besonders aus dem Russländischen Reich, waren Jüd:innen, die Armut und drohenden Pogromen entkommen wollten. Viele fanden im 19. Jahrhundert in der boomenden New Yorker Kleidungsindustrie Arbeit, wo sie meist wenig verdienten. Die damaligen Nähorte prägten den Begriff „Sweatshop“. Die spannende Arbeit, einen solchen in den Ausstellungsräumen mitzugestalten, war eine besondere Aufgabe der vergangenen Monate für mich.“

Rosalia Zamora, M. Sc., *1989

  • Im DAH seit: September 2019

  • Studium der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie, Lateinamerikastudien und Heritage Management in Hamburg, Halle und Dessau

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„Das Deutsche Auswandererhaus erzählt nicht nur die Geschichte der Auswanderung, sondern auch der Einwanderung nach Deutschland. Hier zeigen wir Objekte, die Teil der persönlichen Lebensgeschichten von Einwander:innen sind. Diese Objekte verraten aber auch viel über die geschichtlichen Hintergründe von Einwanderung. „Materielles Kulturgut“ zu bewahren - also auch Gegenstände, die auf den ersten Blick nicht sonderlich wertvoll erscheinen, verraten uns wesentliches über kulturelle Geschichte. Das kenne ich bereits aus meinem Studium der Archäologie und der Denkmalpflege. Wichtig in meiner Arbeit am Deutschen Auswandererhaus ist aber auch das nicht-materielle Kulturgut, das mit den Objekten verbunden ist: die Erfahrungen von Einwander:innen, die sie mir in Oral History-Interviews berichten und die diese Objekte erst so besonders machen. Dabei wird mir immer wieder klar, warum es wichtig ist, diese Geschichten in das kulturelle Gedächtnis zu schreiben: Viele dieser Menschen müssen erleben, dass es seit über 40 Jahren immer wieder dieselben Diskussionen rund um Einwanderung gibt – und die Gespräche immer wieder von vorne beginnen.“

Christoph Bongert, M. A.,*1980

  • Im DAH seit: Juli 2013

  • Studium der Philosophie, Geschichte, Literatur- und Sprachwissenschaft in Tübingen und Berlin

  • neben der wissenschaftlichen Arbeit am Deutschen Auswandererhaus betreut er unter anderem Kooperationen mit Universitäten und die Fachbibliothek des Museums

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„Wer miteinander debattiert, muss sich nicht bekriegen. Wenn gesellschaftliche Debatten offen für alle sind und es die Beteiligten schaffen, mit Argumenten offen für einander zu bleiben, dann begründen gerade Auseinandersetzungen das Miteinanderauskommen. Debatten machen dementsprechend auch einen Teil der Migrationsgeschichte aus. Im „Saal der Debatten“ zeigen wir an Beispielen der jüngeren deutschen Geschichte, wie solche Debatten verlaufen – und auch, wie sie aus dem Ruder laufen können. Als Historiker habe ich mich dafür mit der sogenannte „Asyldebatte“ von den 1980ern bis zur Änderung des Asylparagraphen 16 des Grundgesetzes befasst. Man sollte hier immer von „sogenannter Asyldebatte“ reden, da die „Debatte“ in Politik und Medien mit so extremer, alltäglicher Gewalt gegen als nicht-deutsch und/oder links kategorisierte Menschen einherging. Ich selbst bin in den 90ern mit den Berichten über „Rostock-Lichtenhagen“, „Mölln“ und „Solingen“ aufgewachsen. So waren die Interviews, die ich mit Menschen führte, die sich damals für Geflüchtete eingesetzt haben oder selbst geflüchtet sind, auch die Chance, einen neuen Blick auf eigene Erinnerungen zu gewinnen.“

Ewgeniy Kasakow, Dr. phil. , *1982

  •  Im DAH seit: April 2020

  • Studium der Kulturgeschichte Ost- und Ostmitteleuropas, Philosophie und Geschichte in Bremen

  • Promotion an der Universität Bremen über die Modelle der Opposition in der Sowjetunion der Perestroika-Zeit

  • Publikation: Ewgeniy Kasakow: Scheiternd voran. Aktuelle Literatur zu linken Werdegängen in Ost und West. Neue Politische Literatur 66, S. 205–220 (2021).

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„Die Geschichte der Migration ist auch die Geschichte der Situation in den Herkunftsländern. Wer durch das Deutsche Auswandererhaus geht, versteht durch die Migrationsgeschichte sowohl die Bremerhavener Lokal- als auch die Weltgeschichte besser. Manche Familiengeschichten bei uns lassen sich über verschiedene Generationen und Kontinente verfolgen. In der neuen Ausstellung werden die Besucher:innen zudem vielen Migrant:innengruppen begegnen, die in der öffentlichen Wahrnehmung bisher wenig bekannt waren, wie die „Displaced Persons“ (DPs) der Nachkriegszeit. Einige Gruppen werden bis heute selten als Einwanderer betrachtet, wie Vertriebene oder DDR-Flüchtlinge. Andere, wie (Spät)Aussiedler:innen, galten zwar bei den Behörden nicht als Ausländer:innen, wurden aber von der Gesellschaft so behandelt. Das führte häufig zu Frustrationen. Einige dieser Lebensgeschichten, zu denen ich in den vergangenen Monaten arbeitete, finden sich in unserem Neubau. Dort geht es auch um die erste Integrationsdebatte der Bundesrepublik, für die ich nach Zeitzeug:innen suchte und von ihnen zahlreiche Originaldokumente erhielt: der Beschluss des Lastenausgleichgesetz (LAG) 1952.“

Astrid Bormann, M.Sc., *1984

  • Im DAH seit: April 2020

  • Studium der Archäologie in Schottland und England

  • Mitarbeit in der Bildungsabteilung von Stonehenge, dem Neanderthal Museum und dem Odysseum sowie in versschiedenen Forschungsprojekten z.B. in Çatalhöyük Research Project (UNESCO World Heritage)

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„Ich bin Museumspädagogin und das mit Leib und Seele. Meine Aufgabe ist es, die Inhalte des Deutschen Auswandererhauses an die Besucher:innen zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass ihr Besuch zu einem bedeutsamen Erlebnis wird, das sie noch lange begleitet. Das geschieht auf ganz vielfältige Art und Weise, die dem weiten Spektrum unserer Besucher:innen und ihren ganz unterschiedlichen Gründen zu uns zu kommen, entspricht. So gestalte ich eine Vielzahl an Programmen und Veranstaltungen, um den verschiedenen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht zu werden. Ich liebe die Arbeit mit und für Menschen und experimentiere, brainstorme, erarbeite Inhalte und Ansätze, um unseren Bildungsauftrag so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. – schließlich ist die Bildungsarbeit eine der Kernaufgaben des Deutschen Auswandererhauses. Migration ist ein gesellschaftlich umstrittenes Thema, das Mut, Empathie und Offenheit braucht, um Gemeinsam-Leben positiv zu gestalten. Dafür möchten wir Menschen nachhaltig stärken.“