Samstag, 19. November 2022 - Die Eröffnung

„Es war ein anderes Land“ – DDR, BRD und die kubanisch-deutsche Geschichte

Der Herr mit den hellgrauen Haaren und ebenso grauen Augen schaut ernst, als das Thema auf den Systemwechsel von DDR zu BRD kommt: „Die meisten hatten es am Anfang schwer. Die Verträge wurden gekündigt, alle mussten zurück nach Hause,“ schildert er die Erfahrung vieler Kubaner:innen, die kurz vor dem Mauerfall in der DDR lebten. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt auf seiner Geburtsinsel: Weil er nicht mit der Stasi zusammenarbeiten wollte, wurde der Dolmetscher, der seit Anfang der 1980er Jahre in der DDR lebte, erst inhaftiert und dann von DDR und Kuba gleichermaßen gezwungen für fünf Jahre in den realsozialistischen Staat in der Karibik zurückzukehren.

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Macht neugierig: Die gläserne Front der ACOMIS erlaubt einen kleinen „Sneak Peek“ in die Ausstellung. Für das Interview-Hören geht es dann doch ins Museum hinein.

Ich stehe im Neubau des Deutschen Auswandererhauses in der neuen Sonderausstellung „ ‚… BISSCHEN ANDERS, ABER GENAUSO‘. Kubanisch-deutsche Geschichte in DDR und BRD 1964 bis heute.“ Heute, am 19. November 2022, ist Eröffnungsfeier. Bis zum 28. Februar 2023 kann man sie mit einem regulären Museumsticket besuchen. Dann geht es für Objekte, Filme und Textplatten im März in das Museum in der Kulturbrauerei in Berlin. In dem Sonderausstellungsraum, den man über das Forum Migration und die Familienrecherche erreicht und der heute durch die großen Fenster zum Hafen von wunderbarer Spätherbstsonne geflutet wird, „schweben“ Text- und Bildtafeln rund um das Herz der Ausstellung: ein großer Bildschirm mit Filmaufnahmen und Interviewausschnitten, mehrere individuelle Videostationen mit auswählbaren Kapiteln aus den Interviews mit zehn Zeitzeug:innen, Vitrinen mit persönlichen Erinnerungsobjekten.

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Kleine Schätze in Vitrinen: Die Gäste der Vernissage - manche von ihnen selbst eine der Stimmen der Ausstellung (1.v.l. Andreas Piper, 3.v.l. Yvette Arenas) - sind gespannt auf die Erinnerungsobjekte.

Etwa ein paar weiße Satinpumps und ein Flyer mit einem der Kunstwerke an der Eastside Galerie in Berlin, deren originales Pendant die Künstlerin Teresa Casanueva geschaffen hat.

Gerade schaue ich mir den Bericht von Jorge Luís García Vázquez an und höre von seiner Freude über den Mauerfall, von dem er erst am 10. November 1989 von Tourist:innen auf der Straße erfuhr. Mit einem selbstironischen Lächeln berichtet er von seinem Schock über die aufgeschnappten deutschen Sprachfetzen auf einem Kirchplatz Havannas: „Ich hatte vorher ein paar Mojitos getrunken. Ich dachte ich bin blau.“ Auch ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Nachvollziehbar, der Gedanke. Ich hätte es wohl auch nicht direkt geglaubt. Jorge ließ es sich von den freudig aufgeregten Reisenden dann persönlich bestätigen.

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Meister-Vermittlerin zwischen Spanisch und Deutsch: Celina Höhne (4.v.l.) als junge Dolmetscherin bei einer Fabrikbesichtigung.

Die deutsche Geschichte, auch wenn Jorge an jenem Novemberabend in Havanna spazieren ging, ist bereits 1989 ein wichtiger Teil der Lebensgeschichte des heutigen Berliners, der in einem Erinnerungsort zur SED-Diktatur, in der Gedenkstätte Berlin-Höhenschönhausen, arbeitet. Und irgendwie scheint es mir auch ganz selbstverständlich, dass er diese Geschichte als seine eigene erzählen kann. Er hat ja Jahre in Deutschland gelebt, gearbeitet – und dort Verhöre und Gefängnis ertragen müssen. Trotzdem – das muss ich zugeben – wäre er, aufgrund seiner Herkunft, für meine Sehgewohnheiten ein ungewöhnlicher Gast in einer „klassischen“ Fernseh-Dokumentation über das Ministerium für Staatssicherheit.

Heute am Eröffnungstag gehört er zu jenen Zeitzeuginnen, die auch persönlich anwesend sein können und auf der Bühne ein paar Worte sagen. Auch hier spricht er unter anderem über sein Engagement in der Gedenkstätte, sein Engagement gegen das Vergessen des Unrechts, das auch er erleben musste. Ein gewissenhafter Mit-Schreiber und spannender Erzähler deutscher Geschichte, merkt man. Eigentlich ein super Interviewpartner für jede Dokumentation. Aber das sind wirklich alle Zeitzeuginnen hier auf ihre individuelle Weise.  

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Hat sich zusammen mit dem Projektteam „Deine Geschichte“ viele Gedanken zum Thema Geschichtsschreibung gemacht : Kuratorin Lina Falivena.

Noch stärker merke ich meine hinterfragenswerten Sehgewohnheiten etwa bei Celina Höhne, die als Celina Mesa Gonzalez 1944 in Santiago de Cuba zur Welt kam. Die sympathische ältere Dame mit klassischem Perlenschmuck hat heute weißes Haar, aber auf den Filmaufnahmen aus ihrer Studienzeit in Berlin, die ich mir in der Ausstellung anschauen kann, sind ihre Locken noch von tiefdunkler Farbe. In einer „regulären“ Dokumentation über das Leben in Berlin und Leipzig wäre sie als Schwarze Frau vermutlich nicht als Erste zu Wort gekommen. 

Dabei kann sie fast 60 Jahre Berliner Historie aus erster Hand schildern. Als Dolmetscherin für die Volkskammer und anderen relevante Institutionen, wie die kubanischen Botschaft, hat sie mit ihren Übersetzungen auch ganz aktiv politische und wirtschaftliche Prozesse mitgestaltet. Natürlich, als verlässlicher Profi, mit sorgfältigen Übersetzungen. Aber ohne die wäre vielleicht an verschiedensten Stellen Kleines und Größeres anders verlaufen. Und nebenher sind die Geschichten aus dem Übersetzer:innenalltag auch eine ziemlich interessante Sache.

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Begegnung der doppelgängerischen Art: Maik Miklós vor der Texttafel mit einem Stück seiner Lebensgeschichte.

Und, so fürchte ich, auch Menschen wie Yvette Arenas würden eher selten in konventionellen Alltagsberichten zur ostdeutschen Geschichte zu sehen sein: Wer ein Ohr dafür hat, hört ein kleines bisschen, dass die kluge Frau mit der bedachten Erzählweise in Thüringen groß geworden ist. Auf die Welt kam sie in den 1970ern in Saalfeld, der heutigen Kreisstadt an der Saale, als Tochter einer DDR-Bürgerin und eines Kubaners, Juan Miguel Arenas Mestre. Der erzählt auch selbst in der Ausstellung aus seinem Leben zwischen Kuba und DDR, Realsozialismus und Kapitalismus.

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Mario Agustin Figueredo Gonzalez kam in den 1980ern in die DDR um im Schienenbau zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr ist er bis heute bei der Bahn tätig.

Yvette kann, wie viele andere, die 1982 eingeschult wurden, von Kinderzeit und Sportgymnasium „im Osten“ wie von ihrer Jugend in den unruhigen 90er Jahren berichten, von den faden, staatlichen Jugendzeitschriften und begehrlichen Raritäten wie der „Bravo“. Aber eben auch aus einer Perspektive, die viele ihrer Klassenkamerad:innen nie selbst kennen gelernt haben.

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Erzählen auf ganz unterschiedliche Weise von ihrem Stück deutsche Geschichte (vl.n.r.): Jorge Luís García Vázquez, Maik Miklós, Teresa Casanueva.

Der Umstand, dass sie diese Erlebnisse durch die Augen einer Schwarzen Frau schildert, würde sie wohl eher zu einer Zeitzeugin von „Spezialthemen“ wie Rassismus machen. Denn wo die anderen Teenager vielleicht sogar den Artikel über junge rechte Straßenschläger in der "Bravo" überblätterten, muss sich Yvette mit der realistischen Angst auseinandersetzen im Westen als "Ausländerin", wie die Zeitschrift es damals nennt, behandelt zu werden. Mit der Angst um sich, den eigenen Bruder und den Vater, mit der Angst vor der Gewalt, die die Wende und der aufflammende Nationalismus und Rassismus bald schon mit sich bringen.

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Großer Tag 1982: Die kleine Yvette Arenas mit Eltern und Tante auf dem Weg zur Einschulungszeremonie.

Und damit, dass es eine Angst ist, die kaum jemand mit ihr teilt. Das gleiche gilt für Maik Miklós der 1980 in Guben, im heutigen Brandenburg, zur Welt kam und der von den besorgten Eltern abendliches „Ausgehverbot“ bekam. Dabei erlebte er schon tagsüber als Teenager immer wieder rassistische Gewalt, - was er aber recht trocken, mit etwas düsterem Humor damit einordnet, dass er nun mal kleiner als die kubanischen Arbeiter:innen gewesen sei.

Beide, Yvette und Maik, sind am Eröffnungstag angereist und schauen mit Interesse, welche Momente und Zitate ihrer Interviews in die Ausstellung gekommen sind.

Beklemmend der Gedanke, dass Yvette wie Maik potentiell nicht für beides gleichermaßen wahrgenommen werden: Für die Erfahrung, die eben so nur Schwarze Menschen und People of Color mit ihnen teilen können, und für die Erfahrungen, die eben nur „Ossis“ mit ihnen gemeinsam haben. Nur für entweder das eine oder das andere. Oder eben für nichts von beidem.

Ich, die den Mauerfall als sehr kleines, Weißes Mädchen unter dem Couchtisch meiner Eltern in Schleswig-Holstein mitbekommen hat, kann in allen Fällen vor allem eines: zuhören. Eben etwa hier in der Sonderausstellung.

Es ist spannend, wie die Kombination der Biographien, Bilder und Ideen hier meinen Blick dafür schärft, dass die wunderbar erzählten, spannenden, teils heiteren, teils düsteren Erfahrungen oft unsichtbar bleiben, wenn es um das geht, was mir als deutsche Geschichte im Alltag begegnet.

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Begegnung der doppelgängerischen Art II: Auch Andreas Piper hat seine Biographie entdeckt.

Entsprechend erzählt mir jemand von deutscher Migrationsgeschichte, auf den ich nicht sofort gekommen wäre: Andreas Piper war Hausmeister in den Wohnheimen kubanischer Arbeiter:innen, von denen oft erwartet wurde, dass sie "unter sich" bleiben. Viele von ihnen arbeiten und erhalten zugleich eine Arbeitsausbildung, die sie dann in Kuba nutzen sollen, wie auch Mario Agustin Figueredo Gonzalez. Der stürzte sich auch mal zum Tanzen in Halles Nachtleben, verliebte sich und heiratete. Trotz Ehe war die Rückkehr nach Deutschland für ihn bürokratisch nicht einfach.

Andreas Piper kann eher von der breiteren Lebenssituation dieser jungen Erwachsenen berichten, schloss damals langfristige Bekanntschaften und Freundschaften. Auch auf der Vernissage erzählt er gerne davon. Auf den alten Fotos in der Ausstellung sieht er aus, wie sich wohl viele Menschen den typischen Heranwachsenden der DDR, mit Trainingsjacke und Che Guevara-Poster hinter sich, vorstellen. Der „Fremde“, „Andere“ wird Andreas im Westen, wo es nicht immer leicht für ihn war als ehemaliger DDR-Bürger nach der Ausreise 1989 Arbeit zu finden. Nicht jede:r erlebte dieses Fremdgemacht-Werden so wie er. Viele betonten lieber ihr „Deutschsein“, doch ihn verbindet mit den Menschen deren Wohnhäuser er einige Zeit reparierte, pflegte und instand hielt.

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Begegnung der doppelgängerischen Art III: Teresa Casanueva arbeitet als Künstlerin auch mit Leinwänden. Diese ist nicht ihre Kreation, aber ihrer Geschichte gewidmet.

Egal, ob in der Uni oder in der Ausbildung zu praktischen Berufen: Kubaner:innen und Deutsche schlossen durch den gemeinsamen Alltag, wo es ihn gab, Freundschaften, verliebten sich und gründeten Familien. Wie auch José Angel und Bettina Agüero Villegas, die bis heute nahe Dresden wohnen und deren Kinder jetzt schon selbst „flügge sind“. Hier in der Ausstellung liegt Bettinas Verlobungsring. Zeugnis eines mutigen Versprechens gegen viele Widrigkeiten.

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Die Kinder sind schon groß: Brautschuhe, Verlobungsring und die Geschichte der Liebe von José Angel und Bettina Agüero Villegas zeigt die Ausstellung.

Als die politische Wende kommt, sollen die Kubaner:innen, das hatte ich bereits bei Herrn García Vázquez gehört, zurück nach Kuba, diesmal nicht nur zeitweilig, sondern für immer. Nicht wenige derer, die nicht in der DDR geboren wurden, nahmen trotzdem den (das wird ziemlich schnell klar) gigantischen „Papierkram“ auf sich, den es brauchte, um aus Kuba nach 1989 in die sich neu findende Bundesrepublik zurückzukehren. Manche von ihnen der Liebe, andere der Freiheit oder des neu gefundene Zuhauses wegen. Zurück kehrten sie alle in ein Land, das ebenso Teil ihrer Geschichte ist, wie sie ein Teil seiner.

Magdalena Gerwien

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