Objekt des Monats

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

April 2025

Fotopostkarte "Columbusbahnhof", 1928

Größe

9 x 13,7 cm

Material

Papier/Karton

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Sammlung Deutsches Auswandererhaus

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Historische Einordnung

Während des Ersten Weltkrieges kommt der Passagierverkehr in Bremerhaven, ebenso wie in den anderen deutschen Häfen, zum Erliegen. Erst Anfang der 1920er nimmt er wieder Fahrt auf: Sind es 1921 zunächst nur etwas mehr als 8.000 Personen, schiffen sich 1923 schon wieder rund 68.500 Auswandernde in Bremerhaven ein. Der Norddeutsche Lloyd blickt zu Beginn der 1920er Jahre entsprechend hoffnungsvoll auf die weitere Entwicklung seines Geschäfts, und fordert von Bremen den Ausbau der Passagierabfertigungsanlagen. Zwar können in der noch bestehenden Anlage am Vorhafen der Kaiserschleuse jährlich über einhunderttausend Passagiere abgefertigt werden; doch der Norddeutsche Lloyd geht von einem stärkeren Anstieg der Passagierzahlen aus und zudem erscheint ihm der alte Bau neben den neuen Luxusdampfern nicht mehr passend. Im Bremer Senat teilt man den Optimismus der Reederei. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte man dort Pläne diskutiert, an der Weser eine 1000 Meter lange Kaje für die Abfertigung der großen Passagierschiffe zu bauen. Diese Pläne werden nun ab 1924 umgesetzt. Die Columbuskaje entsteht, und eine neue Passagierabfertigungsanlage wird errichtet.

Die Genese des Columbusbahnhof

Die neue Passagierabfertigungsanlage, der Columbusbahnhof, ist mit Holz verkleidet und weiß gestrichen. Das neue Empfangsgebäude enthält im südlichen Teil die geräumigen Wartesäle für die Erste und Zweite Klasse, mit einem besonderen Damenzimmer; außerdem befindet sich dort der Wartesaal für die Dritte Klasse sowie Wirtschaftsräume. Stromabwärts schließt der Mittelbau mit seinen vier Etagen an, in dem sich Büros und Dienstwohnungen, Räume für Post und Telegrafie, für den Zoll, die Polizei sowie eine Krankenstation befinden. Den Abschluss des Gebäudekomplexes bildet die neue Zollhalle. Zudem erhält die Abfertigungsanlage ein Restaurant mit Blick auf die Weser, von dem aus Angehörige und Schaulustige Ankunft und Abfahrt der Dampfer in Ruhe verfolgen können, ohne die Betriebsabläufe zu stören. 1928 wird die Anlage in Betrieb genommen.

Die vom Norddeutschen Lloyd gehegten Erwartungen sollten sich allerdings nicht erfüllen: Das Jahr 1923 stellt den Höhepunkt der Nachkriegsauswanderung dar. Dafür kommen nun zwar vermehrt touristische Reisende an Bord der großen Passagierdampfer, aber trotzdem schiffen sich im Jahr 1932 nur noch rund 40.000 Passagiere ein, und der Abwärts-Trend setzt sich in den 1930ern fort.

Bedeutung des Objekts

Ein wichtiger Aspekt von Migrationsgeschichte ist die Frage nach den logistischen Entwicklungen: Welche Reisewege wählten Migrierende? Welche Reisebestimmungen galten dabei zu verschiedenen Zeiten? Welche Beförderungsmöglichkeiten gab es? Welche Dienstleistungen waren damit verbunden? Migrationslogistik war und ist ausschlaggebend für den Umfang und die Umstände von Migration.

Die Postkarte mit der Abbildung des „Columbusbahnhof“ ist ein handelsübliches Serienprodukt ihrer Zeit, doch gleichwohl ist sie auch ein wichtiges migrationsgeschichtliches Objekt: Da Schiffe bis zum Aufkommen der Konkurrenz durch den Luftverkehr ab Mitte des 20. Jahrhunderts das einzige Verkehrsmittel für Millionen Migrierende darstellten, kam den deutschen Häfen entsprechende Bedeutung zu. Postkarten stellten im Konkurrenzkampf der Häfen um Passagiere beliebte Marketingmittel dar: Durch Abbildungen, in diesem Fall der Passagierabfertigungshalle in Bremerhaven, wurden die vor Ort gebotenen Vorzüge angepriesen. Migrierende versandten Postkarten mit Nachrichten an zurückgebliebene Familienmitglieder oder Freunde; für sie stellten diese eines der Kommunikationsmittel dar, mit denen die Verbindung in die alte Heimat aufrechterhalten wurde. Mit dem Erwerb und Versand solcher werbewirksamen Postkarten unterstützten sie die Öffentlichkeitsarbeit der jeweiligen Häfen; manchmal wurden die Postkarten aber auch von den Migrierenden als persönliche Erinnerung aufbewahrt. Für die Migrationsforschung heute bieten solche Postkarten wichtige bildliche Einblicke in die damaligen Gegebenheiten.

Haben auch Sie …

… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0

oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

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