Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
April 2026
ILGWU-Gewerkschaftslabel, um 1960
Größe | 2,5 x 1,6 x 0,1 cm |
Material | Metall |
Sammlung | Deutsches Auswandererhaus |
Historische Einordnung
In der Mitte des 20. Jahrhunderts ist New York City ein führendes Produktionszentrum der USA, besonders in arbeitsintensiven Branchen wie der Bekleidungsindustrie. Dort sind die Arbeitsbedingungen sehr unterschiedlich: Neben zahlreichen nicht-organisierten Sweatshops mit niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten – in denen vor allem Migrant:innen beschäftigt sind – gibt es auch organisierte Betriebe, die durch kollektive Verhandlungen und politischen Einfluss bessere Bedingungen bieten. US-Gewerkschaften sind besonders im Nordosten stark. Eine der größten, die International Ladies’ Garment Workers’ Union (ILGWU), zählt zu dieser Zeit rund 450.000 Mitglieder und hat Tarifverträge in mehr als der Hälfte der Bekleidungsbetriebe des Landes – die meisten in New York.
Als Reaktion auf sich verändernde Arbeitsbedingungen verlagern viele Unternehmen zwischen 1945 und 1975 ihre Produktion aus dem Nordosten in den Süden der USA oder ins Ausland, um von günstigeren Produktionsbedingungen zu profitieren. Dies trägt zur allmählichen Deindustrialisierung New Yorks bei. Ab den 1950er-Jahren bezeichnet man solche abgewanderten Betriebe als „Runaways“. Auch dadurch halbiert sich zwischen 1950 und 1975 die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe in New York – von der Bekleidungs- und Möbelindustrie bis zur Lebensmittelverarbeitung. 1960 arbeiten noch über 900.000 Menschen, bis 1974 sinkt diese Zahl auf unter 280.000.
Als Antwort auf diese Entwicklung versucht die ILGWU nicht nur politisch und gewerkschaftlich gegenzusteuern, sondern auch Konsument:innen einzubeziehen. 1959 startet sie eine nationale Union-Label-Kampagne. In den ersten drei Jahren werden etwa 1,7 Milliarden Labels verteilt, die zeigen, dass die Produkte in gewerkschaftlich organisierten Betrieben – und damit unter vergleichsweise fairen Arbeitsbedingungen – hergestellt werden. Eines dieser Labels befindet sich heute im Deutschen Auswandererhaus und ist das „Objekt des Monats“.
Das Label in der "Sweatshop"-Vitrine
Kurze Geschichte der ILGWU
Die International Ladies‘ Garment Workers Union (ILGWU) wird am 3. Juni 1900 in New York gegründet. Sie vertritt Arbeiter:innen der Textilindustrie, die Damenbekleidung herstellen. Anfangs hat die ILGWU etwa 2.000 Mitglieder, überwiegend jüdische Einwander:innen aus Osteuropa. Nach der starken Streikbewegung von 1909/10 wächst die Mitgliederzahl auf über 84.000. Obwohl die Führung männlich dominiert bleibt, besteht die Mehrheit der Mitglieder aus Frauen, die die Gewerkschaft aktiv prägen. Später kommen verstärkt afroamerikanische, asiatische und lateinamerikanische Arbeiter:innen hinzu, darunter viele aus Puerto Rico.
Zu den wichtigsten Aktionen der ILGWU zählen der Streik „Uprising of 20,000“ (1909), die größte Frauenstreikbewegung in der US-Geschichte, angeführt von der ukrainisch-jüdischen Einwanderin Clara Lemlich, sowie der „Great Revolt“ (1910) mit rund 60.000 streikenden Mantelhersteller:innen. Diese Streiks führen zum sogenannten „Protocol of Peace“, einem bedeutenden Abkommen zwischen der ILGWU und Arbeitgeber:innen in New York. Es bringt unter anderem eine 50-Stunden-Woche und Mindestlohnerhöhungen.
Über die Arbeitskämpfe hinaus engagiert sich die ILGWU auch in der Bildungs- und Sozialarbeit für ihre Mitglieder. Ab 1973 sinkt die Mitgliederzahl aufgrund von Betriebsverlagerungen und wachsender ausländischer Importkonkurrenz deutlich. 1992 zählt die ILGWU noch etwa 130.000 Mitglieder. 1995 fusioniert sie mit der Amalgamated Clothing and Textile Workers Union zur Union of Needletrades, Industrial and Textile Employees (UNITE).
Im Raum "Sweatshop" erfahren Besuchende mehr über die Geschichte von Arbeitskämpfen
Bedeutung des Objekts
Ein ILGWU-Label im rekonstruierten New Yorker Sweatshop im Deutschen Auswandererhaus zeigt einen wichtigen Abschnitt der Geschichte des Arbeitskampfes. Obwohl das erste Label bereits mit der Gründung der ILGWU entsteht, wird es erst mit der nationalen Kampagne 1959 systematisch und massenhaft genutzt. Erst danach erscheinen Milliarden Labels auf Kleidung und anderen Gegenstände und laden Käufer:innen dazu ein, gewerkschaftlich hergestellte Produkte zu wählen.
Unser Exemplar gehört zu einem Design der Jahre 1959-1963, erkennbar am charakteristischen gezackten Emblem mit Nadel und Faden. Labels ohne dieses Merkmal deuten auf eine Herstellung vor den 1950er-Jahren hin. Spätere Labels sind häufig farbig (rot und blau) und tragen zusätzliche Kennzeichnung wie das ®-Symbol („Registered Trademark“) und den Hinweis “Made in the USA”. Die Zahlen und Buchstaben auf dem Label dienen der Dokumentation und Identifikation der beteiligten Arbeitgeber:innen; die genaue Funktionsweise dieses Systems ist heute jedoch nicht mehr vollständig bekannt.
Das Label wird zudem bei vielen Gewerkschaftsveranstaltungen verteilt, um andere Gewerkschaften und die breite Öffentlichkeit zu erreichen. 1975 verstärkt ein über Radio und Fernsehen verbreiteter Jingle die Kampagne und bleibt vielen Jahrzehnte im Gedächtnis:
Look for the union label
when you are buying that coat, dress, or blouse.
Remember somewhere, our union’s sewing,
our wages going to feed the kids, and run the house.
We work hard, but who’s complaining?
Thanks to the ILG we’re paying our way!
So always look for the union label,
it says we’re able to make it in the U.S.A.!
Text: Paula Green, Musik: Malcolm Dodds
Obwohl die Kampagne und ihr Label nur begrenzt den Konsument:innenaktivismus steigern, wird sie kulturell sehr bekannt. Sie erhöht die öffentliche Wahrnehmung gewerkschaftlicher Arbeit und vermittelt ein weithin sichtbares Bild der organisierten Arbeiter:innenklasse – insbesondere von Frauen, Migrant:innen und People of Color.
Haben auch Sie …
… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0
oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de